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   Das war also ihr Ende. Innerlich schmunzelte sie. Wozu brauchte die Welt auch eine Todesritterin, die in der Lage war zu lieben?
Liebe. Jetzt hatte sie es erkannt und war trotzdem nicht in der Lage, die Menschenfrau zu beschützen. Der Tod war ihr mehr als willkommen. Sie sah die Schergen des Großapothekers auf sich zustürmen und schloss ihre Augen, auf den Schmerz wartend, der ihrem jämmerlichen Dasein ein Ende bereiten würde. Merkwürdig. Er blieb aus. Stattdessen vernahm sie durch ihre geschlossenen Lider ein helles goldenes Leuchten und dachte für den Bruchteil eines Herzschlages, es würde von ihr selbst ausgehen. Als sie dann ihre Augen öffnete, riss ein goldener Hammer die Heranstürmenden mit brachialer Gewalt fort. Sie konnte nicht sofort erkennen, von wem dieser mächtige Zauber ausging, aber sie erkannte ihre Chance, doch noch ihre Rache zu bekommen. Also sprang sie wieder auf und wandte sich erneut Putress zu.
"Stellt euch, Abschaum!", schrie sie ihn an. Sein Gesicht verzerrte sich, da sich das Blatt abermals zu wenden schien. Staunen und Angst zeichneten sich auf den fahlen Gesichtszügen ab, und sie ließ sich nun nicht mehr beirren. Ihre Augen glommen bedrohlich, und das leuchtende Blau schien wie Rauch emporzusteigen, als sie langsam auf ihn zutrat. Zwei der abtrünnigen Verlassenen rannten mit erhobenen Schwertern auf sie zu, doch sie wehrte die Angriffe mit ihrem Runenschwert elegant ab, drehte sich einmal um sich selbst und trennte ihnen mit einem Hieb die verfaulten Köpfe vom Körper. Hinter ihr war ein Kampf entflammt, offensichtlich hatte ein kleiner Trupp Menschen überlebt und verfolgte ebenso die Verräter.
Sie erhob ihr Schwert, während sie weiter auf den Großapotheker zuging, und spürte wieder diesen unbändigen Hunger nach Blut und Tod in sich aufsteigen. "Stellt euch!", befahl sie ein weiteres Mal, doch Putress machte keine Anstalten, eine Waffe zu ziehen oder einen Zauber zu formen. Er sah sich hilfesuchend nach links und rechts um, aber die Seinen waren in Gefechte mit den Menschen verstrickt. Resignierend ließ die Anspannung in seinem Körper nach. Ergab er sich seinem Schicksal? Es war ihr gleich, sie tat die letzten Schritte auf ihn zu, holte aus und ließ ihr Runenschwert machtvoll niederfahren. Es durchtrennte den Hals des Apothekers mit Leichtigkeit, und sie schaute seinem Kopf befriedigt dabei zu, wie er von dem Körper wegrollte, der daneben in sich zusackte.
Mit entfachtem Blutdurst drehte sie sich um und stürzte sich in den laufenden Kampf. Die Menschen waren allerdings in leichter Überzahl, und so war er für ihren Geschmack viel zu schnell vorüber. Dolette ließ ihre Klinge zurück in die Scheide gleiten, als jemand an sie herantrat und sie ansprach. "Ihr musstet wahrlich Sehnsucht nach dem Tode haben, wenn ihr so viele Gegner alleine angreift, Todesritterin." Der Mann in der silbernen Rüstung, mit den blauen und goldenen Verzierungen darauf, legte Achtung in seine Worte und lächelte sogar leicht. Das Alter hatte ihn deutlich gezeichnet, dennoch war er eine beeindruckende Erscheinung, und die Elfe konnte spüren, welche Macht von ihm ausging. Er kam ihr bekannt vor, aber ihr fiel nicht ein, woher. So erwiderte sie sein Lächeln nur matt. "Gut möglich", antwortete sie knapp.
"Da sollte man denken, ein Todesritter findet im Abschlachten seinen Grund zu leben, während ihr euren verloren zu haben scheint." Ein Schatten glitt über ihr Gesicht, als er den Grund für ihren halsbrecherischen Versuch, den Großapotheker allein zu stellen, ansprach. "Eine scharfe Auffassungsgabe scheint ihr ja zu haben, Mensch. Habt ihr auch einen Namen?" Nun lachte er herzhaft. "Tirion Fordring, Paladin der silbernen Hand." Er hielt ihr kameradschaftlich seine Hand entgegen. Und da fiel ihr ein, woher sie ihn kannte. Er stand damals neben Varian Wrynn, als sie die Hohepriesterin zum ersten Mal vor der Kathedrale in Sturmwind erblickte. "Dolette Glutklinge, danke für eure Hilfe." Sein Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. "Dolette Glutklinge. Wisst ihr um euer ehemaliges Leben?", fragte er ohne Umschweife. Sie schluckte hart. Ein Paladin, natürlich wurde er bei ihrem Namen hellhörig. Verwunderlich genug, dass er sie nicht so schon erkannte. Sie konnte es nicht mehr ändern und nickte daher zaghaft. "Ja. Nein. Marialle ... Mir wurde ein Teil meiner Lebensgeschichte zugetragen. Ich war einst ebenfalls eine Paladin." Sie lächelte schwach, doch sein Gesicht wies schon wieder Spuren der Überraschung auf. "Die Hohepriesterin? Wart ihr in ihrer Begleitung?" Dolettes lange Ohren zuckten kurz. "Ja, das war ich. In Dalaran trennten wir uns." Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihn fragend an, doch er ließ sie einige Herzschläge lang unbewusst warten. "Als die Drachen der Lebensbinderin die Toten auf dem Schlachtfeld verbrannt haben, habe ich sie in Begleitung der Anführer der Horde und diesem Blutelfen der Kirin'Tor getroffen. Wenn ich das richtig gesehen habe, ist sie kurz nach meinem Aufbruch mit den Erzmagiern wegteleportiert. Sie versprach dem Kriegshäuptling, sich an der Rückeroberung der Unterstadt Lordaerons zu beteiligen. Ich kann euch also nicht sagen, ob sie noch in Dalaran ist." Noch während der Paladin sprach, hellte sich die Miene der Todesritterin auf und sie fiel dem Menschen unvermittelt um den Hals. Erst sah er verwundert drein, doch dann klopfte er ihr freundschaftlich auf den Rücken und lachte leise. "Ist ja gut", sagte er unbeholfen und peinlich berührt zog sie sich schnell wieder von ihm zurück. "Verzeiht, Lord Fordring." Er lachte herzhaft auf.
"Eine schöne Todesritterin seid ihr mir! Wenn ihr in Dalaran gefunden habt, was ihr suchtet, dann kommt zur Allianzfeste, wir werden jetzt nicht aufgeben, den Lichkönig zu Fall zu bringen!" Sie nickte ihm entschlossen zu. "Das werde ich! Sagt, in welcher Richtung liegt Dalaran?" Fragte sie und er erhob nur seine Hand und deutete zu seiner Rechten. Sie drehte sich um und begann zu laufen, so schnell sie ihre Beine trugen.
Sie war am Leben!
Vereinzelte Schneeflocken zerbarsteten an ihrem Gesicht, bei der hohen Geschwindigkeit, die sie erreichte. Ihre blassen Lippen zierte ein erleichtertes Lächeln.

"Marialle!" Es war der Anführer der Kirin'Tor, der sich vernehmen ließ, um die Priesterin an einem voreiligen Aufbruch zu hindern. Sie blieb stehen und drehte sich um, betrachtete den Erzmagier ausdruckslos. Sie wollte einfach nur hier weg. Vergessen, wieder an den Punkt gelangen, an dem sie war, bevor sie die Todesritterin traf. Vielleicht würde sie auf dem Weg nach Unterstadt einen Abstecher zu ihrer Familie machen, ihre kleine Patentochter sehen, sich Kraft abholen, um weiterleben zu können. "Bleibt noch eine Nacht in Dalaran, überdenkt genau eure nächsten Schritte und ruht euch aus", schlug er vor. Marialles Blick war schwammig. Es fiel ihr schwer, einen festen Punkt länger zu fixieren. "Ja, Mari, bleib heute Nacht hier. Wenn du morgen aufbrichst, werden wir dir folgen", bekräftigte Odessa die Worte des Magiers und wechselte einen Blick mit Borigan, um sich seines Einverständnisses zu versichern. "Außerdem kann es doch sein, dass es ihr gut geht und auf eigene Faust zurück nach Dalaran kehrt, gib ihr etwas Zeit. Gib die Hoffnung noch nicht auf.", fuhr die junge Magierin fort.
Hoffnung. Ja, sicher war sie nicht, dass sie Dolette ein zweites Mal verloren hatte, aber konnte sie es sich erlauben zu hoffen? Würde es ihr nicht den letzten Lebenswillen rauben, wenn sie nun doch noch zu hoffen wagte und diese Hoffnung unbegründet blieb?
Hoffnung hin oder her, ihre Gefühle waren grade betäubt und vielleicht würde sie sogar etwas Schlaf finden, wenn sie sich jetzt ausruhte, also willigte sie ein. "Also schön, ich bleibe eine Nacht hier. Wie sieht es mit euch aus, Meister Plagg? Wollt auch ihr mir nach Unterstadt folgen?", wandte sie sich an den Verlassenen, der bisher nur ruhig in einer Ecke stand. Als er aufsah, erschrak sie kurz, seine zerfledderten Gesichtszüge wiesen Trauer auf. Das hatte sie nicht erwartet, doch dem Untoten schien mittlerweile viel an seiner Herrin zu liegen. Die Sukkubus ihrerseits schaute nur seicht grinsend in der Gegend umher. Wie so oft schien sie nichts von dem, was um sie herum geschah, zu registrieren.
"Mylady Lichtsprung, so oder so werde ich dabei helfen, mein Zuhause wieder zurückzukämpfen, und wenn ich dies an eurer Seite tun kann, umso mehr." Er verneigte sich kaum merklich, und Marialle nickte ihm zu. "Dann lasse ich Zimmer für euch herrichten. Seid unsere Gäste, für heute Nacht. Bis dahin folgt mir und esst mit uns." Rhonin ging vor, dicht gefolgt von Vereesa, Modera und Aethas. Marialle und ihre Gefährten schritten ihnen ebenfalls hinterher, die Treppe hinauf, durch eine große Flügeltür, hinter der ein langer Flur lag. Am Ende des Flures durchschritten sie eine weitere Flügeltür und erreichten einen großen Speisesaal. Auf der großen Tafel standen reihenweise Kerzenleuchter und von den Wänden hingen, wie schon zuvor in dem langen Flur, reich verzierte violette Wandteppiche hinab.
Sie verbrachten einen ruhigen, kurzen Abend im Kreise der Kirin'Tor, der nur durch die bedrückte Stimmung zeigte, unter welch dunklen Umständen er stattfand.
Marialle stand in ihrem Zimmer, das ihr bereitgestellt wurde, blickte aus dem Fenster und betrachtete wehmütig den Mond. Ob Odessa recht hatte, war Dolette vielleicht gar nicht tot, sondern bereits auf dem Weg zu ihr?

Die Nacht war hereingebrochen, doch die Todesritterin dachte nicht daran zu rasten oder auch nur ihre beeindruckende Geschwindigkeit zu reduzieren. Sie rannte wie der Wind, ihr Ziel fest vor Augen. Sie musste Dalaran erreichen, bevor der Morgen anbrach, vielleicht hatte sie Glück und die Priesterin hätte die Nacht in Dalaran verbracht und würde erst am Morgen nach Unterstadt aufbrechen. Die Elfe würde das Versprechen, das sie dem Paladin gab, nicht brechen. Sie stand in seiner Schuld und würde zu ihm stoßen, um dem Lichkönig endgültig Einhalt zu gebieten, aber falls Marialle Dalaran schon verlassen hätte, würde das bedeuten, sie würde womöglich in dem Glauben sein, die Todesritterin wäre tot.
Sie rannte die ganze Nacht hindurch, und der Himmel färbte sich am Horizont schon orange, als sie von weitem die Umrisse der schwebenden Stadt erkannte. Sie zog das Tempo noch weiter an, es durfte nicht umsonst sein.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt