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     Helligkeit, die durch das kleine Fenster fiel, ließ sie blinzeln und draußen erklang ein, ihr vertrautes Trommeln. Die Orks waren bereit in die Schlacht zu ziehen und so wurde ein monotoner Klang angestimmt, während sich die Truppen im Lager der Horde sammelten. Erinnerungen an längst vergangene Tage stiegen in Marialle hoch. Glorreiche Tage an der Seite der Paladin und ihren versammelten Gefährten. Der Anflug des Hochgefühls, den diese Erinnerungen erzeugen konnten, löste sich viel zu schnell in nüchterne Abgeklärtheit auf, als Bilder der unzähligen Gefallenen an seiner Statt traten. Die Hohepriesterin biss die Zähne zusammen, machte sich rasch frisch und verließ ihre kleine Behausung. Die Luft war feucht, wie immer in den umliegenden Wäldern Unterstadts. Die gerade aufgegangene Sonne schaffte es nicht mal annähernd, sich einen Weg durch graue Wolken und dicken Nebel zu bahnen, dennoch ließ sie keinen Zweifel daran, dass ein neuer Tag angebrochen war. Orks und Verlassene streiften hin und her und liefen an einem bestimmten Punkt zusammen, an dem sie den Kriegshäuptling mit den klaren blauen Augen ausmachte.
"Lady Lichtsprung, guten Morgen. Ein guter Tag für eine Schlacht", ließ er verlauten und reckte die Nase, mit geschlossenen Augen, in die Luft. "Da gebe ich euch recht, Thrall."
Ein guter Tag zum Sterben, Varimathras, dachte sie bei sich.
Die Soldaten der Horde formierten sich langsam und währenddessen traten auch Vol'jin und Sylvanas Windläufer an die Seite des Schamanen und der Hohepriesterin. "Kriegshäuptling." Der Angesprochene nickte der Herrscherin der Verlassenen zu und sie stellte sich neben Marialle.
"Gut geschlafen, Mylady?", fragte sie, den Blick nicht von den Truppen der Orks und Verlassenen abwendend. "Sicher", entgegnete sie ihr abwesend und verwirrt. Ein wissendes Grinsen breitete sich auf den fahlen Lippen der Dunkelläuferin aus und Marialle kam nicht umhin sich zu fragen, was es mit der Bansheekönigin auf sich hatte, dass ihr diese Aura verlieh, aber auch das Gefühl, rein gar nichts vor ihr verbergen zu können. Eine Hand mit nur zwei Fingern riss sie aus ihrer Träumerei, unverkennbar die des Häuptlings der Dunkelspeere.
"Na, Menschlein. Wo biste mit dein' Gedanken? Begrüßt nich ma den gut'n, alt'n Troll." Sie spürte, wie sich die glühenden roten Augen ihr zuwandten, ohne hinzusehen, und gab ihr Bestes, sich ihre Gefühlsregungen nicht anmerken zu lassen. So knuffte sie Vol'jin mit dem Ellenbogen in die Seite und bemühte sich, ihre Stimme selbstsicher klingen zu lassen. "Das Beste kommt halt immer zum Schluss, mein Lieblingstroll!", sagte sie leicht hin und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
"Ach so?", kam es verwirrt von ihm, als sie wieder Abstand nahm. Die Menschenfrau konnte es zwar weder sehen noch hören, doch sie war sich sicher, dass die dunkle Elfe hinter ihr schmunzelte.
"Nun, sind alle Kommandanten informiert worden?", ließ sich Thrall, über die merkwürdig anmutende Szene hinweg, vernehmen. "Ja!", kam es von dem Häuptling der Dunkelspeere und der Herrscherin der Verlassenen wie aus einem Munde.
"Sehr gut." Er trat etwas vor und die Soldaten verstummten, allesamt.
"Heute holen wir uns zurück, was unser ist und werden den Verräter Varimathras gefangen nehmen, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen!" Die knappen Worte reichten, um die Massen an Orks und Verlassenen laut und begeistert brüllen zu lassen. Dieser Kriegshäuptling war wahrlich charismatisch, wie Marialle fand.

Das Lager der Horde war nicht einmal einen halben Tagesmarsch von Unterstadt entfernt, und der Eingang der Kanalisation war schon von weitem zu sehen. Thrall gab das Zeichen zum Halt, und alle gehorchten.
"Lady Windläufer, seid ihr sicher, dass ihr beide allein den Schreckenslord stellen wollt?", wandte er sich an die ehemalige Waldläufergeneralin. Ihr Blick war eiskalt und ruhig, auch wenn die Priesterin meinte, eine Spur Empörung darin zu erkennen.
"Selbstredend, Kriegshäuptling." Er nickte und schritt weiter voran. Sie ließ sich zusammen mit Marialle ein wenig zurückfallen.
"Was denn?", fragte Sylvanas amüsiert, und die Menschenfrau fühlte sich mehr als nur ertappt, als sie von der Elfe beim Starren unterbrochen wurde. "Nun ..., nichts, ich habe mich nur gefragt, ob es wirklich ratsam ist, dass wir beide alleine durch die Geheimgänge streifen." Die dunkle Elfe schmunzelte und ließ einige Herzschläge vergehen, ehe sie antwortete. "Mylady Hohepriesterin, ihr vergesst offenbar, mit wem ihr sprecht und zu allem Überfluss auch noch, wer ihr selbst seid." Marialle sah beschämt zu Boden; beleidigen wollte sie die Bansheekönigin beim besten Willen nicht. Sie wollte sich gerade entschuldigen, als Sylvanas ungehindert fortfuhr: "Aber das ist doch nicht der wahre Grund, weshalb ihr so abwesend seid, oder Marialle?" Die Angesprochene war ob der persönlichen Ansprache nun gänzlich erstarrt und vergaß kurz zu atmen. Die Dunkelläuferin ihrerseits lachte amüsiert.
"Ihr müsst mir vergeben, Marialle. Es macht einfach zu viel Spaß, euch aus der Fassung zu bringen. Und ich dachte, wenn wir zusammen in den Kampf ziehen, schreit sich der Vorname im Notfall besser als der Zuname." Diese abgeklärte Verschlagenheit war atemberaubend und zu allem Überfluss machte es ihr offensichtlich wirklich einen Heidenspaß, die Priesterin ein ums andere Mal so verdattert zurückzulassen.
"Ihr macht das mit Absicht?", verlangte die Hohepriesterin empört zu wissen. Nicht, dass sie zu mehr Worten in der Lage gewesen wäre. Die Elfe lachte weiter.
"Ihr wisst schon, wie leicht ihr zu lesen seid, Mylady? Und was ihr mir alles erzählt habt neulich Nacht? Ohne rot zu werden, versteht sich." Sie lachte dabei noch immer. Marialle ließ diese Anspielung allerdings gänzlich die Hitze in die Wangen schießen und sie fragte sich unwillkürlich, ob sie nicht mehr alles von ihrem Gespräch mit der Bansheekönigin wusste.
"Wenn wir Varimathras haben, sollte ich euch, glaube ich, die ein oder andere Kleinigkeit über mich erzählen." Nun lächelte sie ehrlich und aufmunternd und klopfte der Priesterin freundschaftlich auf die Schulter. Die Menschenfrau ihrerseits nickte nur benommen und fluchte innerlich über ihr, wie ihr schien, viel zu einfaches Gemüt. "Es geht los!", zischte Sylvanas ihr zu, die mit ihren Elfenaugen offenbar mehr sah als Marialle, und vor ihnen begannen die Truppen zu rennen. Auch die beiden, so unterschiedlichen Frauen, liefen nun los. Locker hielten sie dabei den Abstand zu den Truppen, bevor sie den stinkenden Tunnel schließlich betraten.
Zu Marialles Überraschung hingen alle paar Körperlängen Fackeln an den Wänden und so bot diese Kanalisation ein ganz anderes Bild, als sie es sich vorgestellt hatte, wenn auch in der Mitte beständig eine grüne Spur verseuchten Wassers entlanglief. Sie kamen unbehelligt voran und als sie die große, mehrstöckige Halle erreichten, die das Zentrum der Unterstadt ausmachte, war der Kampf schon in vollem Gange. Sie sah Odessa und Borigan, die sich gleich mit einer ganzen Gruppe Abtrünniger anlegten und später auch Plagg, der seine Sukkubus Susanne nach jedem gewirkten Zauber begeistert anfeuerte.
Plötzlich spürte sie die Hand der ehemaligen Waldläufergenerälin um ihr Handgelenk und war erstaunt, wie warm sie doch war. Sie zog sie mit sich durch eine Wand, die hinter einem dicken Vorhang ein Loch bot. Es herrschte absolute Dunkelheit und es war plötzlich verblüffend ruhig. Die Bansheekönigin zog die Hohepriesterin an sich und bedeckte mit der anderen Hand ihren Mund. Die Wärme, die von dem untoten Körper ausging, wurde unheimlich schnell zu einer Hitze, die Marialle kaum noch zu ertragen vermochte, da lockerte sich der Griff der Elfe und schließlich gab die Menschenfrau sie wieder frei. Sylvanas lugte durch das Loch hinter dem Vorhang hervor und vergewisserte sich, dass niemand sie gesehen hatte. Die Priesterin atmete geräuschvoll aus.
"Erschreckt mich doch nicht so, Sylvanas!" Die Angesprochene grinste verstohlen und zwinkerte. "Ach, wenn sich einem die Gelegenheit bietet ..." Diese Frau war unglaublich. Mitten im Kampf, mit dem ausschlaggebenden Auftrag auf den Schultern lastend, war sie noch immer in der Lage zu scherzen. Sie schmunzelte und nickte zu ihrer Seite. "Kommt, Marialle, wir müssen weiter." Die Priesterin versuchte, mit dem Tempo der Elfe so gut es ging Schritt zu halten, doch die drückende Dunkelheit und die verworrenen Gänge machten es ihr schwer. Die Geräusche, die die Schritte der Dunkelläuferin ertönen ließen, entfernten sich immer weiter, bis Marialle gegen etwas Hartes prallte und zu Boden gerissen wurde.
"Verdammt!" Sie rieb sich die Stirn. Wogegen sie gerannt war, konnte sie allerdings nicht sehen. Die Schritte der Dunkelläuferin machten offenbar kehrt und kamen zu der Hohepriesterin zurück.
"Marialle! Verzeiht, ich habe vergessen, dass eure Augen anders mit der Dunkelheit umgehen als meine." Die glühenden Augen erstrahlten in hellem Rot in der Finsternis, und Marialle konnte schemenhaft erkennen, dass sie ihr die Hand anbot. Sie griff zu und ließ sich von Sylvanas in die Höhe ziehen. "Bleibt an meiner Hand, ich werde euch führen", sagte die Elfe nah an ihrem Ohr, was der Menschenfrau einen Schauer über den Rücken schleichen ließ.
Die beiden Frauen setzten sich wieder in Bewegung, und am Ende des Ganges flimmerte eine Fackel durch einen weiteren Wandteppich. Die Bansheekönigin blieb stehen und bedeutete ihr, still zu sein. Aus dem Raum hinter dem Teppich drangen gedämpfte Stimmen an ihre Ohren, und Marialle spürte die Anspannung der Herrscherin der Verlassenen. Sylvanas ließ die Priesterin los und zückte ihren Bogen samt Pfeil. Sie legte an und zielte. Auf was sie ihr Augenmerk richtete, war Marialle schleierhaft. Den Bogen am Anschlag zischte sie der Menschenfrau zu: "Sobald ich geschossen habe, stürmen wir raus. Da drin ist nur ein weiterer, hoffen wir, dass der Pfeil trifft." Ihr Gesicht war in dem schummrigen Rot ihrer Augen gut zu erkennen, sie lächelte und zwinkerte der Hohepriesterin aufmunternd zu.
Marialle hob ihren Kampfstab vor die Brust und das Zischen des Pfeils durchbrach die Stille. Das Geschoss, das hell lila aufleuchtete, während es flog, ließ den Wandteppich kurz aufwehen und gab den Blick auf den Raum preis, auf den sie nun zustürmten. Durch den kurz geöffneten Spalt konnten sie einen Dämonen in die Knie sacken sehen, der Schuss saß. Marialle war mehr als beeindruckt, nicht umsonst nannte man den magischen Bogen der dunklen Fürstin Sylvanas Windläufer, Totenschrei. Die Dunkelläuferin stieß den Teppich zur Seite, dicht gefolgt von der Priesterin, betrat sie den Raum. Sie sah nur aus dem Augenwinkel, wie etwas Grünes auf die Bansheekönigin zugeflogen kam und legte geistesgegenwärtig einen flimmernden Schutzschild um die schöne Untote.
"Was für eine Überraschung!", drang es laut aus der Richtung, aus der der Zauber kam, an ihre Ohren.
"Verräter!", presste Sylvanas zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor. Von der Leichtigkeit, die die ehemalige Waldläufergeneralin noch bis eben umgab, war nichts mehr geblieben. Sie war jetzt genau das, was man den Kindern erzählte, damit sie nach Hause kämen, sobald es draußen dunkel würde. Die dunkle Fürstin von Unterstadt. Die Bansheekönigin, die einen mit nur einem Blick aus ihren glühend roten Augen erstarren lassen konnte. Angsteinflößend.

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt