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   Für den Bruchteil eines Herzschlags entglitten der Hohepriesterin ihre Gesichtszüge, als sie weit hinter der riesigen Menschenmenge eine vermummte Gestalt entdeckte, deren Gesicht unter der tiefgezogenen Kapuze bläulich beleuchtet schien. Unzählige Erinnerungen strömten augenblicklich auf sie ein und drohten sie niederzuringen. Ein glasiger Schimmer trat in ihre Augen und sie hatte große Mühe, sich von diesem eiskalten und doch vertrauten Blick abzuwenden, um sich wieder dem Hier und Jetzt zu widmen.

"Dole ... Lady ... Dolette? Herrin ...?" Plagg trat vor die Elfe und fuchtelte mit den fauligen Händen vor ihrem Gesicht herum.
"Mylady, habt ihr einen Geist gesehen?" Sie zuckte leicht zusammen, als sie ihn endlich bemerkte und zog dann scharf die Luft ein, froh, ihre Fähigkeit zu atmen doch nicht ganz verloren zu haben.
"Ja, äh ... was?" Sie konnte ihren Blick noch immer nicht abwenden und beobachtete die Priesterin, wie sie offenbar einen Segen für die Armee des Königs sprach.
"Ich fragte, ob ihr einen Geist gesehen habt! Meint ihr nicht, wir sollten unsere Chance nutzen und den Platz schnell überqueren, solange die Aufmerksamkeit auf die Priesterin gerichtet ist?", fragte er nun leicht gereizt und verzog das zerfledderte Kinn.

"Nein! Den Weg zum Turm können wir uns sparen, Kinnab. Sie ist es! Nicht irgendeine, sondern eben diese Priesterin, die wir suchen." Erstaunt sah der Verlassene von der Priesterin zu seiner Herrin und wieder zurück. "Woher ... seid ihr sicher?"
Ihre Miene verdunkelte sich, als diese Erkenntnis erst jetzt gänzlich in ihr Bewusstsein sickerte, heiß loderte und sie zu verbrennen drohte.
"Ist es euer Problem, ob wir mit der richtigen Priesterin zurückkehren, Klappergestell?", presste sie zwischen ihren Lippen hervor. Plagg verdrehte nur die Augen. Dolette hatte den Eindruck, dass sie sich einmal ganz um sich selbst drehten, bevor er seine Herrin wieder direkt anschaute und ernst fragte: "Wie gedenkt ihr nun vorzugehen, Lady Glutklinge?"

Sie überlegte, die Priesterin noch immer fixierend. "Wir verstecken uns dort hinten ..." Dolette deutete auf eine kleine Baumgruppe. "... und warten, bis die Massen den Platz verlassen haben und die Hohepriesterin sich zurück zu ihrem Turm begibt. Wir ergreifen sie, sobald sie sich weit genug von den Stadtmauern entfernt hat." Er überdachte den Plan und nickte bestätigend.
"Dann sollten wir uns dorthin begeben, solange die Aufmerksamkeit der Masse noch auf der Priesterin ruht." Sie nickte abwesend, während sie sich nochmal umsah, dann zog sie der Blick der Priesterin wieder in ihren Bann. Die Todesritterin wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis die schöne Menschenfrau ihre Aufmerksamkeit wieder der Menge vor sich schenkte und gab Plagg dann das Zeichen, um loszuschleichen.

"... nun zieht los und befreit uns vom Antlitz der Geißel, möge das Licht euch beschützen." Die Menge und die Soldaten tobten.
Marialle! Deine Sinne spielen dir Streiche, sie kann es nicht gewesen sein! Du bist zurzeit die einzige Hohepriesterin im Königreich und kannst dir solche Sperenzien nicht erlauben, rief sie sich selbst zur Ordnung.

"Varian wird uns noch alle umbringen mit seinen vorschnellen und impulsiven Entscheidungen", sagte sie gedämpft zu ihrer Schülerin. Therez sah in das Gesicht ihrer Herrin. Die junge Frau hatte immer schon diesen aufmerksamen Ausdruck auf ihren Zügen, wann immer sie den Worten ihrer Meisterin lauschte, ein Umstand, den Marialle insgeheim zuweilen genoss, wenn auch sie das niemals zugestehen würde.
"Meint ihr, das Bündnis zwischen Allianz und Horde wird nicht halten?" Eine intelligente Frage, wie die Hohepriesterin fand. Therez war allgemein in vielen Punkten so manchem Vertreter ihrer Fraktion voraus.

Vor allem in Sachen Nachhaltigkeit und Toleranz, obwohl sie dennoch Angst vor der anderen Seite hatte, der anderen Fraktion, der blutrünstigen Horde. Die Hohepriesterin wusste es besser.
Marialle rang mit ihrer Konzentration und suchte nach den Worten, die sie ihrer Schülerin entgegnen wollte.
"Nun, Therez, das kommt ganz darauf an, wie stark dieses Bündnis tatsächlich ist, und selbst wenn es das ist, so wirkt das Ganze auf mich doch mehr wie ein Himmelfahrtskommando als wie eine durchdachte Strategie."
Die Hohepriesterin verlor sich wieder in den verwirrenden Gefühlsregungen, die sie seit ihrer Ansprache auf dem Vorplatz der Kathedrale vereinnahmten, als sie plötzlich einen dumpfen Schmerz am Hinterkopf spürte und sie dann von Dunkelheit und Stille umhüllt wurde.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt