Heute war wieder einer dieser perfekten Arbeitstage. Kein einziger Kunde störte mich beim Sudokuspielen. Ich genoss die Ruhe hier im Laden und begann sogar einige Regale abzustauben. Eigeninitiative und so ... Nur gegen Ende gaben zwei Teenies den letzten Teil der Twilight Saga zurück und schwärmten von Vampiren und Werwölfen. Da funktionierte selbst mein aufgesetztes Tresen-Lächeln nicht mehr und ich wies die beiden unfreundlich darauf hin, den Laden zu verlassen und endlich erwachsen zu werden. Die hatten Probleme ...
Aber alles in allem hatte ich wieder ein paar Euro verdient und das vor allem durch Rumsitzen und nichts tun. Und nun würde endlich der interessante Teil des Tages beginnen.
Ich düste schnell nach Hause, um mich frisch zu machen. Ich war heute Abend mit Marie verabredet. Wir gingen, wie jeden Donnerstag, in eine Karaoke-Bar. Tatsächlich war Musik eines der einzigen Dinge, mit denen man mich begeistern konnte. Die mir nicht auf die Nerven ging oder mich nach kurzer Zeit aggressiv machte. Zu meinem 18. Geburtstag hatte mir Marie sogar eine Gitarre geschenkt. Seitdem, übte ich fleißig alleine bei mir zu Hause und konnte mittlerweile schon einige meiner Lieblingslieder nachspielen. Und singen ... naja, ich konnte es nicht wirklich gut, aber ich tat es einfach gerne. Und wenn es um Karaoke ging, musste man ja auch gar nicht besonders talentiert sein. Da ging es lediglich darum, sich zu amüsieren. Und natürlich darum, ordentlich einen zu trinken.
Und genau das war der Plan!
Zu Hause schloss ich die Haustür auf und schaute in meinen Briefkasten. Nichts, außer einem kleinen zusammengefalteten Zettel ganz hinten. Ich hätte ihn fast übersehen.
Ein Werbeflyer?
Nein.
Sofort bildete sich kalter Schweiß auf meiner Stirn und mir wurde ganz heiß.
Ich bekam schon länger keine richtigen Panikattacken mehr. Ich hatte mich so weit ziemlich gut im Griff. So lustig sich das anhörte: Es gab Zeiten, da war ich um einiges gestörter gewesen. Zu Schulzeiten machte ich mir mit meinem Verhalten keine Freunde. Ganz im Gegenteil.
Aber in solch kritischen Situationen wusste ich genau, wenn ich mich jetzt nicht zusammenriss, würde es gleich beginnen. Solche Attacken waren die Hölle und ich hatte da momentan einfach null Bock drauf. Ich rannte in meine Wohnung, schmiss die Tür hinter mir zu und setzte mich auf mein Bett.
Ganz ruhig, ganz ruhig. Das ist nur ein Zettel von deinem Vater. Gut, er war hier. Aber du warst ja zum Glück nicht da. Also ist es nur ein Zettel. Ein Blatt Papier. Er ist nicht da.
Ich versuchte mich selbst zu beruhigen, aber es gelang mir nicht. Es war schon zu viel geschehen.
Ich hatte noch nicht eine einzige Zeile gelesen aber die krakelige, verschmierte Schrift erkannte ich sofort. So sahen auch meine Geburtstagskarten aus. Also zumindest die, die ich bis zu meinem 13. Lebensjahr erhalten hatte. Danach war der Kontakt zu meinen Eltern fast ganz abgebrochen. Was mir recht war. Aber im Endeffekt musste ich den Zettel auch nicht lesen. Ich zerriss ihn und warf die Einzelteile in die Ecke. Zu den dreckigen Klamotten und dem schmutzigen Geschirr. Da passte er dazu.
Alle paar Jahre kam eine Nachricht. Ich war es leid.
Es war eh immer dasselbe.
Knapp eine Stunde später kam ich in der Karaoke-Bar an. Ich hatte mich wieder in mein unauffälligstes Outfit geworfen aber dafür ordentlich Make-Up aufgelegt. Marie war schon da und hatte einen Tisch für uns reserviert. Ich ließ mich atemlos auf den Stuhl neben ihr fallen und bestellte ohne Umschweife zwei Jacky Cola.
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Like Hell
Roman pour AdolescentsAbgeschlossen! Hell ... Den Namen hatten sich irgendwann meine Klassenkameraden ausgedacht. Er würde wohl besser zu mir passen als Helena. Helena, hatten wir einmal in der Schule gelernt, bedeutete so viel wie ›die Schöne‹ und ›die Strahlende‹. Ich...
