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Es wurde später Abend, bis Steve die Gelegenheit fand, zurück zu Tonys Krankenzimmer zu gehen. Der Tag war voll gewesen mit Berichten aus Wakanda und Vermisstenmeldungen der Bevölkerung. Die Dora Milaje hatten sich mit Steve in Verbindung gesetzt, da Wakanda jetzt weder einen Black Panter, noch einen König hatte, der sie verteidigen und anführen konnte.
Auch der Weiße Wolf, wie Bucky von den Wakandanern genannt wurde, war nun weg.
Okoje und die Königsmutter hatten vorläufig die Regentschaft übernommen, doch in Anbetracht der riesigen weltweiten Verluste wussten auch sie nicht, wie sie all das händeln sollten.
Die Welt war ein Chaos geworden, und sie mitten drin im Auge des Sturms.

Rocket und Nebula hatten erneut die Langstreckensensoren erweitert, wobei es der waschbärähnlichen Kreatur einen Heidenspaß machte, mit StarkTech herumwerkeln zu können.
Natasha hatte ihre liebe Not damit, den pelzigen Mechaniker aus Tonys Privatmaterialien herauszuhalten.
Selbst Friday hatte der Kerl ein Mal gehacked und sich so Zugang zu den Iron Man Rüstungsräumen verschafft. Nur die Androhung, ihn in eine der hulksicheren Kammern zu sperren, wenn er nicht die Finger von Sachen ließ, die ihn nichts angingen, überzeugten ihn schließlich davon, dass die Erdlinge dann doch nicht so spaßig aufgelegt waren, wie er es manchmal gerne darstellte. Er konnte ja vieles ertragen, aber eingesperrt sein... Das war etwas, das Rocket Raccoon niemals wieder erleben wollte.

So war es bereits dunkel draußen, als Steve an Tonys Tür klopfte. Er hörte, wie aus dem Inneren ein fast schon amüsiertes "Herein" zu hören war und öffnete die Tür, nur um in nächsten Augenblick völlig entsetzt im Türrahmen zu erstarren.
"Du sollst doch nicht aufstehen!"
Was er eigentlich hatte anmerken wollen, war, dass Tony bis auf seine Shorts nichts anhatte, doch der Soldat bemühte sich einfach den Blick nicht zu auffällig über den Körper vor ihm schweifen zu lassen und sich dann wie beiläufig wegzudrehen.
"Du bist Soldat Rogers, noch nie einen nackten Mann gesehen?"
Der neckende und viel zu amüsierte Unterton in Tonys Stimme ließ Steve schlucken. Hatte der Kerl das absichtlich gemacht?
"Zu viele Verwundete, um das hier witzig zu finden", gab er stattdessen zurück und hob, tief einatmend, den Kopf erneut, als er hörte, wie Stoff aus Tonys Richtung zu rascheln begann. Wenigstens trug der Milliardär jetzt wieder eine Jogginghose.

"Du kannst ein ziemlicher Stimmungskiller sein, weißt du das?" "Wusste nicht, dass das hier eine Party sein sollte."
Eine Party zu zweit? Verdammt, Rogers reiß dich zusammen!  Tonys Blick wurde für Steve unleserlich für einen Moment, doch als der Schwarzhaarige sich langsam wieder auf das Bett sinken ließ und unwillkürlich die Mundwinkel in einer schmerzverzerrten Miene verzog, ahnte Steve, dass es nur wieder Tonys Schutzmauer gewesen war, die ihn so amüsiert hatte wirken lassen.
"Brauchst du was?"
"Einen Scotch on Ice, einen Cheeseburger und zwei von diesen Wunderpillen, die Romanoff mir seit heute Morgen nicht mehr bringen will."
Der Blick, den Tony ihm zuwarf, war so trocken, so ernst, dass Steve nur mit einem Augenrollen und einem Lächeln antworten konnte.

"Alkohol und Morphium verträgt sich nicht so wirklich."
"Sagt wer?"
"Die Erfahrung und die Mediziner."
"Welcher Mediziner? Haben wir hier einen tauglichen?"
"Tony..." Das leicht resignierte und doch amüsierte Schnauben begleitete ein ebensolches Lächeln, als Steve erneut den Kopf sinken ließ und dabei schüttelte.
Er wusste, sein Gegenüber hatte schon Schlimmeres mit seinem Körper getan, doch wollte er hierbei nicht mal gedanklich Schützenhilfe begehen. Zu wichtig war ihm die Gesundheit des Mannes vor ihm.
"Bekomm ich dann wenigstens eins von beidem?"
Spielerisch kokettierte Tony mit seinem Blick, in dem er Steve nun direkt in die Augen sah und die Augenbrauen wackeln ließ.
"Ich schaue, was ich machen kann wegen dem Morphium."
Die Lippen schützend, ahnte Tony, dass er von Steve nichts anderes mehr in dieser Richtung zu erwarten hatte und nickte in einer theatralisch dargestellten Leidensmine.
"Zu gütig."

Sich auf den Stuhl neben Tonys Bett setzend, gestattete sich Steve für einen Moment die Augen zu schließen und mit den Händen über seine Schläfen zu fahren. Sehr zu seiner Verwunderung meinte Tonys dort bereits silberne Linien im immer dunkler gewordenen Blond zu sehen. Er bemerkte, wie sehr Steve in den letzten zwei Jahren gealtert war. Nicht körperlich, sondern eher mental. Steve war... erwachsen geworden.
Ein Teil von ihm wollte wissen, wie und wann das geschehen war. Doch der andere, viel zu ernste und rationale Teil in ihm wusste, dass der Verlust von geliebten Menschen und auch die Jahre auf der Flucht einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Erwachsenwerden beigetragen haben mussten. 
Die Tatsache, dass Steve ihm offensichtlich so weit traute, dass er sich in seiner Gegenwart für einige Minuten regelrecht entspannte, hatte eine ganz eigene, viel zu große Bedeutung für Tony.
Er versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr er den Anblick dieses Mannes vor sich genoss. Zu sehen, wie die fast dauerhafte Anspannung regelrecht von ihm abfiel... Für einen langen Moment konnte und wollte der Schwarzhaarige gar nicht vorgeben, dies nicht zu bemerken. Er fühlte sich stolz und auf seltsame Weise gerührt, dass gerade ihm dieses Privileg zuteil wurde.

Steve hoffte, dass Tony den Moment nicht ausnutzte, den er sich selbst so lange verwehrt hatte.
Ja, in Natashas Gegenwart schämte er sich nicht, einfach die Fassade mal für wenige Minuten fallen zu lassen. Einfach er selbst und nicht das Symbol zu sein, das alle immer nur zu gern in ihm sahen.
Doch bei Tony... Schon früher hatte er bemerkt, dass in diesen Momenten, wo er wirklich einfach nur alle Last ablegen und er selbst sein wollte, der Milliardär diese Augenblicke der Schwäche nie ausgenutzt hatte. Sie stritten, sie schimpfen, doch nie, wenn der andere gerade wirklich schwach war. Wie ein Waffenstillstand, den nie einer ausgehandelt hatte.

Langsam die Augen öffnend, fand Steve die braunen Augen fast nachdenklich auf sein Gesicht gerichtet. Sie verließen ihn auch nicht, als er sich aufrichtete und schließlich den Blick erwiderte.
"Du weißt, ich höre zu, wenn du reden willst."
Der sanfte, ruhige fast zärtliche Tonfall, den Tony benutzte, ließ Steves Kehle beinahe augenblicklich austrocknen. Ein sarkastischer Impuls wollte antworten, dass das ja mal ganz neue Töne seien, doch alles, was der Blonde tat, war den Blick mit einem kurzen Kräuseln der Stirn zu beantworten und erneut die Augen zu schließen, um sich zu sammeln. Die Gefühle, die da in seinem Inneren tobten, waren ebenso widersprüchlich, wie der Mann da vor ihm in dem Bett.

"Thanos hat die Büchse der Pandora geöffnet."
"Wir werden sie wieder schließen."
Die Entschlossenheit, mit der Tony das sagte, ließ Steve den Blick heben.
"Das hat nicht mal Zeus geschafft."
Ihre Blicke trafen sich und als Tony ihm ein leichtes Lächeln schenkte, konnte Steve nicht anders, als zurück zu lächeln.
"Wir finden Thanos. Dann holen wir uns die Steine."
Steve wollte dieses Thema nicht weiter ausführen, er wollte nicht aussprechen, dass er den Handschuh nehmen und alles rückgängig machen würde. Wohl wissend, dass Tony dem niemals zustimmen würde, da er genau wusste, was das schlussendlich bedeuten würde.
Allerdings wollte er den Satz auch nicht unkommentiert stehen lassen, daher nickte er nur nachdenklich.

"Das sind wir der Welt schuldig, Steve. Wir sind die Avengers..."
Die Art, wie Tony den ersten Teil des Satzes betonte, ließ einen heißkalten Schauer über seinen Rücken laufen. Wir... Also sprach er gerade wirklich sie alle an... als Team? Seinen Blick hebend, suchte er die braunen Augen vor sich, die ihn mit einem fast listigen Funkeln begrüßten.
"Schön dich zurück zu haben, Cap."
Er war froh, dass Tony ihn nicht mit seinem Namen angesprochen hatte, das hätten seine ohnehin gerade sehr sensiblen Nerven wohl kaum verkraftet. Sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust, als er kurz den Blick senkte und dann nickend zurück lächelte
"Tut gut, wieder hier zu sein."
Schließlich wurde Tonys Tonfall ernster, und für einen Moment hatte Steve das Gefühl, die warmen Hände, die plötzlich auf seinem Arm lagen, zittern zu spüren, als Tony flüsterte: "Geh nicht wieder weg."

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