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   Sie erreichten das Lager der Horde kurze Zeit später und staunten nicht schlecht, dass so viel Trubel darin herrschte. "Wie habt ihr es geschafft, so viele Verlassene zusammenzutrommeln, Lady Windläufer?", fragte die Priesterin interessiert, als sie das Lager betraten, in dem die Untoten geschäftig von einer in die andere Ecke eilten. Sie trugen Holz und Werkzeuge hin und her. Orks hingegen waren nur wenige vor Ort.
"Ich habe Varimathras schon immer misstraut, Lady Lichtsprung. Er verriet seine Brüder, ohne mit der Wimper zu zucken, nur damit ich sein Leben verschonte. Mir war immer klar, dass ich die vielleicht größte Gefahr mitten unter meine Untertanen gelassen hatte. Darum ließ ich ein Bataillon in Brill zurück und nun seht ihr, wo wir stehen. Wir warten noch auf ein kleines Heer von Thrall, das jeden Augenblick ankommen sollte. Je nachdem, ob die Orks noch bei Kräften sind, werden wir in ein oder zwei Tagen angreifen und Unterstadt zurückerobern", erklärte die Bansheekönigin ruhig und genoss offenbar die ungeteilte Aufmerksamkeit, die die Priesterin ihr zuteil werden ließ. Auch Plagg trottete noch immer wortlos hinter den beiden Frauen her, bis sie vor eine große Hütte kamen, die von zwei Orkwachen flankiert wurde.
"Weise, Mylady. Vor allem, wenn man die aktuellen Entwicklungen der Ereignisse betrachtet." Sylvanas nickte ihr zu und warf den Wachen einen Blick zu, der sie sofort Platz machen ließ.
Im Inneren des großen Hauses erblickte sie die klaren, blauen Augen des Kriegshäuptlings, die sie erleichtert musterten. "Bei den Ahnen, Lady Lichtsprung. Wie schön, euch wohl aufzusehen." Er streckte ihr eine seiner großen Hände entgegen, doch die Priesterin nahm ihn freundschaftlich in den Arm. "Das kann ich nur zurückgeben, Thrall. Sagt, ist Vol'jin auch hier?" Sie entließ den Ork wieder aus ihren Armen und er schüttelte den Kopf. "Nein, Mylady. Er ist mit seinen Trollen zur Küste, um meine Truppen abzufangen, sie wissen nicht, gegen wen sie hier kämpfen sollen." Marialle nickte verstehend, bevor sie eine weitere Frage stellte. "Hättet ihr eine Unterkunft für Borigan und Odessa übrig?"
"Sicher. Gak'Tar! Führe die beiden zu einem der Häuser, die ich für unsere Besucher angedacht habe", wandte er sich an einen der beiden Wachposten, der ihm zurück nickte und zusammen mit Odessa und Borigan das Haus verließ.
"Gut, dann lasst mal hören. Ich bin sicher, der Kriegshäuptling ist ebenso an eurer Geschichte interessiert wie ich, Lady Hohepriesterin", ließ sich nun Sylvanas Windläufer vernehmen. Sie hatte sich mittlerweile an den Tisch gesetzt, der nah der Kochstelle stand und ihre Ellbogen auf der Tischplatte abgelegt, sodass sie ihr Gesicht in ihren Händen ruhen lassen konnte. Mit unverhohlenem Interesse musterte die Dunkelläuferin die schlanke Silhouette der Priesterin und kurz war es, als stiege Marialle die Hitze in den Kopf, doch stattdessen schenkte sie der untoten Elfe ein kurzes Lächeln und nahm ihr gegenüber Platz. Thrall und Plagg taten es ihr gleich.
"Vielleicht erzählt ihr lieber diese Geschichte, Meister Plagg. Immerhin war ich zeitweise ohnmächtig", gab die Menschenfrau zu bedenken. Der Verlassene nickte und schien zu überlegen, wo er beginnen sollte.
"Ah ja. Kurz hinter den Toren Sturmwinds gelang es Lady Glutklinge und mir, die Hohepriesterin zu entführen, jedoch wurde ich auf der Überfahrt nach Süderstade... " Während der Hexenmeister von den Ereignissen erzählte, die ihn und die Hohepriesterin an diesen Punkt führten, tranken sie jeder zwei Krüge Met leer und Sylvanas musste ihn das ein oder andere Mal auffordern, bei der Sache zu bleiben. Doch schließlich kam er zum Ende.
"...von dem Zeppelin hinab teleportierten, führten wir Varimathras' Schergen erst einmal so gut es ging weg von eurem Lager, Kriegshäuptling und trafen dann auf die Herrin Windläufer. Und jetzt sind wir hier", schloss der Hexer seinen Bericht ab. Marialle spürte erneut den musternden Blick der untoten Elfe auf sich ruhen, bevor ihre Stimme erklang: "Und wo ist Lady Glutklinge?", kam ihre Frage direkt und ließ Thrall zustimmend nicken. "Das würde mich auch interessieren." Marialle sah abwechselnd in die klaren, blauen und die glühenden roten Augen der beiden Anführer der Horde und setzte zu einer Antwort an: "Nun, gegen jede Vernunft stürzte sie sich allein auf Putress und seine Leute, die sich gerade zurückziehen wollten. Selbstverständlich war sie heillos unterlegen, doch Tirion Fordring hat sie gerettet. Gemeinsam konnten sie ihn besiegen. Sie warten nun auf die Ankunft der Luftschiffe."
Thrall nickte verstehend und schien gedanklich abzuschweifen. Der wache Blick der Dunkelläuferin ruhte allerdings unentwegt auf der Menschenfrau und schien sie zu durchbohren. "Woher wisst ihr das so genau, Lady Lichtsprung?" Marialle wurde schlagartig rot, sie war mittlerweile daran gewöhnt, dass man um die absonderliche Verbindung, die sie mit der Todesritterin verband, wusste, und so warf diese einfache, klare Frage sie derart aus der Bahn, dass sie einen Moment brauchte, um zu antworten. Thrall indes lachte, noch immer leicht abwesend.
"Das ist nicht leicht zu erklären, Lady Windläufer und bedarf vielleicht einer längeren Unterredung." Die Bansheekönigin zog eine Augenbraue hoch und ihr Blick schien um einiges forschender zu werden, als er es sowieso schon war, was die Röte im Gesicht der Priesterin einen weiteren Ton dunkler werden ließ.
"Nun, Mylady. Ich denke, wir hätten genug Zeit für eine weitere Geschichte. Begleitet mich in meine Räumlichkeiten, wenn es euch keine Umstände macht." Es war weniger eine Bitte als ein Befehl, und so nickte Marialle nur leicht. Was hatte diese untote Schönheit nur an sich, dass man sich ihr nicht erwehren konnte? Dachte sie im Stillen und erhob sich.
"Meine Herren." Die Elfe deutete eine Verbeugung an und schritt voraus durch die Türe. Marialle folgte ihr zügig.
Es waren nur ein paar Schritte, bis sie die Hütte der Bansheekönigin erreichten. Das Bild, das sich ihr bot, war dem von gerade eben äußerst ähnlich und so wartete die Priesterin nicht auf eine Aufforderung, sondern setzte sich einfach auf einen der Stühle, die am Tisch standen. Sylvanas registrierte die Verunsicherung der Menschenfrau schmunzelnd und ließ sich auf dem Stuhl neben ihr nieder.
"Fühlt ihr euch unbehaglich, Lady Hohepriesterin?", fragte sie und musterte Marialle eingehend. Sie blickte verwirrt auf und starrte in die leuchtenden rubinroten Augen.
"Ich bin mir da nicht ganz sicher, wenn ich ehrlich bin. Eure Aura, oder Präsenz, ist so vereinnahmend, das irritiert mich." Die Dunkelläuferin lachte leicht.
"Macht euch nichts draus, Mylady. Ich bin eine Banshee, genau genommen bin ich DIE Banshee. Ich kann es nicht genau erklären, aber ich habe diese Wirkung auf die meisten." Sylvanas räusperte sich kurz, bevor sie fort fuhr. "Nun erzählt mir von euch und der Todesritterin."
Und so begann Marialle aufs Neue, von der schicksalhaften Verbindung zwischen ihr und Dolette zu berichten.

Sie fühlte sich frisch und erholt, als sie aus dem Badehaus an die kühle Luft Nordends trat und war überrascht, den Todesritter nur ein paar Körperlängen vor der Türe wartend vorzufinden. "Habt ihr euer Bad genossen, Mylady?", ließ er sich nicht bitten und trat auf sie zu. "Ja, vielen Dank, Lord Todesweber."
"Wie sieht es aus, Lady Glutklinge? Wollt ihr eure Klinge ausprobieren?" Ein Lächeln glitt über seine blassen Lippen und ihre Augen weiteten sich vor aufsteigender Vorfreude.
"Die Umschmiedearbeiten sind abgeschlossen?", kam es mit fast kindlicher Erwartung.
"In der Tat, Mylady, Aronen gab mir Bescheid, während ihr euer Bad nahmt. Folgt mir, wir holen es direkt ab, wenn ihr mögt." Sie nickte nur erfreut und eilte ihm nach, nachdem er sich in Gang gesetzt hatte.
Kurz darauf erreichten die beiden die Schmiede und Ormus überreichte Dolette direkt ihr Runenschwert.
Optisch hatte sich die Klinge kaum verändert, die Runen leuchteten rot auf, als sie das Heft in die Hand nahm, doch in sich spürte sie einen gewaltigen Unterschied. Die goldene Flamme, die zuletzt ungehindert in ihr loderte, empfing die Dunkelheit, die sich in der Elfe ausbreitete, nahezu mit Gefallen. Sie schlängelten sich umeinander, bis sie in trautem Einklang ruhig miteinander zu tanzen schienen. Das Flüstern, das sie vernahm, war viel weniger befehlend und es schrie nicht länger nach dem Blut eines jeden Wesens, das sich in ihrer Nähe befand. Ihre Gesichtszüge schienen sich zu normalisieren, denn Koltira erhob das Wort an Dolette: "Nun, Mylady. Wie sieht es aus, ein kleiner Tanz gefällig?" Er grinste kampflustig und zog sein riesiges grünes Schwert. Sie schaute noch einmal von seiner zu ihrer Klinge und nickte dann entschlossen und grinste voller jugendlicher Vorfreude.
Sie entfernten sich etwas von der Schmiede und standen sich nun in der Mitte des Innenhofes gegenüber. Ein Lächeln legte sich auf Dolettes aschfahlen Lippen und sie blickte zu ihrem Kontrahenten. "Bereit, wenn ihr es seid, Mylord", ließ sie sich vernehmen und sein Grinsen wurde eine Spur breiter. "Ich bin bereit, seid ihr dieses Lager erreicht habt, Mylady", rief er ihr noch entgegen und schon war sie losgestürmt. Er schien den Bruchteil eines Herzschlags von ihrem beeindruckenden Tempo überrascht, doch begann auch er, auf sie zu rennen. Die beiden Todesritter holten weit im Rennen aus und als sich ihre Runenschwerter trafen, durchzog eine Druckwelle den Innenhof der Festung und ließ die Holzhütten kurz knarren und erzittern. Das Aufeinandertreffen der Klingen hallte in der Stille der eisigen Landschaft wider und einige Soldaten und Todesritter traten aus ihren Behausungen, um dem Treiben zuzusehen.
Dolette fühlte sich befreit und leicht. Ihre Bewegungen waren anmutig und geschmeidig, suchten in Schnelligkeit und Einfallsreichtum ihresgleichen. Koltira blieb nichts anderes übrig, als einen Schwertstreich nach dem anderen abzuwehren, dennoch lächelte er. Und auch die dunkle Elfe konnte sich eines weiteren Grinsens nicht länger erwehren. Sie hatte noch nie so viel Spaß beim Kämpfen empfunden, immer war sie nur von dem unerbittlichen Hunger ihrer Klinge angetrieben gewesen. Auch Darion Mograine und Thassarian waren hinausgetreten und grölten, zusammen mit den restlichen Todesrittern, begeistert Beifall. Die Soldaten hingegen standen nur mit Unverständnis um den Kampfbereich herum und Dolette fragte sich unwillkürlich, ob sie überhaupt in der Lage waren, die schnellen Bewegungen der beiden Kontrahenten zu erfassen.
Ein gewitzter Konter des Blutelfen riss sie aus ihren Gedanken und nun war sie an der Reihe, Hieb um Hieb abzuwehren, bis sie eine Lücke in seinen Attacken erkannte. Sie schlug mit ihrem Schwert entschlossen in seinen Streich, und die Klingen erzitterten einen Herzschlag lang, bis sie gefährlich grinsend erneut gegen seine Klinge schlug und es daraufhin rotierend durch die Luft flog, bis es einige Körperlängen von ihnen entfernt im Boden stecken blieb. Das grüne Schimmern nahm etwas ab. Dolette trat einen Schritt näher an Koltira und erhob die Spitze ihres Runenschwertes an die Kehle des dunklen Ritters. Sie grinste noch immer, genau so wie er.
"Verzeiht, Mylord. Im Kampf ist kein Platz für Höflichkeiten."

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt