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Einige Zeit später tat Marialle sich unheimlich schwer, einzuschlafen. In ihrem Kopf sausten die Gedanken hin und her. Sie fragte sich, welche Rolle die Hochelfe und sie in dieser Schlacht übernehmen könnten oder sollten. Des Weiteren war ihr ein Gedanke gekommen, als Dolette früher am Abend das Thema auf die Irrwische lenkte. Sie fragte sich, ob es nicht ein riesiger Machtgewinn für Norddrassil wäre, wenn der Baum die gebündelten Energien, die Dolette und Marialle in sich trugen und vielleicht sogar noch umwandeln könnten, erhalten würde. Würde die Zeit, die für das Ritual noch nötig wäre, dadurch bedeutend verkürzt? Könnten dadurch viele Leben gerettet werden?

Sie vergrub diesen Gedanken tief in sich, denn sie wollte ihn nicht mit der Paladin teilen. Sie würde nichts unversucht lassen, um das Töten früher zu beenden, wenn nur irgend möglich, aber Marialle hatte Angst. Die beiden wussten mittlerweile so viel über diese Welt und ihre Wesen. Viel mehr, als ein unbedeutendes Menschenleben erfassen könnte, und so beschlich sie eine dunkle Ahnung, was geschehen würde, würden sie und die Hochelfe ihre Energien ebenfalls in den Weltenbaum speisen.

Dolette regte sich neben ihr und blinzelte. Ihre gänzlich goldenen Augen raubten der Priesterin noch immer den Atem. Ein Anblick, den sie nie wieder missen wollte. "Mari? Was hast du? Kannst du nicht schlafen?"
"Alles in Ordnung, Liebste. Schlaf weiter", log Marialle und legte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. Die Übungen, ihren Geist vor der Paladin zu verschließen, hatten Früchte getragen. Sie ließ sich wieder zurück gleiten, als sie die Berührung der Elfe spürte, die sie aufhielt und wieder zu sich zog. Die vollen, wohlgeformten Lippen der Hochelfe legten sich liebevoll auf die der Menschenfrau und verwickelten sie in einen leidenschaftlichen Kuss, der einige Herzschläge andauerte.

Als sie sich voneinander lösten, erklang Dolettes glockenklare Stimme: "Egal, was morgen passiert, ich liebe dich und ich werde um nichts in der Welt von deiner Seite weichen."
"Und ich nicht von deiner, Dole", gab die junge Menschenfrau zurück und lächelte die Paladin an, bevor sie ihr einen weiteren zärtlichen Kuss auf die Lippen hauchte und sich schließlich zurück in ihr Kissen fallen ließ. "Schlaf nun weiter! Im Traum treffen wir uns wieder."
Die Priesterin brauchte lange, bis sie schließlich doch noch in einen erholsamen, traumlosen Schlaf glitt.

Morgens frühstückten sie gemeinsam und traten gerade aus der kleinen Hütte, die ihnen von den Nachtelfen überlassen wurde, als ein lautes Dröhnen, offenbar ein Horn, die Stille durchschnitt.
Es war so weit. Die brennende Legion rückte an.
Augenblicklich sahen die beiden die gesammelten Truppen der Schildwache von Tyrande Whisperwind, die auf die Mauern der Festung zustürmten. Ein Trupp Orks rannte aus dem Osttor, wo die neu errichteten Katapulte hinter einem flachen Wall auf ihren Einsatz warteten. Einige Tauren eilten nach Norden. Dort würden sie zusammen mit den Furbolg einem Hinterhalt entgegenwirken, bis die Festung tatsächlich fiel.
Im Westen warteten schon die Druiden um Malfurion Sturmgrimm.

Sie selbst und die Hochelfe liefen den Schildwachen hinterher auf die Mauern. Sie würden ebenfalls, so gut es ging, mit Fernangriffen versuchen, die Dämonen auf Abstand zu halten.
Oben angekommen wurden die beiden von ihren Gefolgsleuten flankiert. Sie ernteten ernste und entschlossene Blicke von William, Maxime und Odessa an Marialles Seite. Sowie von Bertak, Borigan, Malek und Efendral auf der Seite von Dolette. Zwischen den lichten Bäumen marschierte die Armada der Dämonen langsam auf die Festung zu.

Sie waren noch sehr weit weg, doch Marialle und Dolette vermochten zu sehen, wie riesig das Heer der brennenden Legion war. Die Paladin nickte deutlich hoch zu Jaina Prachtmeer, die eine kleine, blaue Kugel in Richtung der Orks abfeuerte. Das Zeichen, die Strohbälle der Katapulte zu entzünden.
Die Dämonen und Untoten begannen zu laufen und als die Stimme von Shandris Mondfeder erklang, war klar, dass nun auch alle anderen erkennen konnten, was auf sie zukam. "Anlegen!", rief die Kommandantin der Schildwache laut. Marialle warf noch einen Blick hoch zu der Balustrade auf ihrer Seite, auf der Tyrande die vereinte Priesterschaft aus Nachtelfen und Menschen um sich geschart hatte und nickte ihr entschlossen zu, was diese sofort erwiderte.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt