18. Kapitel

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„Hey", erwiderte er und trat einen Schritt vor, um mir einen innigen Kuss zu verpassen, der mich atemlos (und gedankenlos) zurückließ.

„Selber Hey", verkündete ich schließlich schüchtern, etwas, das Thomas Augen nur noch mehr zum Leuchten brachte.

Bevor das im Türrahmen-Stehen unangenehm werden konnte, zog Thomas mich in seine Wohnung. Was von draußen wie ein typische Studentenwohnung ausgesehen hatte, verbarg im Inneren eine klassisch-minimalistische-Einrichtung, die ich sonst nur auf Pinterest gesehen hatte.

Ich stieß ein leises Pfeifen aus, während Thomas im Vorbeigehen die Augen verdrehte. „Ich wusste, dass du etwas Derartiges tun würdest."

„Hm, was kann ich denn dafür, dass du verschwiegen hast, dass du" – mehr als nur ein bisschen- „reich bist?"

Von da, wo ich stand, konnte ich in Küche und Wohnzimmer blicken und beides sah so aus, als wäre es handgefertigt worden. Selbst der verdammte Parkettboden, der in seiner Masse vermutlich mehr gekostes hatte, als meine gesamte Einrichtung zusammen.

„Entwickelt man in so einer Bude keine Komplexe? Wenn ich hier auch nur ein Teller demolieren würde, würde es mir wohl eine Woche schlecht gehen."

„Man gewöhnt sich dran", erwiderte er trocken und geleitete den Weg in eine offene Küche.

Während ich noch Mantel und Schal ablegte und sie vorsichtig auf den äußerst filigranen Kleiderständer hängte, hörte ich Thomas aus der Küche rufen: „Möchtest du etwas trinken? Ich wette, ich kann aus dem Weinkeller meiner Eltern einen herrlichen Spätburgunder entwenden, ohne dass sie es bemerken."

Weinkeller. Ich unterdrückte den Instinkt panisch aufzulachen. Weinkeller. Ein verdammter Weinkeller.

„Ich-", begann ich zu sprechen, als Thomas vor mir auftauchte.

„War nur ein Scherz", unterbrach er mit einem schelmischen Lächeln. „Kann ich dir einen Aperitif anbieten, ohne dass du umfällst oder möchtest du lieber ein Glas Wasser, um ganz sicherzugehen?"

„Du Arsch!", entfuhr es mir und ich boxte ihn gegen die Schulter.

„Schön, dass du auch den bemerkt hast." Er wackelte mit den Augenbrauen und eine altbekannte Röte schoss mir in die Wangen.

Aber noch mehr als sein (eigentlich nicht zu verachtendes) Hinterteil, faszinierten mich seine niedlichen Grübchen, die seinem Strahlen das atemraubende verpassten.

„Denkst du daran, mich zu küssen?", fragte er frei heraus.

„Nachdem du mich gerade veräppelt hast – mal sehen", sagte ich und drängte mich an ihm vorbei in die ebenso beeindruckende Küche.

Doch als ich die Austern entdeckte, die schön portioniert auf einem großen Teller lagen, blieb mir der Mund offenstehen. Ich konnte mich erinnern, ihm einmal erzählt zu haben, dass ich Austern liebte, die in Brighton aber mehr nach Abwasser als Salzwasser schmeckten. Aber ich hatte nicht erwartet, dass er welche...besorgen würde.

„Das ist sehr aufmerksam von dir."

„Ich musste mir ja irgendetwas einfallen lassen, um mich für die Fahrt zurück, zu revanchieren", erklärte Thomas erheitert. „Aber es freut mich, dass dir die Überraschung gefällt."

„Das freut mich mehr als ein bisschen", bekannte ich und gab ihm doch noch ein Küsschen auf die Wange. „Aber wenn ich schon zum Essen da bin, da sollten wir auch Essen!"

* * *

„Woher sind diese Austern? Die sind besser als alle, die ich bisher in meinem Leben gegessen habe!"

„Aus der Calanque", erklärte er mich auf. „Ich habe nachgelesen, dort sollen die Lebensbedingungen am besten sein und der Züchter achtet extra darauf, dass sie beim Käufer frisch angelangen."

„Woher weißt du das?", fragte ich ihn erstaunt, bevor ich eine weitere Auster verschlang. Zugegeben, huitres waren sicherlich nicht jedermanns Sache, doch für mich waren sie wieder Himmel auf Erden.

„Ich habe es nachgelesen", gab er schmunzelnd zu.

„Extra für mich? Da fühle ich mich aber geehrte!"

„Um ehrlich zu sein, studiere ich Meeresbiologie und...ich hab einfach in einem meiner Kursbücher nachgelesen."

„Meeresbiologie?", fragte ich erstaunt und sah Thomas plötzlich mit ganz anderen Augen.

„Ja", antwortete er fast peinlich berührt. „Das erwartet man von jemandem wie mir nicht, oder?"

„Zumindest nicht als Erstes. Ich hatte auf etwas Klinischeres getippt. Aber wenn ich so darüber nachdenken – es passt zu dir", bestätigte ich ihn.

„Um ehrlich zu sein, ich habe es auch erst komisch gefunden, dass du Kunst studierst und nicht Soziologie oder so."

„Ich kann mit Kunst eben irgendwie besser umgehen als mit Menschen", gestand ich mit Unschuldsmiene. „Außerdem-"

Das schrille Klingeln eins Handys unterbrach mich jäh und ich sah Thomas verwundert an. Wer rief ihn denn um diese Zeit noch an?

Thomas griff ebenso verwirrt in seine Hosentasche. Doch als er scheinbar sah, wer ihn da anrief, verdunkelte sich sein Gesicht augenblicklich und es schien plötzlich kälter im Raum. Und weg war die heitere Stimmung.

„Entschuldige, da muss ich dran gehen", erklärte Thomas und verschwand durch den Eingang und kurz darauf hörte ich wie eine Tür geschlossen wurde.

Ich konnte ja verstehen, dass man für mache, Gespräche seine Privatsphäre wollte, aber war es nicht etwas übertrieben den Raum zu verlassen und sich einzusperren. Irgendwie kam mir sein Verhalten verdächtig vor, nur das warum, konnte ich mir nicht so recht erklären.

Dumpf hörte ich Thomas Stimme aus einem der Nebenräume zu mir klingen, doch ich konnte weder verstehen mit wem er sprach, noch worum es bei ihrem Telefonat ging.

Es lagen noch zwei Austern auf dem Teller und ich war versucht sie einfach allein aufzuessen, doch ein Gefühl des Anstands bewegte mich dazu zu warten.

Als ich nach zehn Minuten immer noch nichts von Thomas sah – mittlerweile war auch seine Stimme verklungen – wurde ich langsam unruhig. Was konnte denn so lange dauern?

Fast wäre ich schon aufgesprungen, um ihn suchen zu gehen, doch es kam mir falsch vor, ihn zu bedrängen, wo er doch wegen dem Telefonat extra hatte allein sein wollen.

Ich begann auf meinem Handy durch das Internet zu scrollen, um mir etwas die Zeit zu vertreiben, doch nach weiteren zehn Minuten wurde es mir zu bunt.

„Thomas?", schrie ich fragend in die gigantische Wohnung.

„Ich... Ich fühle mich nicht gut. Nadiya, vielleicht ist es besser, wenn du gehst. Ich will dir nicht auch noch den Abend verderben", erklang es dumpf.

So langsam wurden seine Krankheitsfälle etwas merkwürdig. Erst ließ er mich an unserem ersten Date sitzen, dann die plötzliche Migräne beim Eislaufen. Jetzt hatte er womöglich die Meeresfrüchte nicht vertragen.

Kopfschüttelnd packte ich meine Sachen und zog mir meinen Mantel über. Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein – der Abend hatte so schön begonnen, und jetzt ging es ihm plötzlich nicht mehr gut?! Was war denn das für ein Witz?

„Ist schon gut", sagte ich mit verbissener Stimme, bevor ich krachend die Tür hinter mir zuschlug.

The Way of our Hearts - Ist Liebe Stärker als die Angst?Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt