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     Die Tage plätscherten ereignislos an ihr vorbei, und mit jedem Augenblick, der verging, machte sich die Todesritterin größere Sorgen um die Menschenfrau, die sie liebte. Seit dem Morgen, bevor sie Unterstadt zusammen mit den Anführern der Horde angreifen wollte, waren sie sich nicht mehr im Traum begegnet. Dolette hatte keine Erklärung dafür, außer eine, von der sie es nicht wagte, sie auch nur zu denken.
Die Verbindung zwischen der Hohepriesterin und ihr war äußerst wankelmütig. Ganz sicher ging es ihr gut, und es gab einen Grund dafür, warum sie sich nicht treffen konnten.
Schnelle Schritte im Innenhof rissen die Todesritterin aus ihren Gedanken. Achtlos stieß sie die Türe ihrer Behausung auf und trat hinaus. Die Festung war in heller Aufregung, und viele Menschen liefen aufgeregt hin und her. Sie packte einen von ihnen am Arm und brachte ihn so zum Stehen.
"Was ist denn los?" Der Angesprochene salutierte steif.
"Das Flugschiff des Königs wurde gesichtet, Mylady Todesritter." Sie nickte ihm dankend zu und er rannte weiter. Jetzt ging es also los. Marialle, sofern sie noch am Leben war, würde es nicht mehr schaffen, rechtzeitig hier zu sein, um gemeinsam mit der Elfe in den Kampf gegen den Lichkönig zu ziehen. Dolette drehte sich um und verschwand wieder in der Hütte. Sie hatte kein Interesse daran, diesem König bei seiner Ankunft zuzuschauen; man würde sie schon holen, wenn es losginge. So legte sie sich wieder in ihr Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
'Marialle.', erklang es leise und verzweifelt in ihrem Inneren.
Es verging eine Weile und tatsächlich hörte sie die lauten Maschinen über der Festung, die das Flugschiff in der Luft hielten. Sie war genervt, wollte von alledem nichts mitbekommen und legte sich ihr Kissen noch zusätzlich auf den Kopf. Sie vergaß, wo sie war, und dachte an die unbeschwerte Priesterin aus ihren Träumen der letzten Tage, die am Strand lachend in ihre Arme lief. Die Todesritterin hatte diese Marialle nie kennengelernt, dennoch wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass die heutige auch einmal so gelöst und glücklich sein würde. Es klopfte unwirsch an der Türe und riss sie hart aus ihren Tagträumereien.
"Was?!", brüllte sie die Tür an.
"Die Hochlords Fordring und Mograine verlangen nach euch, Mylady." Kam es von draußen und sie fluchte innerlich. Wollte Tirion sie jetzt etwa vor dem ach so tollen König Varian Wrynn zur Schau stellen? Womöglich wollten sie sie sicherheitshalber doch noch aus dem Lager werfen, irgendwie war sie ja wohl für eine Todesritterin nicht ganz dicht. Am besten wäre es noch, wenn dieses widerliche Scheusal, Koltira, wieder zurückgekehrt wäre.
Mit jedem Gedanken wurde die Miene der dunklen Elfe ausdrucksloser, und als sie sicher war, die Maske der Gleichgültigkeit vollends aufgelegt zu haben, schritt sie hinaus durch die Türe. Die hochstehende Sonne blendete ihre, an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Draußen standen die Soldaten und Ritter der schwarzen Klinge aufgereiht und lösten ihre akkurate Formation gerade auf. Während Dolette träge zum Haupthaus trottete, verfielen die Massen an Menschen und Todesritter wieder in einträchtiges Gewusel. Sie erreichte die große Hütte, in der Mitte des Innenhofes, und straffte ihre Statur, bevor sie eintrat. Das Licht im Inneren war gedämmt, und sie konnte kaum etwas erkennen, so stark war der Unterschied zu draußen. Noch bevor sich ihre Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnen konnten, spürte sie die Wärme eines Körpers, der sie umarmte und sich nah an sie schmiegte. Dolette hielt den Atem an, das konnte doch nur ein Traum sein, oder?

Sie dankte dem Licht, dass ihre geliebte, dunkle Elfe wohlauf war. Zu sorgenvoll waren die letzten Tage an ihr vorbeigegangen, ohne dass sie sich im Traum hatten treffen können. Als Dolette das Haupthaus des Hochlords betrat, hatte sie zunächst den Bruchteil eines Herzschlages schwer schlucken müssen, als sie erblickte wie ausgemergelt die Todesritterin aussah, doch dann konnte sie nicht anders, als der Gesellschaft zum Trotz, Dolette einfach um den Hals zu fallen. Im Raum unterbrach man sich. Marialle spürte die Blicke in ihrem Rücken.
"Beim Licht, ich dachte schon, ich hätte dich verloren." Die Elfe in ihren Armen rührte sich kein Stück, weder erwiderte sie die Umarmung, noch schien sie überhaupt zu atmen.
"Dole?" Die Hohepriesterin drückte sich sanft von ihr zurück und betrachtete das befremdliche Antlitz der Todesritterin. Da, wo sie vor Tagen im Traum beinah wieder lebendig ausgesehen hatte, hatte sich alles ins Gegenteil verkehrt. Ihre Haare fielen in kraftlosen Wellen hinab und ihr Gesicht war eingefallen und fahl. Einzig ihre Augen zeugten noch von der Veränderung, die sie durchgemacht hatte. Sie schien noch immer wie erstarrt und wahrhaftig, sie war unglaublich ausgezehrt. Die leuchtenden Augen sahen schwach, aber direkt in ihre bernsteinfarbenen und doch durch sie hindurch. Marialle betrachtete sie eingehend und war sich sicher, dass sie die wahre Dolette vor sich hatte, wie sehr sie sich auch verändert haben sollte. Sie legte der Untoten zärtlich eine Hand auf die Wange und augenblicklich erschien das sanfte goldene Leuchten auf der fahlen Haut. Um sie herum wurde gemurmelt, doch das war ihr gleich, denn im Gesicht der Todesritterin zeichnete sich Leben ab.
"Wie ist das ...? Wie bist du hierher gekommen? Ich befürchtete schon ... " Ihre sonst so glockenklare Stimme krächzte, als hätte sie sie schon seit Tagen nicht mehr benutzt.
"Ich bin seit Unterstadt mit Lady Prachtmeer unterwegs. Durch ihr Teleportieren kommt man um einiges schneller voran." Sie schaute sich kurz um und ihre Gesichtszüge klärten sich langsam, hellten sich sogar auf, als sie die Erzmagierin erkannte und ihr einmal zunickte.
"Marialle, ich ... ich dachte, ich hätte dich verloren", krächzte sie schwach. Was war nur los mit ihr? Hatte sie sich all die Tage rein gar nicht um sich selbst gekümmert? Es drängte die Priesterin so sehr, wieder die Arme um die Todesritterin zu schlingen, doch sie stand noch immer unbeweglich da, starrte die Menschenfrau nur ungläubig an. Marialle zog leicht ihre Hand zurück und erschrak kurz, als sich die eisig kalte Hand der Untoten um ihr Handgelenk schloss. Dolette sagte nichts, sah ihr nur weiter mit dem forschenden Blick tief in die Augen. Der sanfte goldene Schimmer, der ihnen innewohnte, ließ ihr Herz schneller schlagen.
"Nicht, hör nicht auf. Zeig mir, dass es wahrhaftig ist." Die Hohepriesterin erkannte den tiefen Schmerz in den Augen der dunklen Elfe und fragte sich unwillkürlich, ob sie selbst ein ähnlich niederschmetterndes Bild abgab.
Ein Räuspern riss sie aus ihren Gedanken und holte sie zurück ins Hier und Jetzt.
"Lady Lichtsprung, vielleicht wollt ihr mit Lady Glutklinge erst einmal für einige Augenblicke allein sein. Wir schicken jemanden nach euch, wenn es Neuigkeiten gibt." Die Erzmagierin lächelte leicht, doch schien sie die Brisanz der Situation erfassen zu können. Der König neben ihr indes schaute nur argwöhnisch auf die beiden gegensätzlichen Frauen.
"In Ordnung, danke. Meine Herren." Sie nickte in die Runde und schob die Todesritterin sanft hinaus.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt