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   Das Schreien von Möwen ließ sie aufschrecken. Wellenrauschen drang an ihre Ohren und stumpfes Gehämmer aus weiter Ferne. Die gleißenden Strahlen der aufgehenden Sonne fielen durch das Fenster zu ihrer rechten. Sie drehte sich ein Stück und stellte ihre aschfahlen Füße auf dem Holzboden ab, um aufzustehen. Das Zimmer war groß und schlicht eingerichtet. Einige liebevolle Details, wie ein schöner Strauß Gartenblumen und die verzierten Gardinen, machten es lebendig. Sie stand auf und trat durch die einzige Türe gegenüber. Es war ein Wohnzimmer mit einem kleinen Sofa, dazugehörigem Tisch und zwei Sesseln, darin. Auch hier zeugten die Details von der Liebe, mit dem der Raum eingerichtet worden war. Ein Tresen trennte das Zimmer von der kleinen Kochnische und der Feuerstelle. Daneben hing ein kleiner Spiegel auf Kopfhöhe. Die Todesritterin trat an ihn heran.
Sie erschrak kurz, bevor ihr klar wurde, was sie sah. Dunkle, blaue Augen blickten zurück in ihre. Die Lippen voll und rosa, die Hautfarbe rosig und die Haare golden wie die Sonne. So musste sie ausgesehen haben, als sie noch am Leben gewesen war, doch als sie auf ihre Hand hinab schaute, war diese grau und leblos. Ein leises Geräusch aus dem Schlafzimmer riss sie aus ihren Gedanken und sie wandte sich von ihrem verfälschtem Spiegelbild ab, um zurück ins Schlafzimmer zu schleichen. Erst jetzt wurde ihr klar, wie groß das Bett war, aus dem sie Augenblicke vorher gestiegen war und dass in diesem eine Frau lag. Dolette wusste sofort, wer es war, als sie den hellbraunen Schopf zwischen den Decken und Kissen hervorragen sah. Marialle schien zu träumen. Sie stöhnte leise und strampelte sich mit der Zeit die Decke vom Körper. Dolette spürte wie ihr eine leichte Hitze in die Wangen schoss, als sie die wohlgeformten Konturen der schönen Hohepriesterin unter einem weiten Leinenhemd erahnen konnte. 
Obwohl ... ihre Haare trug sie anders. Wahrscheinlich war diese Marialle jünger. "Dole!", keuchte die Menschenfrau und rollte sich noch immer hin und her. Die Elfe schluckte hart und nahm ihren Mut zusammen, bevor sie sich zu ihr setze und über sie beugte. Sie strich ihr vorsichtig über die Wange, was ihre Hand sanft golden schimmern und die Wange der jungen Priesterin, zu Dolettes Überraschung, hell silbern erstrahlen ließ. Es war so viel heller als alles, was die dunkle Ritterin bisher von der Verbindung zwischen Marialle und ihr gesehen hatte. Die blau schimmernden Augen der Todesritterin weiteten sich noch weiter vor Erstaunen und ihre Ohren zuckten als sie die zarte Stimme vernahm. "Guten Morgen, Dole. Wird es schon Zeit?" Ihre Stimme war zuckersüß und verführerisch, ähnlich wie an dem Morgen nach Therez' Bestattung. Aber so lasziv drang sie noch nie an die Ohren der dunklen Elfe. "Nein, du hast, glaube ich, etwas Schlechtes geträumt. Schlaf weiter", sagte sie nur leise und so warm es ihr möglich war. Sie wollte diesen Anblick noch etwas länger genießen. Marialle schien ihr mehr denn je wie eine Erscheinung, ein übernatürliches Wesen. Doch die Priesterin stutzte und zog eine kokette Schnute. Dolette musste sich beherrschen, sie nicht einfach zu küssen, bis die Menschenfrau aufhören würde zu atmen. "Alles in Ordnung mit dir, Liebste?", fragte sie nun deutlich aufhorchend. Marialle drohte die Augen zu öffnen, was die Todesritterin auf keinen Fall riskieren wollte, denn dann war das alles hier vorbei. Also legte sie sanft ihre vollen, leblosen Lippen auf die blassrosanen der Priesterin. Die Wärme des lebendigen Fleisches unter ihr schien in die Untote überzugehen, sie spürte wie die Hitze in ihr aufstieg und sie zu verbrennen drohte. Es brannte zwar, doch es war einfach auch undenkbar schön. Marialle hingegen ließ sich zwar kurz auf den Kuss ein, aber löste sich dann doch bestimmt daraus. "Warst du heute Morgen etwa schon im Ozean baden, oder warum bist du so bitter ..." Sie verstummte, als sie die Augen endgültig aufschlug. Ihnen wohnte ein matter Silberton inne. Sie waren schlicht und ergreifend wunderschön. Dolette brachte keinen Ton heraus und sah nur erschrocken, wie sich das Gesicht der Priesterin immer mehr vor Schmerz verzerrte und die Todesritterin schließlich von sich stieß. Die Kleidung der jungen Marialle und die Umgebung veränderte sich plötzlich. Alles verschwamm. Die Farben der Umgebung vermischten und trennten sich wieder. Sie standen plötzlich auf einem großen Platz, den die dunkle Elfe als den Platz auf dem Sonnenbrunnenplateau auf Quel'Danas erkannte. Die Priesterin sank auf die knie und starrte durch die Todesritterin hindurch, bis sie einen markerschütternden Schrei ausstieß. 
"Doooooole!", hallte es in den Ohren der Elfe Herzschläge andauernd wider, bis sie hochfuhr und sich den kalten Schweiß von der Stirn wischte.
Ein Traum.
Verdammt!
Die Tür zu ihrer Kajüte wurde geräuschvoll aufgestoßen und eine besorgte Sukkubus stürzte in den Raum. Sie passte mit ihren aufgeregt flatternden Schwingen kaum durch die Türe. "Herrin Dolli krank am sein?", fragte sie als sie die Untote betrachtete. Von Weitem hörte sie weitere Schritte und konnte sich nicht gegen die enge Umarmung wehren, in die sie von der Dämonen gezogen wurde. "Susi, du musst doch klopfen, bevor du in die Kabine der Herrin gehst!", prustete der Verlassene atemlos lachend los, nachdem auch er den Raum betreten hatte. Der Anblick der Elfe, mit dem Kopf zwischen dem üppigen Busen der Sukkubus, um Atem ringend, ließ ihn erröten, sofern man das sagen konnte und der Farbton wurde noch eine Nuance dunkler, als Susanne erneut zu sprechen begann: "Meisterchen auch kuscheln am wollen?" Er war versucht sich einfach dazu zuwerfen, doch in dem Moment betrat auch Marialle die Kajüte, die ebenfalls erst errötete, um dann einen sorgenvollen Blick aufzulegen, als sie Dolette genauer betrachtete. "Susi, raus aus dem Bett, sofort!", befahl sie und legte all ihre Autorität in ihre Stimme. Zur Überraschung der Todesritterin gehorchte die Dämonin und entließ sie aus ihrem Griff. Dicke Kullertränen sammelten sich in den dämonischen Augen, während sie auf Abstand ging. Marialle stürzte zu Dolette und kniete sich vor dem Bett auf den Boden.
"Was hast du? Du schwitzt ja am ganzen Leib." Nun erntete sie auch einen besorgten Blick des Hexenmeisters, der alle Hand mit der verschmähten Sukkubus zu tun hatte, die bitterlich an seiner Schulter zu schluchzen begann. "Jaaa, ich hab nur schlecht geträumt", sagte sie steif und versuchte sich an einem Lächeln. Doch der Blick der Priesterin verriet ihr, dass sie aufs Neue durchschaut worden war. In dem Moment erklang der dröhnende Ruf des Steuermanns durch das Schiff.
"Der Hafen der Vergeltung ist in Sichtweite!" Sie waren in Nordend angekommen.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt