Sie hatte den ganzen Tag über mit Rhonin und den anderen diskutiert und Taktiken für den bevorstehenden Kampf ausgetüftelt, die sie Tirion bei ihrer Ankunft in der Belagerungsfestung der Allianz unterbreiten wollte.
Als sie abends in das Bett in dem schönen Zimmer der Violetten Zitadelle stieg, war sie überrascht, wie schnell die Müdigkeit sie zu übermannen drohte. Als sie aber darüber nachdachte, wurde ihr klar, wie geschwächt sie von dem Fluch noch immer gewesen war, und so dauerte es nur wenige Augenblicke, bis sie in den Schlaf sank.
Die Umgebung war ihr bereits vertraut, in ihrer verfluchten Ohnmacht war sie schon einmal hier gewesen. Sie hörte das Rauschen des Meeres, die Schreie der Möwen, und auch die schöne Priesterin stand einmal mehr mit den nackten Füßen in den sich brechenden Wellen. Sie war wieder in das leichte, weiße Trägerkleid gehüllt, doch die langen, offenen Haare und das fehlende Lachen ließen die Elfe darauf schließen, dass dies nicht wieder die junge Ausgabe der Menschenfrau war. Als sie schließlich an sie herantrat, war Dolette sicher, dass es die Hohepriesterin von heute war. Sie schaute an sich selbst hinab und war erstaunt festzustellen, dass auch sie nicht wieder im Körper der Paladin steckte, sondern sie selbst geblieben war. Dolette stand nun direkt hinter Marialle und legte ihr eine Hand auf die Schulter, um sie dazu zu bewegen, sich zu ihr zu drehen. Die Priesterin kam der Aufforderung nach, und leichte Überraschung zierte ihre ansonsten makellosen Züge.
Was machst du hier?, fragte Marialle offensichtlich irritiert. Die dunkle Elfe legte fragend den Kopf schief. Das hier ist die Vergangenheit, du gehörst hier gar nicht hin.
Was sollte das für ein Traum sein, in dem die Todesritterin ihre Erinnerungen an die Paladin störte? Seit Dolette von ihr gegangen war, hatte sie oft von dieser Szene geträumt. Einem ihrer glücklichsten Momente, damals in Theramore, kurz vor ihrer Heimreise. Alle Unklarheiten zwischen ihr und Dolette waren ausgeräumt, und sie konnten, scheinbar befreit, in die Zukunft blicken. Was machte also die Todesritterin hier? War es, weil Marialle bewusst geworden war, dass sie mittlerweile auch sie lieben konnte? Wieso sollte ich nicht hier sein?, fragte nun die dunkle Elfe. Den Kopf noch immer neugierig schief gelegt. Das hier ist die Vergangenheit, meine Geliebte sollte hier zu mir kommen, und wir würden uns lieben, bis der Morgen graut, erklärte die Hohepriesterin leicht genervt. Sie war gereizt. So viele Male hatte dieser Traum ihr Trost gespendet, ihr gezeigt, wie schön die, vielleicht kurze, aber kostbare Zeit war, die sie mit der Paladin verbrachte. Waren ihre Gefühle für die Todesritterin in so kurzer Zeit so stark geworden, dass die Realität die Erinnerung trübte?
Plötzlich veränderte sich die Umgebung. Es wurde Nacht, und die beiden Frauen standen sich auf einmal in einem See, umringt von Bäumen, gegenüber. Ihre Kleider hatten sich aufgelöst, der Mond schien auf sie herab, und Marialle wusste, wo sie war.
Es war der schicksalhafte Moment, in dem ihr klar geworden war, dass sie sich in die Todesritterin verliebt hatte. Auch Dolette sah sich verwirrt in dem Gewässer um, doch ihre Bewegungen konnten die Wasseroberfläche nicht in Schwingungen versetzen. Es war also doch definitiv ein Traum. Was soll das alles? Die Hohepriesterin war nun wirklich aufgebracht und verstand nicht, was ihr diese Träumerei einbringen sollte, außer nur noch mehr Schmerz.
Verschwinde! Ich will dich nicht sehen!, zischte sie mehr zu sich selbst, als zu der dunklen Elfe. Warum nicht?, fragte Dolette schlicht. Weil du mich wieder verlassen hast! Kurz nachdem mir klar geworden ist, dass ich dich lieben kann! Dich, eine Todesritterin, einem schleierhaften Abbild der Frau, die ich eigentlich geliebt habe! Ihre Stimme war deutlich angehoben und gereizt. Der Schmerz drang unbändig in ihr hoch und sie wollte, dass dieser Traum endet. Du... du liebst mich?, kam es zögerlich von der Elfe und Marialle stutzte. Wieso fragte diese Traum-Dolette diese Frage? Ach... Schade, dass es sich in dem Moment nicht wirklich so zugetragen hat, murmelte Dolette zu sich selbst. Naja dazu sind Träume wohl da. Träume? Eine Traumgestalt spricht doch nicht davon zu träumen. Was ging hier vor sich? Was redest du? Das hier ist mein Traum, kam es nun, zwar verwirrt, aber wieder ruhig von der Priesterin. Sie seufzte resignierend. Dein Traum? War die Gegenfrage der Elfe und in ihrem Gesicht zeichnete sich eine Erkenntnis ab. Marialle! Wo bist du grade? Sie hatte die Menschenfrau unvermittelt an den Schultern gepackt und leicht geschüttelt.
Ich vermute mal in meinem Bett, auf der Wolkenk... Da rasten auch ihre Gedanken augenblicklich hin und her.
War das möglich? Die Todesritterin war am Leben und sie trafen sich hier im Traum? Ich bin auf einem Luftschiff zurück nach Tirisfal. Und... wo bist du? fragte sie zögerlich, und die Hoffnung keimte in ihr auf, dass diese Elfe hier tatsächlich mehr war als nur ein Traumbild.
Ich bin in Dalaran, Rhonin meinte, ich hätte deine Abreise nur knapp verpasst! Ich... Die Gewissheit drang nun blitzschnell und klar in der Hohepriesterin hoch und plötzlich stiegen all die unterdrückten Gefühle wieder in ihr auf, genau wie vorhin, als sie sich in den Armen von Odessa endlich fallen lassen konnte.
Du lebst?, begann sie und ein Schluchzer unterbrach jedes weitere Wort.
Dolette dachte nicht lange nach, zog sie in ihre Arme und flüsterte ihr leise ins Ohr:
Ja, Mari. Ich habe dich nicht verlassen. Die Menschenfrau ließ ihren Tränen jetzt freien Lauf und weinte einige Augenblicke bitterlich, bevor sie sich fing und ihre Stimme wiederfand. Wieso bist du noch in Dalaran und nicht auf dem Weg, uns zu folgen? Was ist an der Pforte geschehen, als du dich auf Putress gestürzt hast?, fragte Marialle schließlich. Ich wurde von einem der Abtrünnigen aufgehalten und dachte schon, dass es das gewesen sei, doch Tirion Fordring hat mich gerettet und ich versprach ihm, dass ich ihm im Kampf gegen Arthas beistehen würde. Ich hoffte, dich von deiner Abreise abhalten zu können, aber ich kam zu spät und du..., erklärte Dolette ruhig und unterbrach sich schließlich. Ihr schmerzverzerrter Gesichtsausdruck passte perfekt in die Umgebung, denn das Bild, das sie bot, war der Priesterin nur allzu vertraut. Nun weiß ich ja, dass du noch lebst, sagte Marialle sanft und legte eine Hand auf die Wange der dunklen Elfe. Sie lächelte leicht und legte ihre Hand auf die der Menschenfrau. Ihre Blicke trafen sich, und der Moment wandelte sich magisch, als sie beide begannen, in ihren Farben zu leuchten. Das blaue Schimmern aus den Augen der Todesritterin verschwand, und sie wurden mattgold. Im Gesicht der Elfe konnte sie erkennen, dass auch ihre Augen sich veränderten und das Lächeln sowie das Leuchten erstarb. Ihr Blick war ernst geworden, und mit ihrer anderen Hand um ihre Taille zog sie die Hohepriesterin sanft, aber bestimmt näher an sich. Unvermittelt legte sie ihre aschfahlen Lippen auf die rosigen der Menschenfrau.
Marialle war überrascht von so der Initiative der Todesritterin und brauchte eine Weile, bis sie sich auf den Kuss einlassen konnte, doch der Kuss wurde jäh beendet, und Dolette drückte sich mit sanfter Gewalt, von ihr weg. Ich wache auf, Marialle, sagte sie dabei leise.
Nein! Geh nicht. Verlass mich nicht!, flehte sie die Elfe an. Niemals! Ich werde dieses Mal besser auf mich Acht geben, versprochen! Sie zwinkerte der Priesterin lächelnd zu, bevor sie verschwand.
"Bleib bei mir...", flüsterte Marialle noch leise zu sich selbst, und dann spürte auch sie den Sog des Erwachens.
Marialle schnellte hoch, schwer atmend, hielt sie sich den Kopf, dann glitten ihre Finger über ihre Lippen, und sie glaubte noch immer eine Spur des Kusses darauf zu spüren.
War das real?
Das goldene Schimmern brannte lichterloh im Inneren der Todesritterin, als sie erwachte. Marialle liebte sie, ein seichtes Lächeln glitt über ihre fahlen Lippen, bei diesem Gedanken, und sie war sich sicher, sie würde ihr Versprechen halten. Sie musste leben, für diese Menschenfrau, die dazu fähig war, ein Wesen wie sie zu lieben.
Frisch und erholt sprang sie auf und rannte hinaus durch die Türe auf den langen Flur und wandte sich in Richtung der Treppe, in der Hoffnung, im großen Audienzzimmer Rhonin anzutreffen. Und sie hatte Glück, der Erzmagier und die anderen standen am Fuß der Treppe und berieten sich gerade. "Lady Glutklinge, ich hoffe, ihr konntet euch erholen", wurde sie von Vereesa begrüßt, als diese sie entdeckt hatte. "Bestens, Lady Windläufer, vielen Dank. Ich möchte sofort aufbrechen, hättet ihr die Güte, mir einen Greifen zur Verfügung zu stellen, damit ich so schnell wie möglich bei der Allianzfeste ankomme?", brachte sie es direkt auf den Punkt. Rhonin lächelte milde, als er nickte. "Ihr scheint ja eine lebensverändernde Nacht hinter euch zu haben, Mylady. Natürlich, Vereesa, begleitest du sie zu Karsus?" Die Hochelfe nickte ihrem Gemahl zu und wandte sich an die Todesritterin. "Na dann kommt, Lady Glutklinge. Wenn ihr es so eilig habt, wollen wir keine Zeit verlieren." Sie zwinkerte lächelnd, als wüsste sie, was die Laune der dunklen Retterin so aufhellte, und drehte sich um, aus der großen Flügeltüre zu schreiten, die nach draußen führte.
"Mein Dank ist euer, Rhonin!" Sie reichte ihm die Hand, die er noch immer grinsend einschlug, und stürmte, winkend der Waldläufergenerälin hinterher.
Draußen angekommen, eilte sie zu Vereesa, die das Wort an sie erhob, sobald Dolette aufgeholt hatte. "Hat er recht, Lady Glutklinge?" Dolette sah sie fragend an.
"Mh?"
"Eure Stimmung ist heute tatsächlich das totale Gegenteil von dem, was sie gestern noch war", erklärte die Quel'dorei verheißungsvoll ihre Frage, was die dunkle Elfe kurz schmunzeln ließ. "Ja, er hat recht", sagte sie schlicht, und Vereesa nickte und bedeutete ihr damit, dass sie es bei der Antwort belassen würde.
Beim Tempo der beiden Elfen dauerte es nicht lange, bis sie Karsus Landeplatz erreichten und auf den Befehl der Waldläufergenerälin, händigte Karsus der Todesritterin die Zügel eines Greifen aus, und sie saß direkt auf. "Richtet eurem Gemahl noch einmal meinen Dank aus, Lady Windläufer", bat sie von dem Greifen zu der Hochelfe herab, und diese nickte.
"Bleibt am Leben, Lady Glutklinge", war ihre Erwiderung. Und so trieb Dolette ihr Flugtier an und erhob sich mit einem strahlenden Lächeln hinauf gen Himmel.
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Die dunkle Ritterin - Staffel 1
FantasyStaffel 1 der Serie die dunkle Rittern laufend Kein WoW Vorwissen von Nöten. Die Geschichte einer Todesritterin, die durch einen Auftrag für Sylvanas Windläufer, an ihrem vergessenem Leben rührt. Wer war sie einst? Wer ist sie heute? Und was wird a...
