Heute würde ich sie anrufen.
Heute Abend!
Ich hatte es mir fest vorgenommen. Ich würde sie anrufen und ... mmh, vielleicht fragen, ob sie mit mir ins Kino gehen möchte oder so. Etwas Besseres war mir leider nicht eingefallen. Obwohl ich mir stundenlang den Kopf zermartert hatte. Was konnte man denn ansonsten noch so unternehmen? Was machten denn normale Menschen, wenn sie eine Verabredung hatten? Sich immer in einer Kneipe oder Bar zu treffen war ja auch nicht das Wahre. Und sie zu mir nach Hause einladen ... dazu fehlte mir dann doch noch der Mut.
Ich war gerade auf dem Heimweg nach einem sehr langen und sehr langweiligen Tag in der Videothek. Der Job war ja echt einfach und man verdiente fürs nichts tun sechs Euro die Stunde. Aber ein bisschen mehr Ablenkung hätte ich mir dann doch manchmal gewünscht. Ich war so in gedanken, dass ich eines erst zu spät realisierte: Plötzlich stand ich vor der Turnhalle.
Klar, sie war ja nur einige 100 Meter von meiner Haustür entfernt und ich lief fast immer auf meinem Nachhauseweg daran vorbei. Außer ich wählte gewollt einen Umweg, um einem Zusammentreffen mit Yvi zu entgehen. Ich schaute auf die Uhr. Das war ja so typisch. Natürlich würde in wenigen Minuten ein Zumba-Kurs zu Ende sein. Was sollte ich nun tun? Einerseits hatte ich diesen unglaublich starken Fluchtreflex, der sich immer in mir breitmachte, wenn ich an Yvi dachte. Andererseits wollte ich sie auch sehen.
Ich blieb an der Wand gelehnt stehen und blinzelte um die Ecke. Ich kam mir dabei mehr als lächerlich vor, fast wie ein Stalker, aber einen kleinen Blick könnte ich doch riskieren. Sie sollte mich aber besser nicht sehen. Ich wüsste nicht wie ich dann reagieren würde. Ich war psychisch noch nicht auf ein Gespräch vorbereitet und auf große Diskussionen hatte ich jetzt irgendwie auch keine Lust. Noch schien der Kurs nicht vorbei zu sein. Vielleicht würde sie die Halle auch gar nicht verlassen und sich direkt auf den nächsten Kurs vorbereiten. Aber das wäre eigentlich schade. Ich wollte sie ja wirklich nur ganz kurt sehen.
Plötzlich öffnete sich die Tür und eine Horde Neon-Girls kam lachend und tratschend hinausgestürmt. Natürlich war Yvi in ihrer Mitte, die von ihnen umringt wurde wie ein Filmstar. Jetzt fand ich es auf einmal gar nicht mehr so schade, nicht in Zumba gewesen zu sein. Dieses ganze Getue nervte so sehr und es machte mich sauer. Diese Tussen, okay, die waren einfach doof und würden es wohl auch immer bleiben. Aber dass sich Yvi da auch noch darauf einließ, das konnte ich kaum ertragen.
Wie konnte sie sie nur alle so nah an sich heranlassen? Ich konnte kaum eine Berührung von ihr ertragen und sie ließ sich einfach von allen betatschen. Die eine tippte unentwegt an ihrer Schulter herum, die andere legte vertraut einen Arm um sie. Und alle lachten und amüsierten sich prächtig. Das war einfach zu viel. Ehe ich mir darüber im Klaren war, lief ich auch schon wutschnaubend auf die Gruppe zu. Zwei Neon-Girls schauten auf und konnten sich wohl meinen Gesichtsausdruck nicht recht erklären. Wie ich wohl aussah? Wütend?
»Hey, Zumba ist schon vorbei, du kommst circa eine Stunde zu spät«, sagte eines der Mädchen und zwei andere neben ihr, die aussahen wie zwei leuchtende lilafarbene Melonen, lachten. Höchstwahrscheinlich auf meine Kosten.
Yvi blickte auf, sah mich und lächelte etwas unsicher.
»Hell, du...«
Sie kam nicht dazu den Satz zu beenden. Ich schnappte sie am Ärmel, warf den lilafarbenen Knödeln einen bösen Blick zu und zog Yvi rigoros hinter mir her.
»Hey hey, Hell... immer langsam. Was ist denn los?« Yvi stolperte überfordert hinter mir her und wusste wohl nicht so recht, was mit ihr geschah.
»Du bist echt unmöglich!«
»Bitte? Was hab ich denn gemacht? Du bist es doch, die sich nicht bei mir meldet.« Jetzt stoppte sie, entriss sich meinem festen Griff und verschrenkte die Arme vor der Brust. Sie wirkte beleidigt.
»Und das ist Grund genug... ach vergiss es.« Ich drehte mich um und lief davon. Ich war sauer und so unglaublich enttäuscht. Nur weil ich nicht sofort nach ihrer Nase tanzte, nur weil ich mich ihr nicht an den Hals warf ... So war ich nicht. Wenn sie so etwas wollte, dann war sie bei ihren Fangirls besser aufgehoben. Aber dann soll sie aufhören, mir Hoffnungen zu machen. Dann sollte sie mich verdammt noch mal einfach in Ruhe lassen, damit ich wieder die sein kann, die ich war. Die einsame und verbitterte Hell ... Da war mir zumindest dieser Ärger erspart geblieben!
»Hell, warte doch mal!« Jetzt hielt sie mich fest und musterte mich. Ich mochte es nicht so begutachtet zu werden.
»Was?« Ich funkelte sie mit dem bösesten aller Hell-Blicke an.
»Bist du eifersüchtig?« Sie lächelte süffisant.
»Ach was, bilde dir bloß nichts darauf ein!« Ich wich ihrem Blick aus und starrte auf den Boden.
»Haha, doch tu ich! Dann kann ich dir ja nicht komplett egal sein.« Sie küsste mich ohne Vorwarnung auf den Mund. »Ich habe noch einen Bauch-Beine-Po-Kurs, darf ich danach bei dir vorbeischauen? Ich bin auch brav!« Sie grinste frech.
Ich zuckte mit den Schultern.
»Okay.«
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Yvi kommt Hell besuchen ... ist das nicht letztes mal so ausgeartet? Was wohl dieses Mal passieren wird ... Oder kommt es am Ende komplett anders? Fragen über Fragen.
Nächsten Montag gehts weiter!
Ich wünsche euch einen schönen Wochenstart!
Katharina
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Like Hell
JugendliteraturAbgeschlossen! Hell ... Den Namen hatten sich irgendwann meine Klassenkameraden ausgedacht. Er würde wohl besser zu mir passen als Helena. Helena, hatten wir einmal in der Schule gelernt, bedeutete so viel wie ›die Schöne‹ und ›die Strahlende‹. Ich...
