10. Kapitel

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Ich musste wie ein Idiot aussehen, wie ich in der hintersten Reihe des Hörsaals lungerte, Bücher und Jacken vor mir aufgestapelt und das Kinn auf dem Berg abgestützt. Dass Notizen machen, hatte ich bereits nach zehn Minuten aufgegeben, denn mein Gehirn wollte sich gerade eher mit potenziellen Gesprächen auseinandersetzten als mit dem, was der Professor am Podium predigte.

Was, wenn unser Date vollkommen in die Hose ging? Was, wenn er mich zum Essen ausführte, und meine Karte auf einmal nicht zahlen wollte? Oder, wenn ich versehentlich ein Glas umstieß? Oder-

„Ist da noch Platz?", unterbrach eine arrogante weibliche Stimme meinen inneren Monolog.

Mein Blick ging automatisch nach oben und ich sah in ein Gesicht, dass ich hier definitiv nicht erwartet hätte. Meine Halbschwester.

Mit ihren langen, vollen, braunen Haaren, den blauen Augen, die wie gebrochenes Glas glitzerten, der Stupsnase und dem entwaffnenden Lächeln, konnte man sie wohl nur als hübsch bezeichnen.

Doch ich konnte in dem Moment weder verhindern, dass meine Augenbrauen in die Höhe schossen, noch das ich sie mit wenig amüsierter Miene musterte. „Hallo, Helen! Dir auch einen wunderbaren Nachmittag!", schoss ich mit zuckersüßer Stimme zurück und ich bemerkte wie sich ihre Augen ein Stück weiteten. „Und natürlich hast du hier auch noch Platz! Vor allem, wenn du so schön fragst!"

„Sorry, wusste nicht, dass du das bist, Nadiya", entschuldigte sie sich schnell und sah mich versöhnlich an. Zugegeben, meine Reaktion war etwas übertrieben – aber gerechnet daran, dass meine Maman und ich extra weggezogen waren, um meinem Vater aus dem Weg zu gehen, um dann auch hier noch blöd von seiner hochintelligenten und überaus perfekten älteren Tochter angepöbelt zu werden... Nein, ich weigerte mich Schuldgefühle zu verspüren, schließlich war das hier MEIN Platz und MEINE Uni.

„Wie gesagt, sorry", wiederholte Helen erneut und drückte sich hinter mir vorbei. „Aber du könntest schon etwas fröhlicher sein, mich zu sehen! Schließlich sind wir ja bald Kollegen."

Da mein Überraschungspensum bereits aufgebraucht war, klappte nicht einmal mehr meine Kinnlade herunter. Ich hab's dir doch gesagt, frotzelte mich meine innere Stimme.

„Toll", antwortete ich so ruhig wie möglich und raffte meine Sachen zusammen, um sie in meine Tasche zu stopfen.

„Freust du dich nicht? Dann könnten wir auch mal öfters etwas zusammen unternehmen! Du weißt schon – Mädelsabend! Nur du und ich!"

„Ja, vielleicht."

Helens Mundwinkel sanken. „Tut mir leid, wenn ich dich so überfalle, Nadiya. Ich hätte dir Bescheid sagen sollen-"

„Nein, Helen. Das hier ist eine öffentliche Universität, wenn du also hier studieren willst, dann machst du das. Du brauchst meine Erlaubnis nicht", erwiderte ich, um meine vorherigen Aussagen etwas zu mildern, schließlich war nicht sie der Grund für meine Wut. Zumindest nicht vordergründig.

Doch Helen schien der Grund für meine miese Laune durchaus bewusst zu sein. „Nadiya, ich will dir den Platz hier doch nicht wegnehmen. Und nur weil du Stress mit Papa hast, müssen wir uns doch nicht streiten-"

Ich war aufgesprungen und verstaute die letzten Sachen in meiner Tasche. „Ich will auch nicht mit dir streiten, Helen! Ich will einfach nur, dass ihr mich in Ruhe lasst! Lebt euer perfektes Leben und lasst mich in Frieden!"

Ohne auf ihre Antwort zu warten, drehte ich mich um und stürmte aus dem Saal, weg von Helen und meine zahlreichen starrenden Kollegen.

* * *

Zu Hause angekommen, wartete Zoe bereits auf mich. In pinken Pyjamahosen und einem We rock the world T-Shirt fand ich sie auf der Couch lümmelnd vor. Am Fernseher lief gerade eine alte Folge von Grey's Anatomy und obwohl Zoe ein absoluter McDreamy-Fan war, starrte sie gerade stattdessen vor sich auf den Tisch. Ich musste nur einen Schritt in unser helles Wohnzimmer machen, da erkannte ich auch warum.

The Way of our Hearts - Ist Liebe Stärker als die Angst?Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt