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     Die Nacht war bereits hereingebrochen und der Mond stand schon hoch am Himmel, als Marialle ihre Geschichte beendet hatte und gern die Behausung der Dunkelläuferin verlassen hätte. Allerdings schien der Bericht das Interesse von Sylvanas Windläufer erst so richtig geweckt zu haben, denn noch immer saß sie neben der Priesterin und funkelte forschend mit ihren roten Augen in die bernsteinfarbenen von Marialle. Sie war nur ab und an aufgestanden, um ihnen nachzuschenken.
"Was habt ihr nach dem Tod eures Bruders und eurer Geliebten gemacht, Lady Lichtsprung?" Marialle schluckte hart, die Bansheekönigin brachte es ohne Umschweife auf den Punkt. Sie fühlte sich ein wenig in die Ecke gedrängt, wenn auch das unverhohlene Interesse ihr äußerst schmeichelte. "Nun, ich habe zuallererst noch eine ganze Weile darauf bestanden, dass ihr Leichnam gefunden wird, aber als wir zusammen mit den Blutelfen alles abgesucht hatten und der Schlafmangel und all die Anstrengungen seinen Tribut einforderten, gab ich meinen Widerstand schließlich auf. Ich musste ja auch meiner Familie Bescheid geben." Sie unterbrach sich und nahm noch einen Schluck, bevor sie weiter sprechen wollte, doch Sylvanas kam ihr zuvor: "Es war gar nicht der Drang, den Körper Lady Glutklinges zu finden, oder?" Marialle sah auf, in die alles durchdringenden Augen der Bansheekönigin. "Bin ich so leicht zu durchschauen?", kam die Frage zögerlich und leise. Die Elfe räusperte sich und versuchte sich an einem Lächeln.
"Missversteht mich bitte nicht, Lady Hohepriesterin. Ihr seid ein äußerst interessanter Vertreter eurer Gattung, viel mehr als die meisten, aber dennoch seid ihr ein Mensch." Sylvanas zwinkerte nun sogar beinahe freundlich, und das Lächeln hing noch immer schief auf ihren dunkelroten Lippen. Das Bild, das die dunkle Elfe bot, verlangte der Hohepriesterin ein Schmunzeln ab, und sie konnte es ihr nicht übelnehmen. "Natürlich habt ihr recht, ich wollte nicht nach Hause, dort würde es grausame Wahrheit werden, aber die Ausreden gingen mir eine nach der anderen aus, genau wie meine Gefährten, die alle selbst mit dem Verlust zu kämpfen hatten. Am Ende blieb nur noch Malek bei mir, doch kurz bevor wir den Hof meiner Familie erreichten, schickte ich ihn fort, weil ich nicht wusste... " Die Priesterin unterbrach sich erneut, diesmal spürte sie deutlich den Schmerz vergangener Tage in sich aufsteigen, und als die Tränen ihren Augen zu überschwemmen drohten, schluckte sie den Kloß hinunter und sah beschämt zur Seite, um sich die salzige Flüssigkeit wegzuwischen. Sylvanas war derweil etwas näher gerückt und legte eine Hand auf die Schulter der Menschenfrau.
"Auch heute noch spüre ich jeden Verlust, den ich einst erlitten habe, es gibt nichts, was ihr in diesem Moment verbergen müsstet, Lady Lichtsprung." Marialle sah überrascht in das fahle Gesicht der Bansheekönigin und erkannte ehrliche Anteilnahme. Sie nickte kaum merklich, woraufhin Sylvanas sich wieder in ihren Stuhl zurücklehnte.

"Wenn es euch lieber ist, können wir diese Unterredung auch an dieser Stelle beenden." Das meinte sie ernst, doch irgendetwas in Marialle verlangte danach, diesen Teil ihres Lebens zu erzählen, in dem es nur um ihren ureigensten Schmerz ging und so hob sie abwehrend eine Hand. "Schon gut, ihr habt gefragt, ihr bekommt eine Antwort", sagte sie entschlossen und die Elfe schien sich auf ihrem Stuhl ein wenig zu entspannen.
"Ich war allein und konnte es nicht über mich bringen, meiner Familie von unserem Verlust zu berichten. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich um den Hof, wie in einer Zwischenwelt, herumgeschlichen sind, doch irgendwann fand ich mich an einem Abhang wieder. Ich stand da oben so lange... " Wieder eine Pause. Marialle holte noch mal tief Luft. "Ich wollte springen, nicht mehr ohne sie leben und meiner Familie nicht von meinem Versagen berichten." Sie nahm einen weiteren Schluck Met, der wohlig warm ihre Kehle hinabglitt und ihr half, ihren Schmerz zurückzudrängen.
"Wie ich sehe, habt ihr euch aber für das Leben entschieden, Mylady." Sie nickte, bevor sie darauf antwortete.
"Ja, ich bin noch hier. Am Fuß des Berges sah ich meine jüngste Schwägerin mit ihrem Neugeborenen, dessen Patentante ich sein sollte. Das neue Leben und die Verantwortung ließen mich zurücktreten und ich machte mich dann tatsächlich ohne Umwege auf den Weg zu meiner Familie."
"Wie hat es eure Familie aufgenommen?" Ein Schatten glitt über Marialles Gesicht.
"Mein Vater war ja schon verstorben und Berthold war der einzige unverheiratete Sohn. Er hatte meiner Mutter letztlich mehr bedeutet als die anderen, weil er nicht sicher im Schoß einer anderen lag. Sie war mir immer eine gute Mutter gewesen und sie gab mir Trost und Wärme, aber unterschwellig machte sie mich für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Das konnte ich spüren. Danach stürzte ich mich in meine Arbeit im Turm und durch Therez konnte ich weiterleben. Den Rest kennt ihr ja." Die dunkle Elfe sagte eine Weile nichts und schien das Gesagte im Geiste zu bearbeiten.
"Ich kann nachempfinden, wie es ist, nicht mehr für sich selbst zu leben, mir geht es ähnlich." Ein trauriges Lächeln glitt über die bleichen Lippen der untoten Frau und Marialle nickte verstehend. "Aber ihr habt euren Sinn ja wiedergefunden, schon komisch, welche Wege das Schicksal zuweilen beschreitet." Ihre Miene erhellte sich etwas und auch Marialle musste bei dem Gedanken an die Todesritterin lächeln. "Es fühlt sich an wie eine Entlohnung, so merkwürdig das klingen mag." Sylvanas musste schmunzeln. "Nein, gar nicht, es macht Hoffnung und ich denke, in Zeiten wie diesen, in Zeiten des Krieges, brauchen alle Völker Hoffnung." Die Priesterin kam nicht umhin, über die gefühlvollen Worte zu staunen, die die Bansheekönigin fand. Sie sagte nichts, ließ ihre Gedanken wieder zu der dunklen Elfe wandern, die sie so sehr liebte, und auch die Dunkelläuferin schien in kurzes, andächtiges Schweigen zu verfallen.
"Sagt mir, was meint ihr, wie es möglich ist, dass Lady Glutklinge in der Lage ist, diese Art Gefühle überhaupt zu empfinden?" Diese Frage riss Marialle hart aus ihren Gedanken und sie hart zurück ins Hier und Jetzt.
"Verzeiht? Ich bin nicht so bewandert in der Gefühlswelt von Todesrittern, ist das so außergewöhnlich?", kam daher ihre erstaunte Gegenfrage.
"Nun, nach allem was wir bisher über diese doch recht jungen Wesen wissen, ist es mehr als ungewöhnlich. Soweit bisher bekannt ist, wandeln sie jedes Gefühl ins Negative, oder vielleicht auch andersherum, das ist schwer nachvollziehbar. So würden sie ein Gefühl wie Liebe wohl eher über eine Art Besitzanspruch definieren. Man sagt zum Beispiel, dass sie nur Freude empfinden, wenn sie töten, versteht ihr, was ich meine?" Die Menschenfrau überdachte das Gesagte und erinnerte sich an die Worte von Plagg, was dieses Thema betraf. Offenbar war Dolette wirklich eine Ausnahme unter den Todesrittern. Sie nickte und rief sich das Gespräch im See in Erinnerung, in dem die Todesritterin versuchte zu erklären, was in ihr vorging. "Ich selbst bin mir völlig im Unklaren darüber, was bei Dolette so anders ist, aber ich kann euch sagen, wie sie darüber denkt." Sylvanas nickte aufmunternd und so fuhr die Hohepriesterin fort. "Sie ist der Meinung, dass sie einen Funken meiner Macht in sich trägt, der das Licht mit in ihr untotes Leben trug. Sie beschreibt es so, dass dieses Licht in ihr gegen die Dunkelheit ankämpft und es stärker geworden ist, seit wir uns wieder trafen. Ich könnte mir vorstellen, dass das Licht dafür verantwortlich ist, dass sie noch immer empfinden kann wie ein lebendiges Wesen." Die Elfe nickte verstehend. "Eine nachvollziehbare Theorie, aber mit dem Licht seid ihr sicher vertrauter, als ich es bin", erklärte sie schmunzelnd und Marialle versuchte, das Ganze mit den Augen der Hohepriesterin zu sehen, die sie nun mal war. "Die Verbindung zwischen uns und das Licht, das sie mit sich bringt, hatte schon immer ihre eigenen Regeln, deshalb kann ich auch von außen betrachtet nur schwer erklären, was es für Auswirkungen hat, insbesondere was Dole betrifft und ihr untotes Dasein", überlegte sie laut. "Mhm, ich denke, das werdet ihr ausgerechnet mit mir auch nicht herausfinden", pflichtete die Bansheekönigin ihr bei.
In dieser Nacht hing Marialle noch lange ihren Gedanken nach. Die Königin der Verlassenen hatte einen nüchternen Blick auf ihre Verbindung zu Dolette, was auch ihren Blick auf die Dinge etwas zu klären vermochte.
Waren die Gefühle in Dolette womöglich nur ein Spiegel ihrer eigenen? Ein Nachklang vergangener Tage? Oder war diese Todesritterin tatsächlich so anders als ihre untoten Brüder und Schwestern, die nur nach Tod und Verderben sinnten?

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt