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     "Die Hohepriesterin zusammen mit der selbsternannten Bansheekönigin. Ausgerechnet zwei so unterschiedliche Wesen, auf derselben Seite? Na nicht, dass ihr euch da mit dem Teufel eingelassen habt, Mylady Hohepriesterin!" Er lachte und schleuderte eine weitere grüne Flamme auf die beiden Frauen, doch sie prallte erneut an der Kuppel ab, die Marialle um sie gelegt hatte. "Schweigt, Dämon, ihr werdet heute eurer gerechten Strafe zugeführt", zischte die Priesterin bedrohlich zu dem Schreckenslord hinüber. Dieser lachte jedoch nur und sammelte seine Kraft für einen weiteren Angriff. Die Elfe legte an und schoss ihm einen ihrer mächtigen Pfeile entgegen, jedoch wich er mit übermenschlicher Geschwindigkeit aus. Er schleuderte seinerseits einen weiteren Zauber. Die Bansheekönigin warf der Menschenfrau einen Blick mit den glühenden roten Augen zu, und die beiden Frauen sprangen auseinander. Wo sie eben noch gestanden hatten, riss eine riesige grüngelbe Flamme ein Loch in den steinernen Boden, und Marialle wurde sich der Gefahr, in der sie sich befand, erst jetzt so richtig bewusst.
"Na kleine Priesterin, ohne eure Kuscheltodesritterin seid ihr wohl keinen Silberling wert, mh?" Zorn stieg in ihr auf und sie spürte den besorgten, glühenden Blick der dunklen Elfe auf sich, doch sie formte einen Zauber in ihrer Hand und warf den gewaltigen Lichtblitz elegant und zielsicher auf den Dämonen. Zu ihrem Entsetzen fing der Schreckenslord den Blitz einfach auf und schleuderte ihn auf sie zurück. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn auf sich zurasen und war nicht in der Lage sich zu bewegen, zu geschockt war sie.
Marialle war zu Boden gerissen worden, auf ihr lag die Dunkelläuferin und lächelte schwach, der Zauber hatte die Priesterin verfehlt, dafür aber eine klaffende Wunde an ihrer Schulter hinterlassen. Wo zuvor ein ledernes Schulterstück war, rann dunkles, beinahe schwarzes Blut den Oberarm der Bansheekönigin hinab.
"Sylvanas!", stieß die Menschenfrau aus und legte augenblicklich ihre Hand über die Schulter der Elfe, um die Wunde vorerst zu verschließen.
"Es geht weiter, haltet euch bereit", flüsterte Sylvanas ungewohnt leise und ernst. Sie konnte nur das Zischen des fliegenden Zaubers wahrnehmen, doch die Untote riss sich erneut mit ihr zusammen zur Seite, so dass sie sich ein Mal um sich drehten. Neben ihnen klaffte ein weiteres Loch. Marialle rief sich zur Ordnung. So kopflos ließ sich dieser Kampf sicher nicht gewinnen. Nachdem sie aufgestanden waren, nickten sie einander zu und rannten wieder auseinander. Die Priesterin legte ihre ganze Macht in je einen Schild, den sie um sich und die Dunkelläuferin entstehen ließ. Halbherzig warf sie einen weiteren Lichtblitz auf den Schreckenslord.
"Na na, das hat doch eben schon nicht geklappt, Priesterlein", verhöhnte er sie gleich wieder. Fing erneut den Blitz und warf ihn zurück. In dem Moment bohrte sich ein leuchtender, lilaner Pfeil in seinen monströsen Brustkorb und ließ auch ihn in die Knie sinken. Der Lichtblitz, der auf Marialle zurückflog, prallte an ihrem Schild ab und so trat sie an die Seite der Bansheekönigin, die sich vor Varimathras aufgebaut hatte. Er krümmte sich vor Schmerz und stieß hie und da stöhnende Laute aus. "Jetzt haltet ihr endlich euer Schandmaul, Dämon!", brüllte die Priesterin hasserfüllt zu ihm herab und sie formte bereits den nächsten Zauber in ihren Händen, um der Existenz des Schreckenslords ein Ende zu setzen.
Sylvanas umschloss ihr Handgelenk und der Zauber verflüchtigte sich. Verwirrt und erbost sah die Menschenfrau in die rot leuchtenden Augen, die die Bansheekönigin ausmachten. "Was soll das, Sylvanas?", zischte sie ihr zu. "Das wollte ich euch gerade fragen. War nicht abgesprochen, dass er vor Gericht gestellt wird? Nicht, dass ich es nicht begrüßen würde. Nicht, dass ich es nicht selbst gerne tun würde. Aber ihr solltet euch eure heiligen Hände nicht auf diese Weise beschmutzen, Mylady Hohepriesterin." Das Gesicht der dunklen Elfe war für Marialle nicht zu deuten, der Blick schien leer und die Miene ausdruckslos.
"Außerdem um der Diplomatie willen, muss er vor ein Gericht gestellt werden, sonst wird man mir und meinen Untertanen nie wieder vertrauen können. Von dem Verhältnis zur Allianz ganz zu schweigen, Marialle." Die Erkenntnis prasste hart in ihren Geist und die Hohepriesterin erschrak vor ihrem Drang nach Rache. Die Dunkelläuferin hatte recht, wenn der Frieden bewahrt werden sollte, musste Varimathras leben. "Verdammt, ihr habt recht." Sie gab ihren Widerstand im Griff der ehemaligen Waldläufergenerälin auf und entspannte sich zunehmend, Sylvanas ließ von ihr ab und auch ihre Gesichtszüge wiesen nun deutliche Erleichterung auf.
"Von einer Priesterin des heiligen Lichts hatte ich nichts anderes erwartet, Marialle." Sie lächelte aufmunternd, doch plötzlich drangen Schritte aus dem Flur in den Raum und sie spannte augenblicklich wieder ihren Bogen Totenschrei an.
"Wer da?", schrie sie in Richtung des Ganges, aus dem die Schritte kamen. Es folgte leises Getuschel, bis eine kräftige Männerstimme erklang.
"Lasst die Hohepriesterin frei, Bansheekönigin!", kam es gebieterisch aus dem Gewölbe. Die Frauen tauschten einen verwirrten Blick aus.  "Ich bin nicht die Gefangene von Sylvanas Windläufer!", ließ sich Marialle laut vernehmen. "Tretet vor, der Feind ist gestellt.", ließ auch die Dunkelläuferin verlauten und aus dem Gang trat, zur Verwunderung der Priesterin, Varian Wrynn gefolgt von Jaina Prachtmeer und einer Hand voll Soldaten. Der König von Sturmwind hielt sein Schwert mit beiden Händen fest umklammert und auch die Erzmagierin hielt ihren Zauberstab kampfbereit. "Mein König, Lady Prachtmeer, was macht ihr hier?" Die Haltungen der Hinzugetretenen entspannten sich leicht.
"Uns wurde von dem Verrat der Verlassenen an Angrathar berichtet, wir sind hier, um dem Einhalt zu gebieten", erklärte Jaina.
"Als ich an der Pforte war, gab es einen Putsch in Unterstadt, ausgehend von Varimathras und Putress. Der Schreckenslord übernahm Unterstadt und Putress ließ seine Seuche an der Pforte frei. Auch ich habe erhebliche Verluste erlitten", erklärte nun Sylvanas ihrerseits. "Also seid ihr keine Gefangene, Lady Lichtsprung?", fragte nun der Kriegerkönig. "Nein, Majestät. Wir haben Seite an Seite gekämpft. Ich war dabei als Unterstadt übernommen wurde und auch an der Pforte des Zorns, als Putress rücksichtslos die Seuche auf jeden los ließ, der an der Schlacht teilnahm." Er nickte und ließ sein Schwert zurück in seine Scheide gleiten. Jaina kam rasch näher und schloss die Hohepriesterin in die Arme.
"Es tut gut, euch wohlauf zu sehen, Lady Lichtsprung. Ich habe von eurem Verlust erfahren, ..." Marialle erwiderte die Umarmung und nickte nur. "Euch auch, Lady Prachtmeer." Sie musste sich unterbrechen. Die Geschichte von Dolette und ihr war schon immer besonders, aber die jüngste Wendung kam ihr noch nicht leicht über die Lippen. Nicht bei einer Persönlichkeit wie Jaina Prachtmeer. Die Magierin war zu involviert, um es stumpf hinzunehmen, aber stand ihnen auch nicht nahe genug, um sich einfach zu freuen. "Ja, ...wisst ihr, ...Dolette, sie kam als Todesritterin zurück. Ich traf sie vor einigen Wochen. Es ist alles eine lange Geschichte." Der verwunderte Ausdruck wich schnell wieder dem erhabenen, den die mittlerweile zur Erzmagierin aufgestiegenen Frau offenbar pflegte aufzulegen. Auf den ersten Blick schien sie einen ähnlichen Wandel durchgemacht zu haben, wie der Kriegshäuptling. Marialle war sich sicher, dass Jaina alle möglichen Gründe und Konsequenzen binnen eines Wimpernschlages durchdachte, aber für derlei Überlegungen war jetzt nicht die Zeit.
"Wenn das soweit klar ist, dann könnt ihr uns den Schreckenslord ja jetzt überlassen, Lady Windläufer", ließ sich der König vernehmen. "Habe ich mich verhört? Er hat meine Untertanen und Fraktion verraten, genaugenommen hat er mich verraten. Die Horde wird über ihn richten!" Varians Miene verfinsterte sich wieder und Jaina mischte sich nun ein. "Wie auch immer ihr euch einigt, tut es schnell, unsere Streitmächte dezimieren sich da draußen gegenseitig!", sprach sie nun wieder angespannt. "Überlasst ihn einfach mir und die Herrschaft über Lordaeron am besten gleich mit." Sylvanas spannte blitzschnell ihren Bogen und richtete ihn auf Varian.
"Nur über meine Leiche, Wrynn!" Er zog ebenfalls sein Schwert und richtete es bedrohlich auf die untote Elfe. "Das kann man einrichten, Banshee!" "Wir müssen etwas unternehmen, Lady Prachtmeer, sonst war es das an dieser Stelle mit dem Frieden." Die Magierin nickte nur entschlossen und legte ihre Hand auf die Schulter der Priesterin.
"Wollt ihr mit ..." In dem Augenblick zischte eine grüne Flamme an den Vieren vorbei und die Dunkelläuferin und der Krieger richteten ihre Waffen eilig auf den Schreckenslord.
"Närrin, als könnte einer eurer Pfeile mich lange aufhalten!" Er lachte finster und ließ eine weitere Flamme in seiner Hand entstehen, um sie sogleich auf die Vier zuzuwerfen. Marialle ließ rasch eine Kuppel über ihren Köpfen entstehen, doch die Flamme war überaus mächtig. Nach einigen Herzschlägen durchbrach sie die Barriere und man sprang auseinander.
"Reißt euch zusammen! Wir dürfen uns jetzt nicht gegenseitig im Weg stehen!", befahl die Hohepriesterin und versuchte einen Lichtblitz zu formen, was ihr jedoch misslang. Zu manaraubend waren die Abwehrzauber, die sie bis dato gewirkt hatte. Die anderen drei nickten sich allerdings entschlossen zu und der König von Sturmwind schrie: "Angriff!" Zusammen mit den Soldaten stürmte er auf Varimathras zu, gefolgt von Zaubern und Pfeilen, von Jaina und Sylvanas. Es verging nur ein Herzschlag und der Schreckenslord erlag den mächtigen Angriffen und sank leblos zu Boden.
"Geht doch", erklang es trocken von der Hohepriesterin. "Dann können wir ja wieder zurück zum eigentlichen Thema kommen, zieht mit euren Verlassenen aus Lordaeron und ihr werdet leben, Lady Windläufer", sprach Varian bedrohlich leise, während er sich von dem Dämonen erhob. "Ich werde meine Stadt nicht kampflos aufgeben, Wrynn!" Sylvanas spannte erneut ihren Bogen.
"Lasst ab vom Kämpfen. Der Lichkönig bedroht noch immer unsere Welt und wir haben keine Zeit für derlei Streitigkeiten!", flehte Marialle nun die beiden Anführer an.
"Niemals! Lordaeron muss wieder Teil der Allianz werden!", kam es entschlossen von Varian.
"Sylvanas, bitte." Die Angesprochene ließ ihre glühenden roten Augen zu der Menschenfrau wandern. Sie ließ ihren Bogen leicht sinken.
"Es tut mir leid, Marialle, aber ich kann meinem Volk ihr Reich nicht kampflos entreißen lassen." Sie richtete Totenschrei wieder auf Varian und schoss einen Pfeil ab. Marialle sah den Pfeil auf den König Sturmwinds zu rasen und in dem Moment veränderte sich ihre Umgebung, alles verzerrte sich leicht und die Dunkelläuferin löste sich vor ihren Augen auf.
Sie sog die klare Luft ein, die sich ebenfalls merklich verändert hatte und als sie alles erkennen konnte, wurde ihr bewusst, dass sie sich auf dem großen Platz vor der Kathedrale in Sturmwind befand. Neben ihr stand Varian Wrynn, unverletzt, zusammen mit seinen Soldaten, hinter ihr Jaina, die gerade ihre Hände runterzog. Offenbar hatte sie, sie alle hierher teleportiert, denn als die Priesterin sich weiter umsah, erblickte sie die versammelten Truppen Sturmwinds, die sich verwundert ansahen.
"Wie könnt ihr es wagen, Lady Prachtmeer?" Die Blonde sah resignierend zu Boden. Sie keuchte vor Anstrengung und sank auf ein Knie.
"Ihr müsst endlich einsehen, dass nicht die Horde unser Feind ist, Varian." Er machte einen Laut der Entrüstung, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte in Richtung der Burg von Sturmwind.
"Darüber sprechen wir noch!", trug der Wind noch seine Worte zu den beiden Frauen, ehe sich auch die Truppen aufmachten, ihm zu folgen.
Marialle zog Jaina wieder in die Höhe und sie nickten einander zu, um hinterherzueilen.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt