Wo hatte ich nur meine Sportklamotten hingetan? Seit ich nicht mehr bei meiner Oma, sondern in meiner eigenen kleinen Bude lebte, sah es hier - um ehrlich zu sein - meistens ziemlich wüst aus. Ich wühlte in einem Haufen sauberer Wäsche und warf dabei alles, was nicht wie eine Hose aussah nach links oder rechts. Schnell bildeten sich neue Klamottenstapel. Ich war mir fast sicher, hier irgendwann die Tage eine Jogginghose gesehen zu haben. Nur wo?
Verdammt! Wenn ich mich hier umschaute war eines klar: Diese Unordnung war Spiegelbild meines inneren Chaos'. Dafür brauchte ich keinen Therapeuten oder Psychologen. Da kam ich ganz alleine drauf.
Ich erhob mich stöhnend und schaute mich ratlos um. Ich war jetzt schon genervt, ohne auch nur einen Schritt vor die Haustür gesetzt zu haben. Ich öffnete meinen Kleiderschrank, doch der war nahezu leer. Wenig überraschend, immerhin lag ja auch alles kreuz und quer davor verteilt. Ich musste wirklich ganz dringend aufräumen. Leider fehlten mir dafür schlichtweg die Lust und die Energie.
Am Ende krabbelte ich auf Knien durch mein Schlafzimmer und wurde tatsächlich fündig. Halb unter meinem Bett versteckt erblickte ich ein Hosenbein. Da war sie, meine dunkelgraue Jogginghose. Dazu noch schnell ein schwarzes Top und die Sportschuhe angezogen.
Fertig.
Und los geht's.
Jetzt aber schnell. Keine Zeit verlieren. Ich war schon viel zu spät dran.
Das Sportstudio war wirklich nur einige hundert Meter von meiner Wohnung entfernt. Aber der Hinweg würde bestimmt für ein oder zwei Lieder auf meinem MP3 Player reichen. Ich joggte also gemütlich mit den rockigen Klängen von System of a Down im Ohr meinem Ziel entgegen. Dadurch war ich auch gleich aufgewärmt und ungewohnt gut gelaunt.
Marie erwartete mich schon in einer dreiviertellangen blauen Hose und einem enganliegenden, weißen T-Shirt, in dem ihre Brüste echt enorm aussahen. Der Aufdruck ›Meine Augen sind da oben‹ mit zwei Pfeilen direkt auf Nippel-Höhe, bewirkte genau das Gegenteil. Oder war das Absicht? Da musste man ja starren!
Genau wie ich, hatte sie ihr Haar zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihrer war braun, meiner schwarz. Ich färbte meine Haare schon seit meinem 13. Lebensjahr. An meine richtige Haarfarbe konnte ich mich kaum mehr erinnern. So ein langweiliges Straßenköterblond war es glaube ich.
»Und? Bereit?« Marie ließ ihre Fingerknöchel knacken und wirkte hochmotiviert.
Ich zuckte mit den Achseln und nickte mit einem einfachen »Mhh«.
Wir betraten die Sporthalle und merkten direkt, dass es sich bei Zumba tatsächlich um eine Trendsportart handeln musste. Es war proppenvoll! Rund 30 Mädels in wirklich jedem Alter standen schon bereit. Ich schaute mich erstaunt um. Zu Zumba gehörten anscheinend Neonfarben. Ich sah pinkfarbene und eine Vielzahl giftgrüner Hosen, ein gelbes Top, mehrere türkisfarbene Shirts .... Auf allen Kleidungsstücken stand groß ›ZUMBA‹ geschrieben.
Boar, nervte mich das alles hier. Ich fuhr mir mit der Hand resignierend über die Augen. Die Farben blendeten mich.
Direkt neben der Eingangstür saß eine junge Frau und stempelte 10er Karten ab. Das musste die Trainerin sein. Marie ging mit schnellen Schritten zu ihr. Mit beiden Händen in den Hosentaschen vergraben und gesenktem Blick ging ich langsam hinterher.
»Hi, wir beide sind neu hier«, sie zeigte erst auf mich dann auf sich selbst. »Wir würden uns das gerne mal anschauen.«
»Schön, es wird euch garantiert gefallen. Mein Name ist Yvonne. Legt eure Sachen hier hinten ab und macht einfach mit. Am besten ihr stellt euch weit nach vorne, damit ihr auch alles seht. Verstecken ist nicht!« Sie lächelte Marie an und zwinkerte ihr neckisch zu. Dann schaute sie zu mir. Ich nickte und lief schnurstracks zur Garderobe. Ich war einfach nicht so der gesprächige Typ. Vor allem nicht bei Personen, die ich nicht kannte und die komplett pink gekleidet waren.
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Like Hell
Fiksyen RemajaAbgeschlossen! Hell ... Den Namen hatten sich irgendwann meine Klassenkameraden ausgedacht. Er würde wohl besser zu mir passen als Helena. Helena, hatten wir einmal in der Schule gelernt, bedeutete so viel wie ›die Schöne‹ und ›die Strahlende‹. Ich...
