"Susiiii, zerr' doch nicht immer so an Lady Dolette!", rief Plagg, als er den beiden hinterhereilte, so gut er konnte.
Marialle beobachtete das Geschehen mit einem verträumten Lächeln, bis sie die Stimme ihrer Schülerin neben sich vernahm.
"Irgendwie haben sie was von Kindern", sagte diese schmunzelnd. "Und dann wirken sie wieder so, als würde das Schicksal der Welt auf ihren Schultern lasten." Mit einem nachdenklichen Blick sah die Meisterin ihre Schülerin an.
"Weißt du Therez, in gewisser Weise ist das ja auch so. Wir wissen es natürlich nicht, aber vielleicht hängt vom Gelingen dieser Mission der weitere Verlauf des Kampfes gegen den Lichkönig und die Geißel ab. Vielleicht steht und fällt eben unser aller Schicksal mit diesen beiden dort hinten."
Melancholisch glitten ihre Augen wieder von der Priesterinnenanwärterin zu ihren Begleitern und sie begann sich zu fragen, ob diese Reise in der Unterstadt Lordaerons ein jähes Ende finden würde.
"Und vor allem von der verrückten Dämonin, die sich nicht zwischen den beiden entscheiden kann!", gab Therez lachend zurück. Marialle stimmte mit ein.
"Schon bemerkenswert diese Sukkubi. Dass sie Männern gegenüber so lasziv sind, ist bekannt, aber bei Frauen?", fragte die Schülerin und fügte noch hinzu: "Gibt es nicht eigentlich auch eine Dämonenart, die dasselbe mit Frauen macht?"
"Ja, richtig, Therez. Das männliche Pendant zum Sukkubus ist der Inkubus, aber die Sukkubi sind über die Inkubi erhaben, beherrschen und versklaven sie für die Brennende Legion. Soweit ich weiß, ist es unseren neutralen Hexenmeistern der Allianz und Horde gar nicht möglich, Inkubi zu beschwören. Also ist es gar nicht so verwunderlich. Sukkubi sind vielleicht viel weniger unterwürfig, als sie uns glauben lassen wollen. Und dieser spezielle Sukkubus ist vielleicht einfach der undefinierbaren Anziehungskraft zum Opfer gefallen, die von Dolette ausgeht."
Marialle blickte lächelnd in das wissensdurstige Gesicht ihres Schützlings, die die Worte anscheinend erst mal sortierte, und Stolz stieg dabei in ihr auf. Kurz glitt die Hohepriesterin dabei in Erinnerungen, an eine etwas jüngere Version ihrer Schülerin ab, und eine Flut unterdrückter Trauer drohte in ihr hochzukriechen, doch mit eisernem Willen schluckte sie es hinunter und zerrte sich wieder ins Hier und Jetzt.
Die Schülerin starrte zu der Todesritterin rüber. Das Gesagte beschäftigte sie offenbar doch etwas mehr, was Marialle erneut wissend grinsen ließ. Dolette hatte wirklich etwas Unbeschreibliches an sich, das wusste sie besser als jeder andere.
"Na komm, Therez. Wir gucken uns das lieber wieder aus der Nähe an."
Es war ruhig geworden in der Gruppe und jeder hing offenbar seinen eigenen Gedanken nach. Dolette saß auf ihrem ausgebreiteten Umhang, und ihre schwarze Plattenrüstung schimmerte bläulich in der Sonne. Erst jetzt konnte Marialle sehen, wie viel nackte Haut sie doch unverhüllt ließ.
Sie setzte sich neben die Elfe und legte sich rücklings hin.
Schweigend genoss sie eine ganze Weile die Anwesenheit der Anderen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
Unvermittelt durchbrach die Todesritterin die Stille und sprach leise zu ihr: "War ich das wirklich mal? Das, was ihr heute Nacht gesagt habt?"
In ihren Augen lag viel mehr ein bedrückter Schimmer, der sich nach der Wahrheit sehnte, als reines, wenn auch ehrliches Interesse. Aber Dolettes Blick hielt stand, es war ihr ernst, das war deutlich. Die Priesterin atmete geräuschvoll aus. Sie war durchaus überrascht, dass die Elfe das Thema von sich aus anschnitt, aber sie selbst wollte eigentlich nicht gerade jetzt nochmal darüber sprechen. Schließlich blieb ja auch nicht mehr so viel Zeit und sie fand, dass diese mit dem Thema vergeudet würde, da es ein viel ausgiebigeres Gespräch bedurfte, um der Todesritterin zu vermitteln, wer sie einst war. Und vor allem, wer sie einst für die Hohepriesterin war.
Und deshalb antwortete sie mit einer gespielt frechen Art.
"Ohhhhh, ich finde, das ist ein wirklich guter Grund, sich nach unseren Pflichten, die in Unterstadt warten, noch einmal zu treffen. Selbstverständlich nur, um euch über euer vorangegangenes Leben zu berichten."
Tatsächlich glitt ein Lächeln über Dolettes Lippen, auch wenn sie nicht zufrieden aussah, schien sie die Aussicht, die Priesterin noch nicht aus ihrem Leben streichen zu müssen, als durchaus reizvoll zu empfinden und so nickte sie sachte.
"Na gut. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass man das nicht auch jetzt eben hinter sich bringen könnte, aber wenn es euer Wunsch ist, komme ich dem natürlich nach."
Etwas enttäuscht sah sie zwar drein, aber dennoch lag immer noch ein seichtes Lächeln auf ihren blutleeren Lippen.
"Und an was für ein Treffen habt ihr gedacht, wenn wir diese Geschichte hinter uns gebracht haben?" Marialle dachte nach. Ihre Gedanken und Gefühle waren etwas abgedriftet und sie hatte Mühe, den Unterton zu deuten und darauf zu antworten, also sagte sie schlicht: "Das sehen wir, wenn es so weit ist." Sie grinste zwar, doch konnte sie am Blick der Todesritterin sehen, dass sie erkannte, was in ihr vorging.
"Was denn? Keine zweideutige Antwort? Kein freches Grinsen für mich?" Sie schenkte ihr ein ehrliches und aufmunterndes Lächeln und gab ihr einen freundschaftlichen Knuff, wie Marialle es von der Elfe noch nie erlebt hatte und war der Fähigkeit zu sprechen beraubt. Sie starrte ihr in die leuchtenden, blauen Augen.
"Na was...?" Jetzt lag ein erwartungsvoller Ausdruck darin. Marialle musste schwer schlucken und räusperte sich, um ihre Sprache wiederzufinden, ehe sie gedämpft zu sprechen begann: "Manchmal ist Schweigen nun mal wirklich Gold und Reden nur Silber."
Dolette musterte die schöne Frau neben sich, verneigte ihren Kopf theatralisch, verfiel dann aber in ein leises Lachen.
"Danke, Mylady Hohepriesterin. Eure Weisheit färbt schon langsam auf mich ab!" Da konnte auch Marialle nicht mehr an sich halten und fing ebenfalls an zu lachen.
Die Wärme in ihrem Inneren verteilte sich in ihrem ganzen Körper, und sie dachte bei sich, dass es doch manchmal viel leichter sein kann, die trüben Gedanken eines anderen zu bekämpfen, als die eigenen.
Das war etwas, was sie jetzt, in diesem Moment, als Glück bezeichnet hätte.
Dass es ihr aber vor allem deshalb so erging, weil sie gerade der Priesterin ihre Melancholie nehmen konnte, war ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst, und so ließen sie die kostbare, unbeschwerte Zeit ungenutzt verstreichen.
Die Sonne stand mittlerweile schon schräg am Himmel, und so ließ es sich nicht weiter hinauszögern, die Reise fortzusetzen. Dass ihre Gefährten ebenso schweigsam den Weg weiterführten, verwunderte und erfreute Dolette zugleich. Ein Gefühl der Verbundenheit stieg in ihr auf, wie sie es sich nicht hätte vorstellen können. Einzig die Dämonin plapperte immer wieder mehr oder weniger verwirrendes und zusammenhangloses Zeug und unterbrach damit die einvernehmliche Stille.
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Die dunkle Ritterin - Staffel 1
FantasyStaffel 1 der Serie die dunkle Rittern laufend Kein WoW Vorwissen von Nöten. Die Geschichte einer Todesritterin, die durch einen Auftrag für Sylvanas Windläufer, an ihrem vergessenem Leben rührt. Wer war sie einst? Wer ist sie heute? Und was wird a...
