Der Himmel war strahlend blau und die Möwen krächzten im Einklang mit den sich brechenden Wellen. Die Sonne wärmte ihre Haut und das Wasser kühlte ihre Füße. Eine vertraute Szene, in der sie sich plötzlich wiederfand. Eben noch war sie an der Seite ihrer Liebsten und den anderen, tief im Herzen der Eiskrone, um genau zu sein mitten in der Zitadelle, dabei sich den Weg zum Lichkönig freizukämpfen, um seinem schrecklichen Treiben endlich ein Ende zu setzen und Azeroth vor seiner Zerstörung zu bewahren, auf einmal war sie hier.
Nachdem sie unbehelligt durch die Eingangshalle, den sogenannten Hammer des Lichts, geschlichen waren, folgten sie Darion Mograine an den blutroten Hallen und den Seuchenwerken vorbei in die Hallen der Frostschwingen. Der schwarze Wächter hatte erklärt, dass hier Sindragosa lauerte, die ehemalige Gefährtin Malygos', die vom Lichkönig reinkarniert, als Frostwyrm wieder auferstanden war. Eine mächtige Vertreterin des blauen Drachenschwarms, nun wiedererweckt als Knochengestell, das nur noch schemenhaft an einen riesigen Drachen erinnerte.
Doch als sie tiefer in die Hallen schritten, waren sie überrascht, dort einen Vertreter des grünen Drachenschwarms vorzufinden.
"Sie lebt noch", flüsterte die Priesterin ihren Gefährten zu. "Noch, sie ist äußerst schwach. Seht nur die ganzen Apparate und Schläuche. Sie nehmen sicher irgendwelche Experimente an ihr vor, um auch noch im Smaragdgrünen Traum ihr Unwesen zu treiben", vermutete Tirion Fordring.
"Damit habt ihr sicher Recht, Hochlord. Eilt euch, wir schleichen schnell an ihr vorbei, bevor wir die Aufmerksamkeit der Geißel oder schlimmer noch, die von Sindragosa auf uns ziehen", ließ sich nun Darion Mograine vernehmen.
"Was? Wir müssen ihr doch helfen!", stieß Odessa zischend hervor. "Wenn der Lichkönig erst gefallen ist, hat das hier sowieso ein Ende, also sollten wir unser vorrangiges Ziel nicht aus den Augen verlieren", mischte sich auch Thassarian ein.
Doch die Entscheidung wurde ihnen abgenommen, als plötzlich scharenweise untote Wesen in die große Halle stürzten. Skelette, Monstrositäten und allerlei anderes Untotes rannte auf die Gefährten und auf den grünen Drachen zu.
Ich bin Valithria Traumwandler. Heilt mich und ich werde euch beschützen, erklang es in den Köpfen der Mitstreiter und in den kleinen, traurigen Augen lag Aufrichtigkeit.
"Na los, ich werde sie versuchen zu heilen. Tirion, helft mir. Dole und Lord Fordragon, lenkt die Geißel auf euch und ihr anderen versucht sie zu vernichten!" Marialle war kurz über sich selbst überrascht, doch schien es ihr grade ganz natürlich, diesen großen Persönlichkeiten, mit denen sie in die Zitadelle eingefallen war, Befehle zu erteilen.
Und tatsächlich nickten alle entschlossen. Dolette und Bolvar stürzten zu je einer Seite der Drachendame und warfen heulende Böen und goldene Hämmer um sich, um die Untoten auf sich zu ziehen. Es funktionierte, sie ließen von dem grünen Drachen ab, und so stürmte Borigan an die Seite seiner ehemaligen Kommandantin, Thassarian an die von Bolvar und Odessa, Plagg und Susanne warfen mit Zaubern nur so um sich.
Marialle und Tirion Fordring tauschten einen Blick, bevor sie sich auf Valithria Traumwandler konzentrierten.
Die beiden kanalisierten einen Heilzauber nach dem anderen und die Hohepriesterin spürte, wie sich der Zustand der Drachendame zusehends verbesserte, allerdings äußerst langsam und während der Kampf um sie weiter tobte, schwanden ihre Manareserven mit jedem Zauber, den sie wirkte. Auch Tirion sah mehr und mehr ausgezehrt aus.
So verging die Zeit zäh, und die beiden Heiler schienen schließlich das Ende ihrer Kräfte erreicht zu haben. Da taten sich plötzlich einige Dimensionstore auf, und ein weiteres Mal vernahmen sie die Stimme des grünen Drachen in ihren Köpfen.
Die Tore führen in den smaragdgrünen Traum. Dort werden sich eure Reserven wieder auffüllen und eure Zauber werden mächtiger. Beeilt euch, ich kann die Tore nur kurz aufrechterhalten!, keuchte Valithria vor Anstrengung, und die beiden nickten einander erneut zu, bevor sie auf zwei der Tore zurannten und hineinsprangen.
Marialle vernahm noch den aufgebrachten Ruf der Todesritterin hinter sich, doch er endete jäh, als sich die Umgebung verändert hatte und die Hohepriesterin spüren konnte, dass sie sich im Schöpfungstraum befand. Einige Körperlängen entfernt, erkannte sie den Paladin, der sich staunend umsah.
Eine kleine grüne Wolke flog direkt auf sie zu und drang schließlich in sie ein. Marialle fühlte augenblicklich, wie ihre Kräfte sich regenerierten und sogar zunahmen.
"Hochlord, nehmt diese grünen Wölkchen in euch auf! Sie bringen den Effekt, von dem Valithria Traumwandler gesprochen hat." Er nickte verstehend und so rannten die beiden wie angestachelte Hühner hin und her, um die Wolken einzufangen und in sich aufzunehmen. Es waren nur Herzschläge vergangen, als ein gewaltiger Sog sie erfasste und sie sich auf einmal wieder in der Halle befanden.
"Mari ...!" drang die glockenklare, kühle Stimme der Elfe an ihre Ohren. Sie schaute auf und ein wissendes Lächeln zierte ihre Lippen. Sie nickte Dolette nur zu, und diese wandte sich beruhigt wieder den zahllosen Untoten zu, die versuchten, ihr beizukommen.
Die Priesterin begann erneut ihre Heilzauber zu kanalisieren, genau wie es Tirion tat, und sie schauten sich mit einem überraschten Grinsen an, nachdem der erste Zauber einen einschlagenden Eindruck hinterließ. Die Drachendame hatte nicht zu viel versprochen. Ihre Manareserven hatten sich nicht nur wieder aufgefüllt, ihre Macht war um ein Beträchtliches angestiegen, und so konnte sie beobachten, wie es dem grünen Drachen mit jedem gewirkten Heilzauber besser ging.
"Wie lange dauert das denn noch? Die Untoten werden immer zahlreicher!", brüllte Bolvar Fordragon den beiden Heilern zu. Die Priesterin schloss kurz ihre Augen, um absehen zu können, wie viele Zauber es noch brauchte, bis Valithria regeneriert wäre. "Haltet noch etwas aus, wir sind noch nicht fertig." Sie nickte der blonden Magierin zu, die es verstehend erwiderte und beide Hände in die Höhe streckte.
"Dann verschaffen wir uns mal etwas Luft!", rief sie und ihre Hände begannen hellblau zu leuchten. Der Raum verzerrte sich kurz und ein weiterer Schub frischer Energie durchfuhr die Gefährten. Die Gegnerscharen konnten wieder etwas zurückgedrängt werden und die Heilzauber der Priesterin und des Paladins wurden noch effektiver.
Fast geschafft!
Nur noch ein bisschen.
So schnell wie sie gekommen waren, sanken die Kräfte aber auch wieder und so dauerte es nicht lange, bis Marialle mit ihrer letzten Kraft einen gewaltigen Heilungszauber losschickte und dann spürte, wie die Dunkelheit einer Ohnmacht sie drohte zu umschlingen.
Und so war sie hier gelandet, in dem Traum, der ihr all die Zeit Trost gespendet hatte. Sie setzte sich in den warmen Sand und wartete darauf, dass die Paladin ihren Namen rief. Doch nichts geschah. Erstaunt registrierte sie nach einer ganzen Weile, dass die Sonne sich am Himmel bewegte. Und nach nur einem Augenblick, wie es ihr schien, ging sie sogar unter. Der Mond spiegelte sich silbern auf der glatten Oberfläche des Meeres, als sich das helle Blau des Himmels in ein dunkles wandelte und es Nacht geworden war.
Marialle ärgerte sich zusehends. Wenn sie schon nicht wieder zu Bewusstsein kam, wollte sie zumindest ihre Liebste sehen, in welcher Form auch immer. Doch es geschah nichts. Langsam wurde es ihr unbehaglich, und sie zog die Beine nah an ihren Körper und umschlang sie mit ihren Armen. Sie fühlte sich allein und fragte sich, ob man sie dort vielleicht zurückgelassen hatte.
Ihre Gedanken wurden immer dunkler, doch plötzlich schien sich das gespiegelte Silber des Mondes auf der Wasseroberfläche zu bewegen und zu verformen. Es nahm die Umrisse einer Frau an, und langsam erhob sich die Lichtgestalt aus dem Wasser und gab die Konturen einer wunderschönen Nachtelfe preis. Sie trug ein langes, weißes Kleid mit vielen sichelförmigen, silbernen Verzierungen darauf, und auch auf ihrer Stirn war das Ornament klar zu erkennen. Ihre dunkelblauen Haare fügten sich perfekt in das Dunkel der Nacht, und sie schien über der Wasseroberfläche zu schweben.
Elarie!, ertönte es sanft in ihren Gedanken und sie wusste, dass der Ruf von der schwebenden Schönheit ausging. "Wer bist du? Und was machst du hier?" Ihre eigene Stimme dröhnte schmerzhaft in ihren Ohren, so laut war sie, im Vergleich zu der Sänfte, die in ihrem Inneren widerhallte.
Ich bin die Mutter des Mondes, meine Tochter. Marialle entspannte sich ad hoc, so viel Geborgenheit strömte von der Stimme durch ihren Körper.
Elunes Lippen bewegten sich nicht und doch zierte ein sanftes und vertrautes Lächeln ihre schönen, vollen Lippen.
Du bist schon viel zu lange hier. Warum wachst du nicht wieder auf? Belurie braucht dich. Die Priesterin versuchte das Gesagte zu verstehen, als würde sie mit Absicht nicht wieder aufwachen.
"Ich will doch zurück zu ihr! Wieso wache ich nicht auf?", kam es gequält von Marialle.
Tapfer stelltet ihr euch ein ums andere Mal dem Schicksal entgegen, meine Tochter. Sogar den Tod habt ihr überwunden und euch wiedergefunden, aber etwas in dir ist nicht ins Hier und Jetzt mitgekommen, habe ich recht? Die Menschenfrau überlegte nur kurz, was die Herrin des Mondes meinen könnte und wie von alleine begann sie auszusprechen, was Elune angedeutet hatte.
"Das silberne Leuchten, mein Licht. Es starb mit ihr, damals in Quel'Thalas ..." Betrübt und beschämt senkte sie den Blick. Wie konnte sie das so sehr beschäftigen? Dolette und sie waren wieder vereint, nichts sollte diesen Umstand trüben, und doch tat es das viel mehr, als sie sich eingestehen wollte.
Als sie dir entrissen wurde, blieb ein Teil von ihr in dir zurück und verband sich mit deinem Licht, Elarie. Dieser Teil ging, winzig klein und kaum merklich, bei eurer ersten Berührung in sie zurück und nahm dein Licht mit sich. Du siehst, meine Tochter, es ist da, wenn auch es nicht in dir ruht. Weder ich noch Belare wissen, ob sich die Lichter wieder trennen lassen, und wenn, was mit Belurie geschieht, wenn das passiert. Drum hör auf, dich zu quälen und wach einfach wieder auf!, befahl die überirdische Nachtelfe zum Ende, und die Priesterin versuchte angestrengt, das Gesagte zu verarbeiten und zu verstehen.
Der Schluss, zu dem sie kam, hinterließ nur ein einziges Gefühl: eiskalte, betäubende Angst.
Wach auf, Elarie!
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Die dunkle Ritterin - Staffel 1
FantasyStaffel 1 der Serie die dunkle Rittern laufend Kein WoW Vorwissen von Nöten. Die Geschichte einer Todesritterin, die durch einen Auftrag für Sylvanas Windläufer, an ihrem vergessenem Leben rührt. Wer war sie einst? Wer ist sie heute? Und was wird a...
