Die Sonne war kaum aufgegangen und Marialle schaute sich noch einmal auf dem großen Platz um. Dolette war nicht gekommen, und so zerschlugen sich ihre Hoffnungen. Sie seufzte tief, als Karsus, der Flugmeister, ihr die Zügel eines Greifen übergab. Ihre Gefühle waren noch immer betäubt, und sie war mehr als dankbar dafür.
So saß sie gemeinsam mit Plagg, Odessa und Borigan auf, winkte noch den Erzmagiern und Vereesa Windläufer, die sie zu Karsus Landeplatz begleitet hatten, zum Abschied und trieb ihr Tier an, sich in die Lüfte zu erheben. Sie sah der schwebenden Stadt zu, wie sie langsam kleiner wurde, bis die Bewohner Dalarans nur noch winzige Punkte am Boden waren. Kurz dachte sie, einen kleinen goldenen Schimmer durch die Straßen der Stadt flitzen zu sehen, doch sie schmunzelte und überlegte, ob ihre unterdrückten Gefühle ihr einen Streich spielten. Sie wandte ihren Blick nach vorne, auf ihr Ziel. Zurück zum Hafen der Vergeltung und weiter nach Unterstadt, Varimathras sollte büßen für das, was er ihr antat, als er sie durch seine hinterlistigen Pläne auf diese unfreiwillige, unheilvolle Reise geführt hatte.
Die Sonne war bereits aufgegangen, als Dolette Dalaran endlich erreichte und sich eilig durch die Massen der Bewohner schob, die die schwebende Stadt am Morgen durchstreiften. "Ihr da! Wo lang geht es zur Violetten Zitadelle?", fragte sie einen Wachmann. "Diese Straße entlang und dann rechts, die nächste Straße bis zum Ende und dann solltet ihr sie sehen." Er deutete auf eine der vier Straßen an deren Kreuzung er stand und nickte ihr zu, nachdem sie sich bedankt hatte.
Die Zitadelle wurde schnell größer, als sie ihr näher kam und sie rief den Wachen bereits im Laufen entgegen. "Lasst mich passieren, ich muss zu den Anführern der Kirin'Tor!" Doch die beiden Wachposten verwehrten ihr den Zutritt. "Lord Rhonin und die anderen sind zu Karsus Landeplatz aufgebrochen, um ihre Besucher zu verabschieden", sagte der eine. Die Todesritterin fluchte innerlich. "Wo lang?", fragte sie knapp und der andere Wachposten deutete in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war. "Ihr müsst wieder umkehren, der Landeplatz liegt am nordöstlichen Rand der Stadt." Sie nickte ihm dankend zu und begann aufs Neue zu rennen.
Etwa auf halbem Weg kamen ihr Rhonin, Vereesa, Aethas und Modera entgegen, und eine Mischung aus Erleichterung und Entsetzen lag auf ihren Zügen. "Lady Glutklinge, ihr habt es tatsächlich geschafft!", erklang die bedrückte Stimme des Menschenmagiers. "Rhonin, ist Lady Lichtsprung noch in der Stadt?" Er senkte den Blick und schüttelte kaum merklich den Kopf. "Es tut mir leid, Lady Glutklinge. Sie hat Dalaran bei Sonnenaufgang verlassen", ließ sich nun die Waldläufergenerälin des Silberbunds leise vernehmen. "Beim Licht, glaubt sie, dass ich im Kampf gefallen sei?", stieß sie fassungslos hervor und der ungewohnte Ausspruch kam über ihre Lippen, als wäre es das Normalste der Welt. "Sie hat auf eure Ankunft bis zum Morgen gehofft, Mylady."
"Ich fürchte, jetzt geht sie davon aus. Geht zu Karsus. Sagt ihm, ihr kommt von mir und lasst euch einen Greifen aushändigen, reist ihr nach. Das Leid stand deutlich in ihr Gesicht geschrieben. Erlöst sie von dieser schrecklichen Annahme", sprach nun wieder Rhonin zu ihr, und Mitgefühl für die Hohepriesterin schwang in seiner Stimme mit. Dolette ließ den Kopf sinken, und die Anspannung wich aus ihren Gliedern. "Ich kann nicht", sagte sie plötzlich unendlich kraftlos. "Tirion Fordring hat mich gerettet und so konnte ich Putress stellen und besiegen. Ich stehe in seiner Schuld und versprach ihm, zurückzukehren, nachdem ich Dalaran besucht habe, um ihm zu helfen, auch Arthas endlich zu besiegen." Vereesa ließ nun ebenfalls den Kopf hängen, und auch auf den Gesichtern der Mitglieder der Kirin'Tor zeichnete sich deutlich bedrücktes Verständnis ab. "Ein Versprechen wie dieses dürft ihr nicht brechen, Lady Glutklinge. Mit eurem Einverständnis schicke ich der Hohepriesterin einen Boten hinterher, vielleicht vermag er es, sie einzuholen, ansonsten wird er ihr in Unterstadt von eurem Wohlbefinden berichten." Sie nickte schwach. "Ich wäre euch unendlich dankbar, Rhonin."
"Ihr solltet euch etwas ausruhen, bevor ihr weiterreist. Ich könnte es mir nicht verzeihen, euch unausgeruht in den Kampf zu schicken, und ihr verliert letzten Endes doch noch euer Leben." Die Miene der Elfe erstarrte kurz, verfinsterte sich dann bei diesen Worten. "Erspart dem Boten diese Reise. Wenn sie die Nachricht bekommt und ich im Kampf gegen den Lichkönig doch noch mein Leben lasse, war das alles umsonst." Der Erzmagier war kurz irritiert, doch verstand er die Beweggründe der dunklen Ritterin. "Wie ihr wünscht, Mylady. Dann kommt und ruht euch, bevor ihr weiterzieht." Sie nickte betreten und folgte den Erzmagiern und Vereesa Windläufer zurück zur Zitadelle.
Es war schon spät am Abend, als die Gefährten den Hafen der Vergeltung erreichten und ein Luftschiff nach Tirisfal betraten. Marialle stand an der Reling und sah dem Nebel zu, der immer lichter wurde, je höher das Luftschiff stieg. Der Mond stand schon hoch am sternenverhangenen Himmel, als sie die dicken Nebelschwaden hinter sich ließen und das Deck in eine unwirkliche Atmosphäre tauchte.
Sie schaute der irren Sukkubus zu, wie sie fröhlich übers Deck flitzte und sich an der Abwesenheit ihrer Angst erfreute. Odessa trat an ihre Seite und musterte sie besorgt. "Es geht mir gut, Odi", erklärte die Priesterin leise, bevor die Magierin auch nur ein Wort sagen konnte. "Und das glaubst du dir selbst? Ich habe doch gesehen, wie du Dolette angesehen hast. Du liebst sie noch immer, stimmt's?", ließ Odessa sich unbeirrt vernehmen. Die Priesterin schmunzelte bitter. "Mehr als das, Odi. Obwohl sie jetzt eine Todesritterin ist, habe ich..." Sie unterbrach sich, fühlte, wie ihre Gefühle in einem dicken Kloß in ihr aufstiegen und versuchte, ihn wieder herunterzuschlucken. Sie wandte sich dem Horizont zu, bemüht, ihren Gefühlen und ihrem Schmerz Einhalt zu gebieten. Doch sie spürte, wie sie sich gegen ihre inneren Mauern aufbäumten und sie drohten, niederzureißen. "Wie? Du hast dich etwa aufs Neue..." Auch Odessa unterbrach sich, als sie sah, wie sich der Schmerz auf dem Antlitz der anderen abzeichnete. "Gib die Hoffnung nicht auf, Mari. Vielleicht reist sie uns sogar schon hinterher", versuchte die Magierin, ihre Freundin aufzumuntern. "Hoffnung! Diese verdammte Hoffnung hat mich doch erst in diese Situation gebracht! Als ich sie traf, begann ich zu hoffen, dass sie noch etwas von ihrem früheren Ich in sich trägt. Als ich bemerkte, dass sie das noch tat, hoffte ich, dass sie noch etwas für mich empfinden kann. Als sie sagte, dass sie Gefühle hat, sogar für mich, hoffte ich, dass ich mich nicht wieder in sie verlieben würde, und als ich mich erneut in sie verliebte, hoffte ich, sie nicht wieder verlieren zu müssen. Und sieh, wo das Schicksal uns wieder hingeführt hat, Odi! Wir sind dazu verdammt, uns ewig zu suchen, nur damit wir uns gleich wieder verlieren, sobald wir uns gefunden haben! Sieh, wo mich die Hoffnung hingetrieben hat! Hoffnung ist ein Trugbild und macht nicht mehr aus uns, als Narren!" Marialle redete sich in Rage, schrie ihre letzten Sätze fast und bemerkte dabei nicht einmal, dass sie begonnen hatte zu weinen. "Aber es kann doch sein, dass sie die abtrünnigen Verlassenen und Putress besiegen konnte. Zu Fuß ist der Weg nach Dalaran weit, vielleicht hat sie uns einfach verpasst, Mari", bemühte sich Odessa leise weiter, um die Priesterin zu beruhigen. "Jetzt soll ich mich also noch mit der Frage quälen, ob ich nicht länger in Dalaran hätte warten sollen? Bist du eigentlich noch ganz bei Trost, Odessa? Du weißt genau, dass ich nach dem, was in Quel'Danas geschehen ist, schon kurz davorstand, meinen Verstand zu verlieren, und da erwartest du, dass ich jetzt nochmal dasselbe durchmache? Nein! Ich muss vergessen, dass ich sie traf. Vergessen, was es in mir auslöste, und wieder dahin zurückkehren, wo ich gebraucht werde. Ich bin die letzte Hohepriesterin des heiligen Lichts. Ich trage Verantwortung und darf mir keine Schwäche erlauben. Ich habe genug von diesen Gefühlen, die mir den Verstand rauben." Ihre Stimme wurde zum Ende hin wieder ruhiger, doch tobten in ihrem Inneren noch immer die Gefühle.
"Selbstverständlich habt ihr damit recht, Lady Lichtsprung, aber auch ihr seid ein Wesen aus Fleisch und Blut und habt Gefühle, Stärken und Schwächen. Ihr solltet euch diese auch zugestehen dürfen, und egal ob ihr nun noch hoffen wollt oder nicht, gestattet euch für einige Augenblicke, eure Gefühle auszuleben. Immerhin sind wir für ein, zwei Tage wieder auf diesem Ding hier gefangen." Es war Plagg, der sich in das Gespräch, das kaum zu überhören war, einmischte, und seine beruhigenden Worte erreichten die Priesterin tatsächlich. Natürlich hatte er recht, sie konnte nicht ewig vor ihrem Schmerz und ihrer Trauer davonlaufen, aber sie hatte Angst. Den ganzen Tag sah sie sich immer wieder auf der Klippe, in der Nähe ihres Elternhauses, stehen, und in der ein oder anderen Situation hatte sie bei sich gedacht, ob es nicht befreiend gewesen wäre, wenn Daria und ihre kleine Patentochter sie damals nicht bei ihrem Vorhaben gestört hätten. Aber so war es nicht geschehen, und sie konnte auch nicht mehr ändern, dass sie der Elfe wieder begegnet war und sich ein weiteres Mal in sie verliebt hatte.
Eine Akzeptanz der Dinge stieg in ihr auf und riss ihre Mauern endgültig nieder, die stummen Tränen brachen sich nun ungehindert Bahn, und sie schaute in die mitfühlenden Gesichter ihrer drei Begleiter und war dankbar, gerade nicht allein sein zu müssen. "Wenn ihr selbst nicht mehr zu hoffen vermögt, so werde ich für euch hoffen, dass Lady Dolette noch immer unter den, nennen wir es, Lebenden weilt, Mylady." Plagg war ein paar Schritte näher an sie herangetreten, und in seiner Stimme lag Entschlossenheit, um die Marialle ihn beneidete. Sie nickte ihm schwach zu, der Fähigkeit zu reden, durch ihr Schluchzen beraubt, und ließ sich von der Magierin in eine lange Umarmung ziehen.
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Die dunkle Ritterin - Staffel 1
FantasíaStaffel 1 der Serie die dunkle Rittern laufend Kein WoW Vorwissen von Nöten. Die Geschichte einer Todesritterin, die durch einen Auftrag für Sylvanas Windläufer, an ihrem vergessenem Leben rührt. Wer war sie einst? Wer ist sie heute? Und was wird a...
