Es war totenstill in der Violetten Zitadelle, als Marialle zusammen mit Aethas und Modera zurückkehrte. Die anderen waren offenbar noch nicht zurückgekehrt, sofern sie noch am Leben waren. "Was machen wir jetzt?", fragte die eine Erzmagierin den anderen. "Wir warten." Aethas seufzte. "Um ehrlich zu sein, vermag ich gerade gar nicht darüber nachzudenken, was geschieht, wenn sie nicht zurückkehren", gab er betrübt zurück. "Vielleicht waren sie einfach nur zu spät. Schließlich waren sie oben auf der Pforte und Putress ganz unten", dachte die Hohepriesterin hoffnungsvoll. Die beiden Erzmagier betrachteten sie gedankenverloren und sagten nichts. Auch Marialles Gedanken wechselten wild. Zwischen Angst, Sorge, Wut und Hoffnung schwankten ihre Gefühle, beinahe im Takt ihres Herzschlags hin und her. Und zu jedem dieser Gefühle gab es eine Möglichkeit, was der Todesritterin wohl geschehen war. Sie hatte es doch geahnt. Kaum hatten sie sich wieder angenähert, würde die Priesterin sie wieder verlieren. Das war ihr Schicksal. Finden und wieder verlieren. Wieder finden und wieder verlieren. Marialle spürte die Endlosschleife, in der sie sich befanden noch nie so deutlich.
Die Nacht, in der die dunkle Elfe sie zum Baden begleitete, drang bei diesem Gedanken erbarmungslos in ihr hoch.
Die ehemalige Paladin war zu ihr in den See gestiegen und fand genau wie damals die richtigen Worte, die die Mauern der Priesterin bröckeln ließen. Sie hatte sie nach ihren Ängsten und Sorgen gefragt und nach kurzem überlegen, hatte sie den Fehler gemacht und sich darauf eingelassen.
Und so war es ein Leichtes für ihre Gefühle gewesen, sich erneut ungehindert Bahn zu brechen, als Dolette ihr die ausschlaggebende Frage stellte. Jetzt weiß ich worüber du aktuell nachgrübelst. Nun sag mir, was hat dich vorher so sehr bewegt, dass du jedes einzelne, deiner Gefühle so tief in dir verschließen musstest? Die Hohepriesterin schluckte ein ums andere Mal, nach Worten ringend und Tränen unterdrückend. Kühle aber sanfte Hände legten sich auf ihre Schultern und der winzige goldene Glanz in den blau schimmernden Augen der Elfe rang auch den letzten Widerstand in ihr nieder. Silbern tropften die Tränen der Priesterin hinab und brachen die glatte Wasseroberfläche um die beiden auf. Marialle fixierte den Schimmer in den Augen der Frau vor ihr und wartete darauf, dass sich ihre Züge und Farben denen der Paladin anglichen, die von ihr gegangen war, doch das Trugbild erschien nicht. Stattdessen fühlte sie eine unbändige Sehnsucht in sich aufsteigen. Den Drang, die marmorgleiche Haut zu berühren und zu küssen. Das war neu. So deutlich war ihr bisher nicht klar gewesen, dass sie in der Todesritterin nicht länger nur den Schatten der Paladin sah, die Dolette einst war. Die Gefühle entflammten aufs Neue, galten ebenso dem untoten Ich wie einst der lebendigen Elfe. Dolette schien die Veränderung im Antlitz der Priesterin aufgefallen zu sein und auch die Tränen liefen nicht länger ihre Wangen hinab. Sie legte den Kopf schief und das Schimmern, das von ihren Händen, an den Schultern der Menschenfrau ausging, wurde eine Nuance heller und erleuchtete ihre aschfahle Haut.
Als du gestorben bist, wollte ich dir nach, erklärte Marialle nun und Fassungslosigkeit breitete sich im Gesicht der dunklen Elfe aus. Ihre Kiefer spannten sich merklich an. Alles hatte für mich seinen Sinn verloren. Ich stand oben auf dem Vorsprung des kleinen Berges, in der Nähe des Hofes meiner Familie und konnte mich nicht dazu durchringen zu ihnen zu gehen, um ihnen von deinem und Bertholds Tod zu berichten. Ich wollte einfach nur sterben. Ich weiß nicht mehr wie lange ich dort stand, aber irgendwann holte mich das Geschrei eines Neugeborenen aus meiner Dunkelheit. Unten im Tal sah ich Daria mit ihrer kleinen Tochter, die kurz vorher zur Welt gekommen war und mein Pflichtbewusstsein hielt mich davon ab einfach zu springen. Die Kleine würde mich ja vielleicht irgendwann brauchen. Sie hatte sich matt und emotionslos gefühlt, als sie der Elfe von diesen dunkelsten ihrer Momente erzählte. Es kam ihr vor als würde sie die Geschichte einer anderen erzählen. Das Gesicht der Todesritterin war verzerrt. Ein Kampf oder sogar Schmerz, der in ihrem Inneren zu toben schien. Sie schaute zur Seite, bemüht sich diese Gefühlsregung nicht anmerken zu lassen, doch Marialle erkannte, was in Dolette vor ging. Sie war mehr als erstaunt, dass es diesem, eigentlich von Gefühlen befreiten, Wesen möglich war, so empathisch zu sein. Der Priesterin glitt ein schwaches Lächeln über die Lippen, als die Arme der Elfe kraftlos von ihren Schultern rutschten. Sie legte ihre Hand sanft auf eine der kalten Wangen der dunklen Ritterin und strich zärtlich mit ihrem Daumen darüber. Unter Marialles Hand begann es golden zu schimmern und zu ihrer Verwunderung wurde es nach einigen Herzschlägen sogar warm. Dolette brauchte etwas bis sie aufsah, doch der helle Glanz in ihren Augen ließ das Herz der Hohepriesterin schneller schlagen, als sich ihre Blicke schließlich trafen. Es bedeutet mir viel, dass du meinen Schmerz teilst, doch es war und ist niemals deine Schuld, Dole. Matere dich nicht. Du bist jetzt hier und das ist alles, was zählt. Ich...
Der Gesichtsausdruck der Todesritterin sprach Bände. Sie schien unfähig, etwas zu sagen, was Marialle erneut ein schiefes Lächeln abverlangte. Vielleicht raubte ihr der Gedanke die Sprache, dass man sie so, wie sie jetzt war, gar lieben könnte? Die Herzschläge verstrichen. Was gibt's denn da zu lachen?, fragte sie nun doch, in ihrer schlichten, fast unbeholfenen Art. Ich habe gerade etwas erkannt und das lässt mich schmunzeln. Dolette verzog leicht den Mund. Aha und was? Die Todesritterin dachte wohl, dass sie sich über sie lustig machte, ohne zu ahnen, welch bedeutsame Erkenntnis wirklich zu der Priesterin durchgedrungen war. Marialle besann sich einen Augenblick und suchte nach den richtigen Worten, bevor sie erklärte: Seitdem du zurück in mein Leben gestürzt bist, hatte ich gedacht, in dir immer nur die Frau zu sehen, die ich verloren habe und so verzweifelt vermisse,... Marialle musste sich unterbrechen, als sie spürte, wie der forschende, neugierige Blick ihr die Röte in die Wangen trieb. Kurz erwiderte sie ihn, räusperte sich aber rasch, damit sie fortfahren konnte. Aber jetzt wird mir bewusst, dass dem nicht so ist, dass du jetzt anders bist, und meine Gefühle für dich kein Widerhall der Vergangenheit sind, sondern eine neu entfachte Flamme. Sie kam sich etwas komisch vor, so drum herumzureden, doch sie hatte Angst, die dunkle Elfe mit dem Wort Liebe zu verschrecken. Sie hoffte, diese würde es auch so verstehen. Dolette war unbeweglich und machte es der Priesterin unmöglich, zu erkennen, was gerade in ihr vorging. Sie ließ schon enttäuscht ihren Blick sinken und zog die Hand von der Wange der Todesritterin zurück, als diese ihr Handgelenk packte und es mit sanfter Gewalt festhielt. Marialle, in mir tobt ein Kampf. Eine übermächtige Dunkelheit drängt mich von dir fort. Sie fühlt sich vertraut und natürlich an. Zuweilen habe ich das Gefühl, dass sie mich fremd steuert. Doch etwas, das du in mir entfacht hast, wächst unaufhörlich an. Ein Funke. Sie betrachtete ihre Hand, die noch immer Marialle am Handgelenk hielt. Ein goldener Schein in mir, der den Kampf annehmen will, sagte sie mehr zu sich selbst, als sie das sanfte Leuchten gedankenverloren betrachtete. Um ehrlich zu sein, wollte ich, nachdem wir an dem Aufzug waren, davor flüchten, aber jetzt... Die heisere Stimme der Elfe versagte ihr schlussendlich den Dienst, als sie ehrfürchtig von dem goldenen Licht in sich berichtete, das es so tapfer mit der Dunkelheit aufnahm. Das Herz der Priesterin schlug ungehindert schneller. Ihr wurde bewusst, dass es Dolette gerade genauso ergangen war wie ihr selbst. Sie waren jede zu ihrer eigenen Erkenntnis gelangt und so bedurfte es keiner weiteren Worte mehr. Sie gab den Widerstand ihrer Hand auf und schmiegte ihren nackten Körper an den der Elfe. Bevor sie ihre Augen genießend schloss, erblickte sie das goldene Leuchten, das den Körper von Dolette sanft umschloss.
Zusammen mit dem silbernen Schein des Mondes ließen die Spiegelungen in der Wasseroberfläche ein vertrautes Bild von goldenem und silbernem Licht entstehen.
Marialle seufzte innerlich und schalt sich dafür, dass sie es so weit hatte kommen lassen.
Der vertraute Schmerz schnürte ihre Kehle zu, seid die erste Explosion das Schlachtfeld erschüttern ließ. Die Angst, Dolette ein weiteres mal verloren zu haben, war unbändig. Aber war dieser eine Moment es nicht vielleicht wert gewesen, auch wenn es ein letzter sein würde?
Hör auf so etwas zu denken, sie kehrt sicher gleich mit den anderen zurück!, sagte sie sich energisch. Und tatsächlich schälten sich in diesem Moment einige Körper in die Umgebung. "Na bitte, da kommen sie", ließ sich Aethas zufrieden vernehmen. Die Gestalten nahmen klare Umrisse und Farben an, und als Marialle erkannte, dass die Todesritterin nicht bei ihnen war, sank sie schlussendlich doch mit erstarrten Gesichtszügen in die Knie. Tränen liefen stumm an ihren Wangen herab, doch ihre Miene war weiterhin starr. "Mari!" Odessa stürzte sofort auf die Hohepriesterin zu, sehr wohl ahnend, was sich in ihr abspielte. "Mylady Lichtsprung, die Herrin ist in den Trupp des Großapothekers gestürzt. Wir konnten sie nicht davon abhalten. Wir mussten fliehen, als die Geißel sich wieder auf den Balustraden der Pforte postierten und wir wissen leider nicht was aus ihr geworden ist." Marialle sagte nichts und rührte sich auch nicht. Sie sah sich selbst in Quel'Danas stehend, nachdem sie erfahren hatte, dass die Elfe ihr Leben gelassen hatte. Das Hier und Jetzt kam ihr gerade unendlich fern vor. Sie selbst, die anderen und selbst ihr Schmerz schien nicht mehr der ihre. Fremdgesteuert stand sie auf. "Ich habe Sylvanas und Thrall versprochen, ihnen dabei zu helfen, Unterstadt zurückzuerobern. Verehrung an die Kirin'Tor", erklärte sie nur abwesend, verneigte sich in Richtung Rhonin und drehte auf dem Absatz um, die Violette Zitadelle zu verlassen. Sie ließ nur verwirrte Mienen zurück.
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Die dunkle Ritterin - Staffel 1
FantasyStaffel 1 der Serie die dunkle Rittern laufend Kein WoW Vorwissen von Nöten. Die Geschichte einer Todesritterin, die durch einen Auftrag für Sylvanas Windläufer, an ihrem vergessenem Leben rührt. Wer war sie einst? Wer ist sie heute? Und was wird a...
