Zu Hause warf ich all meine Sportsachen auf mein Bett und sprang in Windeseile unter die Dusche. Schnelle Katzenwäsche war angesagt. Hektisch wusch ich mich und wäre beim hastigen aus der Dusche steigen fast hingefallen. Ich rutschte auf den nassen Fliesen aus, konnte mich aber gerade noch so am Waschbecken festhalten und so schlimmeres verhindern. Das war knapp! Wer weiß, wann man mich hier gefunden hätte, wenn ich tödlich verunglückt wäre. Ich stellte mir vor, wie die Nachbarn irgendwann die Feuerwehr riefen, um die Tür aufzubrechen, weil ein doch eher seltsamer Geruch aus meiner Wohnung kam ... Das passierte doch öfter!
Sonst ging es mir aber gut, oder? Ich schüttelte über meine morbiden Gedanken den Kopf und atmete einmal durch. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Nicht nur wegen der halsbrecherischen Rutschpartie eben. Ich musste Ruhe bewahren!
Ich band mir meine Haare grob zu einem Dutt hoch und zog mir frische Klamotten an. Eine lockere schwarze Jeans und ein graues T-Shirt mit dem Schriftzug der Band Metallica. Ich betrachtete mich unsicher im Spiegel und entschied mich dann noch für eine Lage Wimperntusche. Nicht mehr.
Dezent. Nicht zu aufgedonnert. Nicht, dass sie auf falsche Gedanken kam! Das würde nur ein kurzes Treffen werden. Ganz ungezwungen. Ohne Erwartungen oder Verpflichtungen. Einfach, weil wir beide nichts Besseres vorhatten.
Ich war bereit.
Wir hatten ausgemacht, uns in einer Kneipe ganz bei mir in der Nähe zu treffen. Ich war spät dran, also rannte ich zum ausgemachten Treffpunkt und betrat den Schuppen vollkommen außer Puste. Das Lokal war fast leer, daher sah ich sie auch sofort. Yvonne saß bereits in einer Nische und schien auf mich zu warten. Sie hatte eine Mütze auf, unter der einige Strähnen ihres nassen Haares herausschauten. Ihre Haare waren eigentlich dunkelblond. Aber im Zwielicht der Kneipe wirkten sie fast so schwarz wie meine.
Ich setzte mich ihr gegenüber an den Tisch, ganz an den Rand.
Fluchtbereit.
Ich schaute sie skeptisch an. Sie lächelte und schob mir ein Glas Bier herüber.
»Ich habe schon mal für uns bestellt. Prost.«
Ich erhob mein Glas und stieß mit ihr an.
So ... und jetzt?
Die ganze Situation war mir mehr als unangenehm und suspekt. Gezwungene Konversationen und Smalltalk waren mir zuwider. Ich war einfach nicht gut in so etwas. Noch unangenehmer war allerdings das Schweigen, das sich nun zwischen uns ausbreitete. Ich schaute in mein Glas. Warum wollte sie sich überhaupt mit mir treffen? Das wollte mir einfach nicht in den Kopf. Das war alles so vollkommen absurd.
»Hell wirst du also genannt?«
»Ja.« Das wusste sie also schon.
Hell. Den Namen hatten sich irgendwann meine Klassenkameraden ausgedacht. Hell würde wohl besser zu mir passen als Helena. Helena, hatten wir einmal in der Schule gelernt, bedeutete so viel wie ›die Schöne‹ und ›die Strahlende‹. Ich strahlte nicht und ich war nicht schön. Aber neben mir deprimierten Emo-Braut zu sitzen war die Hölle. Daher Hell. Mir war es recht.
Die Story sollte ich Yvonne vielleicht nicht direkt erzählen. Machte nicht den besten Eindruck. Aber Yvonne wollte gar keine Erklärung. Sie nickte nur.
»Du kannst mich Yvi nennen.«
Nun war es an mir zu nicken.
Damit waren bereits drei Minuten totgeschlagen. Ein genervtes und peinlich berührtes Stöhnen entfuhr mir. Leider etwas lauter als gewollt.
Das hier war echt nichts für mich. Ich sollte vielleicht doch gehen ... einen Fünf-Euroschein auf den den Tisch legen und ohne einen weiteren Kommentar einfach aufstehen und ...
»Und was machst du sonst so?«, fragte Yvonne und schaute mich interessiert an. Oh Gott, Gleich würden wir uns über das Wetter unterhalten. Ich war so lahm.
»Nicht viel«, gab ich zurück und trank einen kräftigen Schluck Bier. »Ich arbeite in einer Videothek.« Ach ja, jetzt war es bestimmt meine Aufgabe zurückzufragen. So machte man das doch bei Gesprächen. Geheucheltes Interesse gehörte dazu.
»Und du?«
»Ich studiere Sportwissenschaften.« Um ehrlich zu sein, interessierte mich das nicht. Ich war einfach unverbesserlich unsozial.
Unser Gespräch war mehr als schleppend. Ich würde den Abend doch wohl hoffentlich irgendwie mit Anstand hinter mich bringen können. Ohne mich zu Hause in Grund und Boden zu schämen.
Nach einiger Zeit - und dem dritten Bier und zwei Tequilas - spürte ich meine glühenden Wangen und Ohren. Und damit einhergehend auch meine etwas lockerer sitzende Zunge. Yvonne schien froh darüber zu sein, dass endlich auch ein paar Worte von mir kamen.
»Ich bin echt gern beim Zumba«, erzählte ich etwas nuschelnder als normal. »Die Musik is totaaaaal mitreißend! Ich mag Musik. Ich spiele sogar 'n bisschen Gitarre.« Ja, ab 0,5 Promille konnte ich sogar Konversation betreiben. Zumindest ein wenig. Für meine Verhältnisse war das schon 'ne Steigerung von 120 Prozent.
»Hattest du Gitarrenunterricht?«
»Nein, hab ich mir alles selbst beigebracht. Die Gitarre hat mir Marie geschenkt. Zum 18. Geburtstag. Sie sagt, mit Musik wäre ich leichter zu ertragen.«
Ich lachte schallend. Yvi, wie ich sie jetzt nennen durfte - was war ich nur für ein Glückspilz - lachte hingegen nicht. Ab 0,8 Promille dachte ich irrtümlicherweise, ich wäre lustig.
»Das ist aber nicht sehr nett«, entgegnete sie bestürzt.
»Ach was. Sie hat ja Recht. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ich bin etwas eigen.« Etwas eigen war gut. Die Untertreibung des Jahrhunderts. »Marie kennt mich einfach nur gut.«
»Ihr seid ziemlich gut befreundet.«
»Sie ist meine beste Freundin!«, schwärmte ich. Yvi nickte und lächelte.
»Schön.« Sie schaute auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Ich war wohl ziemlich langweilig.
»Wie wär's? Sollen wir uns demnächst mal wieder treffen?«
»Warum?« , entgegnete ich wie aus der Pistole geschossen.
Yvi schaute etwas verdutzt.
»Warum denn nicht? Ich fand's echt schön heute Abend mit dir.«
»Okay.« Ich lachte etwas irritiert und rieb mir verlegen den Nacken. Ich glaubte ihr kein Wort. Führte sie etwas im Schilde?
Bevor wir zahlten und die Kneipe verließen, tauschten wir die Handynummern aus.
Damit hatte ich genau fünf Nummern in meinem Smartphone gespeichert. Marie, meine Omi, mein Chef aus der Videothek, den Telekom Kundenservice und nun noch Yvi.
Mehr musste man über mich eigentlich nicht wissen.
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Ein erster Schritt ist getan. Aber sie haben noch einen harten Weg vor sich. Hell ist - naja - unglaublich misstrauisch und Yvi versteht einfach nicht, wieso.
Versteht ihr es? Habt ihr eine Vermutung?
Mal schauen, wie es weitergeht :-)
Liebe Grüße
Katharina
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Like Hell
Novela JuvenilAbgeschlossen! Hell ... Den Namen hatten sich irgendwann meine Klassenkameraden ausgedacht. Er würde wohl besser zu mir passen als Helena. Helena, hatten wir einmal in der Schule gelernt, bedeutete so viel wie ›die Schöne‹ und ›die Strahlende‹. Ich...
