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   Der eisige Wind peitschte in ihr makelloses Gesicht, das ein ehrliches, glückliches Lächeln zierte.

Schneller!

Sie trieb den Greifen, auf dem sie saß, noch weiter an. Nie hatte sie sich freier und lebendiger gefühlt.

Höher!

Das Flugtier samt seiner Reiterin durchbrach schließlich die dichte, graue Wolkendecke und darüber erstreckte sich das unendliche Blau des Himmels, noch nie war es schöner. Dolette streckte ihre Arme von sich, richtete den Kopf gen Himmel und schloss genießend und zufrieden die Augen.

Marialle.

Ihr Lächeln wurde seicht und verträumt, als sie an die schöne Priesterin dachte, die ihr im Traum die Liebe gestanden hatte.

Marialle.

Einem Impuls folgend, öffnete Dolette ihre Augen. In weiter Ferne erkannte sie die Spitze der Eiskronenzitadelle. Um sie herum kreisten graue Wolken, die von Blitzen durchzogen wurden. Ein eisiger Schauer kroch den Rücken der dunkle Ritterin hinauf, darum delegierte sie den Greifen wieder zurück durch die Wolkendecke, in Richtung Boden.
Der Blick der Todesritterin war wieder ernst geworden und auf ihr Ziel gerichtet, doch in ihr brodelte das goldene Feuer, das, wie ihr nun klar wurde, die ganze Zeit von den Gefühlen für die Menschenfrau geschürt wurde. Sie steuerte direkt das Lager der Allianz an und landete geschmeidig mit ihrem Greifen vor den hohen Toren der Festung.
"Wer seid ihr und was wollt ihr, Todesritterin?", wurde sie direkt von einem der beiden Menschenwachen aufgehalten. "Dolette Glutklinge, ich möchte zu Lord Fordring", gab sie knapp zurück und überhörte den unfreundlichen Unterton in den Worten der Wache. Dieser nickte dem anderen zu, worauf er in der Festung verschwand.
Einige Augenblicke später kehrte er zurück und flüsterte dem ersten etwas zu, worauf er sich erneut missgünstig vernehmen ließ.
"Der Hochlord erwartet euch, gebt euren Greifen in der Feste ab." Sie nickte nur und führte ihr Flugtier an den beiden Wachen durch das Tor. Innen herrschte geschäftige Ruhe und sie schritt eilig an den vielen Hütten und Lagern vorbei zu den Ställen. Sie überreichte dem Stallmeister ihren Greifen und wandte sich um, zu dem Haupthaus, vor dem zwei weitere Wachmänner postiert waren.
Diese machten keine Anstalten, ihr den Weg zu versperren, und so trat sie durch die dicke Holztüre, die ins Innere führte. Drinnen stand Tirion Fordring an einem großen Tisch und, zu Dolettes Überraschung, bei ihm drei Todesritter.
"Lady Glutklinge, ihr habt Wort gehalten!", stieß er erfreut hervor. "Selbstverständlich, Lord Fordring", antwortete sie knapp. Leicht eingeschüchtert von den sechs blau leuchtenden Punkten, die sie fixierten. "Wenn ich vorstellen darf, Hochlord Darion Mograine, daneben Koltira Todesweber und Thassarian, allesamt Todesritter, wie ihr seht. Die Ritter der schwarzen Klinge, um den schwarzen Wächter, haben tiefe Einblicke in die Taktiken der Geißel und sind somit mächtige Verbündete." Der Paladin zeigte mit einem Nicken auf Darion Mograine und dieser deutete eine kleine Verbeugung in ihre Richtung an.
"Es ist uns ein Vergnügen, Mylady", ließ sich der untote Blutelf Koltira Todesweber vernehmen, der um sein Interesse an Dolette anscheinend kein Geheimnis machen wollte. Die drei Todesritter gaben ein ungleiches Bild ab. Thassarian war ein gealterter Mensch mit vollem weißen Bart und langen Haaren. Er trug eine Rüstung, die die Elfe mehr an einen Paladin als einen Todesritter erinnerte, und dazu zwei filigrane Runenklingen, die gekreuzt auf seinem Rücken ruhten. Der schwarze Wächter, Darion Mograine hingegen, machte dem Titel seines alter Egos alle Ehre. Seine Rüstung war durch und durch schwarz und stand im krassen Kontrast zu seinen blonden Haaren, die noch viel ihrer Farbe behalten hatten. Ähnlich wie Thassarian trug er zwei Klingen auf seinem Rücken, die jedoch deutlich robuster wirkten. Und schließlich der Blutelfen-Todesritter. Er trug ebenfalls eine schwarze Rüstung, die hie und da im Schein der vielen Kerzen blau schimmerte. Anders als die Schwerter der anderen war sein Runenschwert riesig, wie das von Dolette, jedoch glühte es an der Spitze in einem unheilvollen Grün, das sie unwillkürlich an den Farbton in den Augen der Blutelfen erinnerte. Eins hatten sie jedoch alle gemeinsam, das blaue Schimmern in den Augen, das auch in denen der untoten Elfe zu erkennen war. Sie erwiderte den Blick des Blutelfen kühl und wandte sich wieder Tirion zu.
"Wir erwarten die Ankunft des Königs in den nächsten Tagen, auf dem Luftschiff Himmelsbrecher. Sobald auch das Schiff der Horde eingetroffen ist, wollen wir die Eiskronenzitadelle aus der Luft angreifen. Wie die Ritter der schwarzen Klinge uns berichteten, gibt es dort eine schwache Stelle, die wir uns zunutze machen werden, wenn es soweit ist." Dolette nickte verstehend, nachdem Tirion geendet hatte.
"Also werden wir durch diese Schwachstelle einbrechen und dann?"
"Der obere Teil der Zitadelle besteht aus drei Flügeln. In jedem gibt es einen Mechanismus, der betätigt werden muss, um den Weg zum Frostthron freizugeben. Wir werden uns also aufteilen müssen, sobald wir die Eiskronenzitadelle betreten haben, um uns dann vor dem Thron wieder zu vereinen und Arthas endlich zu stürzen", erklärte nun Darion Mograine mit seiner zwar ruhigen, dunklen Stimme, aber der Sinn nach Rache schwang deutlich darin mit. "Also heißt es Abwarten, bis die Luftschiffe eintreffen?" Dolette gefiel der Gedanke kein bisschen, hier tatenlos herumsitzen zu müssen, während Marialle sich in Unterstadt den Schergen Varimathras stellen würde. "So sieht es aus, Mylady. Aber ich wüsste da vielleicht etwas, was euch die Wartezeit etwas versüßen würde." Der Ton von Koltiras klang viel weniger schwülstig als seine Wortwahl es vermuten ließ und so horchte die dunkle Elfe auf. "Was könnte das sein, womit ausgerechnet ihr mein Interesse wecken wolltet, Lord Todesweber?" Ein wissendes Lächeln legte sich auf die aschfahlen, dünnen Lippen des Blutelfen und aus der anderen Richtung ließ ein Lachen des Paladins sie etwas irritiert in die Runde schauen. Auch Darion und Thassarian schienen zu schmunzeln und so l0enkte sie lieber ein. "Nun denn, Lord Todesweber. Überrascht mich", ließ sie sich vernehmen und folgte seinem Nicken in Richtung Türe. Die drei anderen beugten sich wieder über den Tisch und als Dolette hinter sich die Tür zuzog, hörte sie, dass sie ihre Diskussion wieder aufnahmen. Koltira schlenderte ruhig vor der Elfe her und sagte, zu ihrem Missfallen, eine Weile kein einziges Wort.
"Wolltet ihr mir die Festung zeigen, oder welchen Zweck hat dieser Spaziergang?", fragte sie schließlich, ohne den kleinsten Versuch ihre Ungeduld zu verbergen. Der dunkle Ritter schmunzelte. "Das hätte sicher etwas für sich, Mylady. Aber nein, ich wollte euch zu unseren Handwerksleuten bringen und euch von den Erkenntnissen unseres Ordens berichten", erklärte er nur ruhig und deutete mit der Hand auf einen offenen Pavillon, in dem drei Männer arbeiteten. "Dann lasst hören und macht es nicht weiter so spannend", entgegnete sie kurz angebunden. "Ich nehme an, ihr spürt den Durst eurer Klinge mehr als deutlich, Mylady?", fragte er sie, während er sein großes, grünliches Runenschwert zog. Er hielt ihr das Heft hin und sie packte zu. Augenblicklich spürte sie den Hunger, der von seinem Schwert ausging, und das leise vertraute Flüstern in ihrem Inneren. Die Dunkelheit verschlang das goldene Leuchten allerdings nicht, sondern schien viel mehr in trauter Zweisamkeit mit den züngelnden, goldenen Flammen zu tanzen. Dennoch schrie die Stimme in ihr nach Blut und Tod, doch es war irgendwie anders. Dolette war verblüfft und erforschte das Gefühl sowie die Klinge in ihrer Hand ausgiebig, bevor sie wieder zu sprechen begann. "Was ist anders als an meinem Schwert, Mylord?" Sein Schmunzeln wandelte sich zu einem Lächeln, als er ihr die grüne Klinge wieder abnahm. "Es sind die Runen, Lady Glutklinge. Wir können unseren Fluch nicht brechen, aber wir können ihn umgehen. Ohne unsere Runenschwerter können wir nicht überleben, doch zwingen sie uns auch, mehr oder weniger, jedem Wesen das Leben auszuhauchen, sonst erleiden wir große körperliche und seelische Schmerzen. Ihr wisst sicher, wovon ich spreche." Sie nickte verstehend und er fuhr fort. "Nach langer Forschung haben wir herausgefunden, dass wir andere Runen auf unsere Klingen schmieden und den Hunger so umleiten, auf die wahren Feinde richten können. Mein Runenschwert ernährt sich anders als eures, von dem Tod der Geißel und jedem Dämon und wahrhaftig bösem Wesen, das euch sonst noch einfallen mag. Jeder Ritter der schwarzen Klinge hat seine Klinge mittlerweile umschmieden lassen. Der Einfluss des Lichkönigs wirkt selbstverständlich noch immer auf uns, sonst könnten wir das Töten vielleicht sogar gänzlich ablegen, aber wir konnten diesen unbändigen Durst wenigstens verändern. Es wäre mir ein Vergnügen, euch diesen Teil an Freiheit ebenfalls zuteil werden zu lassen, Mylady Glutklinge." Ehrfurcht schwang in seiner Stimme, als er von der Möglichkeit berichtete, die Runenschwerter umschmieden zu können, und Dolette musste sich eingestehen, dass das Aussichten waren, denen sie sich nicht erwehren wollte. Sie war wirklich nie die Blutrünstigste ihrer Zunft gewesen, und so war der Schmerz, mehr oder weniger, ihr ständiger Begleiter. Sie nickte abwesend, hing noch immer ihren Gedanken nach und zog das mächtige Runenschwert, das auf ihrem Rücken ruhte. Sie reichte ihm das Heft, doch er hob abwehrend die Hände.
"Verzeiht, Mylady. Das liegt schon zu lange hinter mir. Aronen, reiche doch bitte Ormus dieses Schwert, auf dass er es umschmieden möge", wandte er sich zu dem jungen Schüler, der Dolette sogleich das Schwert abnahm und es hineinbrachte. Koltiras drehte sich wieder zu der Elfe. "Wenn ihr es wünscht, zeige ich euch die Unterkunft, die Hochlord Fordring euch zugedacht hat." Die Elfe schaute noch immer ihrem Schwert nach, das drinnen auf eine Arbeitsplatte gelegt wurde, und brauchte einen Augenblick, um wieder ins Hier und Jetzt zurückzukehren. "Ja, ja bitte", antwortete sie daher nur und ließ sich wieder zurück über den Innenhof führen, zu den vielen Wohnhütten genau auf der anderen Seite der Festung.
"Hier ist es, wenn ihr etwas braucht, meine Hütte ist dort hinten." Er deutete nach rechts und verbeugte sich, bevor er sich umwandte, um zu gehen. "Lord Todesweber, wann wird mein Schwert fertig sein?", rief sie ihm noch hinterher, und er drehte sich noch einmal lächelnd zu ihr zurück. "Morgen, Mylady. Ich gebe euch Bescheid." Er verschwand in seine Unterkunft, und auch Dolette öffnete die Tür zu ihrer Hütte. Sie war klein, und nur ein Bett und eine kleine Kochstelle waren in ihrem Inneren auszumachen. Jetzt hieß es also warten, dachte sie sich und legte sich auf das rustikale Bett.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt