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   Als die Sonne kurz vor ihrem Untergang stand, erreichten sie den neuen Hof der Familie Lichtsprung. Ein kurzer Trampelpfad führte zu einem riesigen Haus, in dem sicher 15 Zimmer Platz für seine Bewohner boten. Daneben stand ein weiteres, ungefähr halb so großes. Noch weiter hinten war eine große Scheune, viel größer als die alte, und weiter hinten erstreckten sich verschiedene Felder, auf denen Marialles Brüder wahrscheinlich gerade ihre Geräte zusammenräumten.
Sie betraten das Haupthaus durch die große Doppeltür. Meredith stomperte aufgeregt voran und rief sofort in die Küche: "Mutter, komm! Marialle ist da." Ein lautes Scheppern, gefolgt von unterschiedlichen Schritten. Als Erste stürmte Magereth in den Flur. Kurz verweilte sie ungläubig im Türrahmen, bevor sie ihre Tochter mit Tränen in den Augen in eine stürmische Umarmung zog. "Kind, wir dachten, wir hätten dich verloren!", klagte sie schluchzend. "Ich bin hier, Mutter", gab die Jüngste der Lichtsprungs leise zurück. Dolette wurde von Katrice in eine ähnlich enge Umarmung gezogen, nachdem auch diese den Flur betreten hatte. "Du hast sie wiedergebracht", flüsterte die älteste der Schwägerinnen, als sie die Elfe aus der Umarmung entließ. "Natürlich, Katrice. Ich..." Die Paladin unterbrach sich, als eine weitere Frau in den Raum betrat. Es war Beatrice, die in der vergangenen Zeit wahrlich zur Frau geworden war. Sie war das absolute Ebenbild von Marialle, die hellbraunen Haare, die zierliche Nase, die rosigen Lippen und schließlich der bernsteinfarbene Ton, der in ihren Augen ruhte. Ihre Schüchternheit hatte sie aber, im Gegensatz zu der Priesterin, nicht abgelegt, und so stand sie unschlüssig im Türrahmen und schaute rasch zu Boden, als sie den verblüfften Blick der Elfe auf sich spürte. Sie machte einen Knicks in ihre Richtung, was die Paladin erröten ließ. Marialle entfuhr ein Kichern und löste sich von ihrer Mutter. "Komm her, Nichte. Lass dich umarmen", befahl sie der jungen Frau, die ihr so unglaublich ähnlich sah. "Guten Abend, Tante Mari", sagte sie gedämpft und ließ sich in die sanfte Umarmung ziehen.
Von oben war Getrampel zu hören, und schon schossen die Kinder ebenfalls in den Flur. Die beiden Zwillinge hatten an der Faszination für die Paladin festgehalten und so flankierten sie diese, wie an dem Tag, als sie sie kennengelernt hatten. Etwas später stolperten zwei weitere kleine Kinder dazu, die Marialle noch gar nicht kannte.
"Na, wer seid ihr denn?", fragte Marialle, die noch immer ihr Spiegelbild zu umarmen schien. Der Junge und das Mädchen traten an je ein Bein ihrer Großmutter und sahen abwechselnd mit großen Augen von der Priesterin zur Elfe. "Das sind Giselle und Markos. Unser jüngster Zuwachs. Sie sind beide einen Winter alt", erklärte Magereth. Das kleine Mädchen lief zu Charlotte, die sie hoch nahm und ihr einen Kuss auf die Wange gab. Der kleine Markos lief stattdessen zu Meredith, die ihn ihrerseits hochhob. "Beim Licht, ich weiß gar nicht, wie lange wir weg waren", stieß Marialle fassungslos aus. "Das ist eure Tante Mari mit ihrer Freundin Dolette, ihr Süßen. Kommt, lasst uns in die Küche gehen, die Männer sollten auch jeden Augenblick hereinkommen", erklärte das Familienoberhaupt seinen Enkeln und wandte sich dann an Dolette und Marialle.
Die Küche war riesig, ganz offensichtlich Dreh- und Angelpunkt im Haus. Neben der großzügigen Kochleiste samt Arbeitsplatten stand ein gewaltiger Tisch darin, der allen Familienmitgliedern und mehr Platz bot. "Setzt euch, setzt euch! Wir sind eh grade dabei, das Abendessen zuzubereiten. Ich hoffe, ihr habt Hunger." Die beiden nahmen Platz und Dolette hatte sogleich die Zwillinge Leah und Larah auf dem Schoß, die sie mit Fragen löcherten. Marialle hingegen saß zwischen ihrer großen Nichte Beatrice und Meredith, die die beiden Kleinkinder auf dem Schoß hatten. "Ich hatte gedacht, du wärst mittlerweile vielleicht ein wenig mehr aus dir rausgekommen, Bea?", feixte Marialle, was ihrer Nichte die Röte ins Gesicht schießen ließ. "Täusch dich nicht, wenn sie mit uns in der Stadt ist, ist sie ganz anders, was Gleichaltrige angeht. Aber die große Paladin hat ja von Anfang an schwer Eindruck auf unsere Kleine hier gemacht", stimmte Meredith gut gelaunt mit ein.
"Tante Meredith! Lass das, du hast doch keine Ahnung", zischte die junge Frau der älteren zu. "Oho, du kannst ja richtig zickig sein!", lachte die Priesterin durch den riesigen Raum. Dolette sah verwundert von einer zur anderen und wurde sofort wieder rot, als sie bei dem Ebenbild ihrer Liebsten ankam. Sie brummelte etwas Unverständliches und wandte sich entnervt ab. "Haha, ich glaub, euch beide sollten wir mal zusammen in eine Besenkammer stecken, damit das aufhört", stichelte Meredith weiter und auch Marialle machte aus ihrem Grinsen kein Geheimnis.
"Mama, jetzt sag doch mal was!", bat Beatrice flehentlich, an Katrice gewandt. Die Angesprochene drehte sich von der Arbeitsplatte um, bemüht, ein schelmisches Grinsen zu unterdrücken. "Ich versteh gar nicht, wo dein Problem ist, Bea. Schau dir die Kleinen an. Die machen auch kein Geheimnis daraus, dass sie Dolette anhimmeln", sprach sie munter auf ihre Tochter ein. "Boah, Mama, ich bin aber kein kleines Kind mehr!" Die junge Frau war mittlerweile knallrot geworden und auch die Elfe hatte Mühe, sich weiter auf die Zwillinge zu konzentrieren.
"Nun lasst doch mal das arme Mädchen in Ruhe", sagte die Paladin leise.
"Ach komm, du musst ja jetzt gar nicht anfangen, mit ihr in eine Kerbe zu schlagen. Bei dir sieht's doch genau so aus", mischte sich nun auch Charlotte ein. Die Frauen lachten und auch Markos und Gyselle quietschten fröhlich mit. Nur Beatrice und Dolette schauten etwas genervt drein.
"Jetzt reicht's mir. Geht mal runter von mir, Mädchen. Komm mit, Beatrice", sagte Dolette bestimmend und reichte der jungen Frau, galant wie sie war, die Hand, um ihr aufzuhelfen. Zusammen verließen sie Richtung Flur die Küche. Als sie draußen waren, prusteten die Frauen wieder los. "Jetzt habt ihr es aber wirklich übertrieben", sagte Daria, die sich bis dato achtsam zurückgehalten hatte. "Ach, die kriegen sich schon ein. Wird Zeit, dass sie das mal klären. Wenn das nach den ganzen Jahren noch schlimmer ist", meinte das Familienoberhaupt ruhig. "Aber es spricht ja für dich, Mari, dass Dolette noch immer so auf die Kleine reagiert." Nun war es Marialle, die rot anlief und kaum merklich nickte. "Mari?", kam es aus der Tür, die von der Küche nach draußen führte. Es war Gustav, der als erster den Raum betrat, gefolgt von seinen Brüdern sowie Johannez und Patrice. "Das glaube ich ja nicht! Du lebst, Schwesterherz", jubelte Jazper erstaunt. "Ja, natürlich. Was denkt ihr denn?", warf sie ein und erhob sich vom Tisch.
"Das heißt, Kalimdor existiert?", stieß Berthold hervor. "Selbstverständlich existiert es und es ..." Bevor sie weiter sprechen konnte, fielen ihr die Brüder um den Hals und nahmen ihr die Luft. Sie umarmten sie stürmisch, wie immer, aber Marialle konnte spüren, dass sie sich wirklich Sorgen gemacht hatten. "Ist ja gut, Jungs. Ich lebe ja noch", stieß sie atemlos aus. "Zum Glück! Wo ist denn Dolette?", wollte nun Gunter wissen. Die Priesterin lachte kurz bei dem Thema. "Ach, die ... die ist mit einer Jüngeren durchgebrannt", versuchte sie ernst zu klingen. "Was? Wo ist die? Der zieh ich die Beine lang!", kam es nun von Grubert, der schon Anstalten machte, aus der Küche zu stürmen.
In dem Moment trat Dolette mit Beatrice in den Raum und hatte ihr freundschaftlich einen Arm um die Schulter gelegt. Beide unterhielten sich angeregt und lachten.
"Ach, die Herren der Schöpfung sind auch endlich da, was gibt's denn hier ..." doch Gustav fuhr ihr unsanft über den Mund. Marialle entfuhr noch ein "Ohoh", bevor sie die Augen verdrehte.
"Ich glaube, ich spinne! Nimm sofort die Hände von meiner Tochter, sonst mach ich dir Beine, Spitzohr! Ist meine Schwester nicht mehr gut genug für dich oder was? Weißt du, wie alt Beatrice ist?" Die Elfe und die junge Frau schauten sich verwirrt an.
"Mari, was ist hier los?", presste die Paladin irritiert zwischen den Lippen hervor. Die Angesprochene kicherte und ließ noch einige Herzschläge verstreichen, in denen sich ihr Bruder immer mehr vor Dolette aufbaute. "Herrje, Gustav. Das war ein Scherz! Beruhige dich, Gemahl", ging Katrice nun dazwischen. "Ja, Gus. Ich hab nur einen Witz gemacht, alles ist gut", bestätigte nun auch Marialle.
"Ach, du meinst doch nicht, dass ich das geglaubt habe, oder? Komm her, Dole, gut dich wohlauf zu sehen", sagte er, um Glaubwürdigkeit bemüht, und zog die Elfe in eine Umarmung, die sie steif erwiderte. "Eh, ja. Dich auch, Gus. Euch auch, Männer!", zwinkerte sie den restlichen Lichtsprungmännern zu und klopfte Gustav freundschaftlich auf den Rücken.
"Lasst uns jetzt erstmal essen, Kinder. Bleibt ihr eigentlich länger, Mari?", fragte Magereth an ihre Jüngste gewandt. "Ein paar Tage werden wir bleiben, ich muss auch dringend zum Turm, ich war viel länger weg, als es mit Meister Yskopaiah ausgemacht war, aber dann wollen wir beide auch zügig nach Quel'Thalas", stand die Priesterin Rede und Antwort.
Die Männer setzten sich und die Frauen tischten auf.

Nach dem Essen saß die Familie noch eine kleine Ewigkeit beieinander und lauschte den Abenteuern von Marialle und Dolette, doch irgendwann verschwand einer nach dem anderen auf die Zimmer, und auch Dolette und Marialle gingen in das Nebenhaus, in dem Marialles Schwägerinnen ein Zimmer für sie beide eingerichtet hatten. Johannes und Patrice hatten ihnen sogar schon ihre Habe hochgebracht. "Möchtest du noch spazieren gehen? Die neue Umgebung auskundschaften?", fragte die Paladin ihre Geliebte, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Marialle drehte sich zu ihr um und sah ihr tief in die grün schimmernden Augen. Der Mond fiel durch das große Fenster des Zimmers, wodurch die Elfe in sein fahles Silber getaucht wurde und ihr insgesamt einen fast unheimlichen Anblick verlieh. In den Augen der Priesterin lag jedoch nur Liebe und so trat sie an Dolette heran. "Ich denke, dafür haben wir auch morgen noch Zeit, immerhin haben wir das ganze Haus für uns allein, da würde mir das ein oder andere einfallen, was man tun könnte, um genau das auszunutzen", hauchte sie der Elfe verführerisch entgegen, der das ein verheißungsvolles Grinsen abverlangte. Sie zog die Menschenfrau an sich und räusperte sich kaum merklich. "Da hast du natürlich absolut recht, außerdem sieht man am Tage ja auch viel mehr von den Ländereien als bei Nacht", gab Dolette zurück und verschloss die Lippen der Priesterin mit ihren.
Nach einer kurzen Weile löste Marialle allerdings wieder den Kuss. "Sag mal!" Die Paladin schaute irritiert. "Was denn? Kann ich etwa nicht mehr küssen?", grinste sie frech, doch die junge Frau tat das mit einer wegwischenden Handbewegung ab. "Was hast du vorhin eigentlich mit Bea beredet, dass ihr so vertraut wieder zurückkamt?", wollte sie wissen. Dolette spitzte verzückt die Lippen. "Ach, das willst du gern wissen, was? Eifersüchtig, mh?" Ihr Grinsen wurde noch eine Spur breiter, als sie das fragte. "Blödsinn, sie ist doch noch ein halbes Kind", erklärte die Priesterin betont gleichgültig. "Na, das bezweifle ich aber", gab die Paladin, noch immer überlegen grinsend, zurück. "Was? Wieso?" Nun konnte Marialle ihre Neugierde nicht mehr verbergen. Sie boxte der Elfe drängend gegen die Schulter. "Nun sag schon!"
"He he! Schlag mich nicht! Ich pack ja schon aus", lachte Dolette und zog verspielt den Kopf ein. "Dir ist ja, denke ich, klar, warum sie immer so, naja, schüchtern ist, sobald ich da bin?" Die Priesterin legte fragend den Kopf schief, was die Elfe schmunzeln ließ. Die Paladin räusperte sich und legte einen ernsten Gesichtsausdruck auf, bevor sie begann zu erklären: "Also nun ja, Beatrice sieht dir wirklich unfassbar ähnlich, das ist dir aber zumindest klar, oder?" Marialle nickte. "Und, naja, immer wenn ich sie ansehe, sehe ich dich. Auch wenn ich natürlich weiß, dass sie nicht du ist ..." Sie räusperte sich erneut, bevor sie fortfuhr: "... aber es löst schon eine Menge Gefühle in mir aus, die eigentlich dir gelten. Und ich starre sie immer so an und versuche, diese Gefühle einzuordnen oder zu unterdrücken. Naja, sie spürt diese Blicke nun mal auf sich, und das ist ihr ungemein unangenehm", schloss sie ihre Erklärung fürs Erste ab. "Also ich würde mich ja freuen, wenn du mich so ansehen würdest", schmunzelte Marialle verträumt. "Das bezweifle ich, Mari. Denn das hieße, dass du nicht die Richtige wärst." Marialle verstand und strich der Elfe sanft über die Wange. "Alles gut, Dole. Wie hast du es denn geschafft, dass ihr nun normal miteinander umgehen könnt?", fragte sie schließlich. "Ich habe ihr einfach gesagt, woran es liegt, dass ich sie immer so ansehe und dass ich nicht weiß, ob mir das nicht immer wieder passieren wird. Naja und dann hat sie mir gesagt, dass sie diese Blicke ja eigentlich sehr genießt und mich überhaupt total interessant findet. Und ... naja du weißt schon", erklärte sie und ihr Ton wurde zum Ende hin immer neckender. Ein schelmisches Zwinkern setzte dem noch eins oben drauf. "Ach hör doch auf, du!", lachte die Priesterin und boxte ihrer Liebsten erneut gegen die Schulter. "Nein, ich schwör's, so hat sie es gesagt!", betonte die Paladin erneut und hob abwehrend die Hände. Die beiden lachten heiter und genossen die Nacht, die sie zum Tage machten.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt