„Miss Lacroix, haben Sie wieder etwas anders zu tun, als dem Unterricht zu folgen?!"
Sofort nahm mein Gesicht seine typische rote Färbung an und ich sah meinen Professor peinlich berührt an.
„Natürlich nicht", antwortete ich verlegen, während sich nach und nach auch einige meiner Kollegen umdrehten und mich mit neugierigen Blicken musterten. Oh, Herr im Himmel, gab es denn im Leben einer Frau nichts mehr Heiliges? Zum Beispiel Privatsphäre?
„Dann würde ich Ihnen empfehlen, sich ihrer Lektüre später zu widmen! Noch dazu, einem so höchst anspruchsvollen Werk", erklärte mein Professor zynisch.
„Dann haben sie das Stück wohl nicht ganz verstanden!", entfuhr es mir, bevor ich mich davon abhalten konnte, auf seinen abfälligen Kommentar einzugehen.
„Nun", erwiderte er, sein Gesicht rot vor Zorn, „dann klären sie mich doch bitte auf, Miss Lacroix! Erklären sie mir, was an Romeo und Julia so besonders ist, dass sie es nicht zu Hause, sondern während meines Unterrichts lesen müssen!"
Ich war versucht ihm eine höchst pfiffige Antwort zu geben, die sicherlich mit meinem Rausschmiss aus dem Hörsaal geendet hätte, doch ich riss mich zusammen und hielt den Mund. Je weniger ich ihm widersprach, desto weniger würde er auf mir herumhacken.
Widerwillig stopfte ich das Buch zurück in meine Tasche. Das Buch, dessen Seiten teils eingeknickt, der Einband an den Enden lose war und dessen Geruch mich unweigerlich an Thomas erinnerte.
Doch es war nicht nur dieser mystische, alt Duft nach Geheimnis und Mysterien, sondern auch die kleinen gelben Zettelchen, auf denen Thomas Randnotizen hinterlassen hatte. Wie die Brotkrumen in Hänsel und Gretel zogen sie sich durch das Werk und jedes Mal, wenn ich den grellen Schimmer der lächerlichen Post-ist sah, schlug mein Herz schneller und ein wohliges Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus.
Vielleicht konnte ich mich mit Thomas noch in Madame Dubois Laden treffen. Zumindest, wenn das Treffen mit meinem Vater mich nicht ganz auslaugte und ich danach nur noch heulen gehen wollte.
Die Beziehung zu meinem Vater war immer kompliziert gewesen. Nachdem er meine Mutter hatte sitzen lassen, als sie mit mir schwanger gewesen war, hatte er sich mehrere Jahre lang nicht gemeldet.
Meine Mutter hatte mich auch nie darüber belogen, was, und vor allem wie mein Vater sie verletzt und verlassen hatte. Doch wie das naive Kind, das ich gewesen war, hatte ich natürlich fantasiert, dass er irgendwann zurückkommen und alles wieder gut werden würde. Und als er sich dann tatsächlich gemeldet hatte, waren meine Träume schneller in Schutt und Asche gelegen als ich es hätte verkraften können.
Eaton McGregor war nämlich nicht allein zurückgekommen, sondern mit einer liebenswerten Ehefrau und zwei Kindern. Und ohne eine befriedigende Erklärung, warum er sie vor all den Jahren hatte sitzen lassen. Keine Ich-musste-die-Welt-retten-Geschichte, wie aus meinen Kinderbüchern.
Er hatte meiner Maman Geld, und sonstige Unterstützungen angeboten. Doch sie hatte abgelehnt. Lass dich niemals von einem Mann abhängig werden, ma petite. Männer sind wie Drogen, du glaubst sie zu brauchen, doch letzten Endes zerstören sie dich nur.
* * *
„Nadiya! Ich habe uns bereits einen Tisch reserviert, komm!", rief mein Vater mit fester Stimme von der Tür des teuren Restaurants aus, in dem wir uns zweimal jährlich trafen.
Hauptsächlich, um über mein Leben zu plaudern. Damit er zumindest den Anschein erwecken konnte, ein guter Vater zu sein, und den Fehler, der mittlerweile schon fast 19 Jahre zurücklag, wiedergutzumachen. Doch kein Treffen und auch kein Geld dieser Welt konnte wieder gut machen, was dieser Mann meiner Mutter und mir angetan hatte.
„Ja, ich komm ja schon", antwortete ich genervt und eilte auf ihn zu.
Ganz der Gentleman hielt mir mein Vater die Tür auf und ließ mich in das zwei Hauben Lokal eintreten, in dem hauptsächlich wichtige Anzugträger verkehrten.
Den Fakt, dass eigentlich er derjenige war, der um eine halbe Stunde zu spät gekommen war, kommentierte ich nicht. Vermutlich hatte er noch eine äußerst wichtige Operation beenden müssen. Oder so ähnlich. Denn Perfect-Daddy war nicht umsonst der gefragteste Neurochirurg des Landes.
Ich strich mein cyanfarbenes Cocktailkleid zurecht, als uns einer der Kellner in den hinteren Bereich des Lokals führte, der fast nur aus Glas bestehen, zu schien. Draußen ging gerade die Sonne unter, und ermöglichte es mir, den atemberaubenden Ausblick auf den Hafen zu genießen. Denn eines konnte man meinem Vater sicher nicht vorwerfen – dass er geizig war.
Fast automatisch sprang mein Blick zu ihm. Das kurze haselnussbraune Haar, die fast zärtlich wirkenden braunen Augen und der Drei-Tage Bart ließen ihn wie einen fürsorglichen, aufmerksamen Vater wirken. Und vielleicht wäre er das auch für mich gewesen, hätte er meine Mutter nicht vor all der Zeit verlassen. Aber so...
Aber ich bemerkte auch die dunklen Ringe unter seinen Augen, den müden Blick und ich riss mich am Riemen. Kein Grund einen am Boden liegenden Mann zu treten.
„Wie war dein Tag?", fragte ich, und hoffte, dass ihm die Gleichgültigkeit meiner Stimme nicht auffiel.
„Wie immer", gab er nichtssagend zurück. „Und bei dir? Wie waren die letzten Monate?"
Fast hätte ich die Augen verdreht. Immer die gleichen Fragen – immer die gleichen Antworten.
„Ich komme gut zurecht. Die Uni ist anstrengend, ja, aber-" Ich verstummte, als ich bemerkte, wie der Blick meines Vaters zu seinem Handy glitt, und er eiligst eine Nachricht tippte.
Wut flammte in mir auf und ich konnte mich gerade noch davon abhalten, mich auf dem Absatz umzudrehen und aus dem Restaurant zu stürmen. „Langweile ich dich?", fragte ich verärgert.
„Nein, nein, Nadiya. Ich musste nur kurz meiner Frau Bescheid geben, wann ich nach Hause komme. Wir haben für heute einen Filmabend mit den Kindern geplant."
Manchmal fragte ich mich, ob mein Vater mir sein perfektes Leben absichtlich unter die Nase rieb. Wie um mich zu erinnern, dass ich nur einer kleinen Unannehmlichkeit in seinem Leben war – ein Missgeschick. Und das verletzte mich mehr als alles andere.
Wie als hätte er den Umschwung meiner Stimmung bemerkt, hob er den Kopf und sah mich mitleidig an. „Willst du mitkommen? Ich bin mir sicher Manon und die Kinder würden sich freuen dich zu sehen."
„Ich brauche deine Almosen nicht", antwortete ich scharf.
Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und er sah mich traurig an. „Nadiya-"
„Lass es. Ich bin nicht Teil deiner kleinen, perfekten Familie. Genauso wie du nicht Teil meiner bist."
Einige Gäste drehten sich zu uns um und sahen uns verärgert an. Sofort senkte ich meine Stimme. „Also wenn es für dich in Ordnung ist, lass uns das hier einfach hinter uns bringen. Dann kann jeder wieder sein Leben leben."
„Denkst du, das ist es, was ich will?", fragte er zurück, den Blick fest auf mich gerichtet. Wie als wollte er mich dort auf meinem Stuhl festhalten. „Ich möchte, dass du Teil meiner Familie wirst, Nadiya. Ich kann verstehen, dass du Zeit brauchst und erst einmal dein eigenes Leben aufzubauen, aber du musst wissen, dass ich für dich da sein werde."
„So wie du für Maman da warst, als sie mit mir schwanger war? Nein, danke!"
Der Blick meines Vaters verfinsterte sich. „Nadiya, du musst verstehen-"
„Gar nichts muss ich!", zischte ich ihm zu.
„Ach ja? Dann ist es also für dich in Ordnung, dass ich für deine Ausbildung und für deine Wohnung bezahle, während du dich wie ein kleines Kind aufführst und mir meinen Fehler vor die Nase hältst?!"
„War ja klar, dass du das wieder zur Ansprache bringst!", fauchte ich zurück, während ich darum kämpfte, die Tränen in meinen Augen zurückzuhalten. Doch ohne Erfolg.
„Nadiya-", begann er erneut.
„Ich glaub es ist besser, wenn ich jetzt gehe", erklärte ich ruhig, während mir immer mehr Tränen über das Gesicht liefen. „Und dein Geld kannst du behalten! Ich brauche es nicht - genauso wenig wie dich!" Damit stürmte ich davon, die stechenden Blicke der anderen Gäste ignorierend.
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The Way of our Hearts - Ist Liebe Stärker als die Angst?
ChickLitIst Liebe stärker als die Angst? Nach dem Verlust ihrer Mutter hat Nadiya Lacroix nur ein Ziel - ihr Studium am University College London beenden und einen Job als Psychologin bekommen. Und natürlich die Schulden bei ihrem Vater begleichen. Liebe ha...