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"Geht er dir noch immer aus dem Weg?"
Die Sonne ging langsam hinter dem Gelände des Hauptquartiers unter und tauchte die Umgebung in ein rötliches Licht. Steve hatte seine allabendlichen Runden gerade beendet, als Sam sich aus dem Schatten einer Palme löste und ihm entgegentrat.
Seufzend griff der Soldat nach dem Handtuch, das sein bester Freund ihm reichte und schüttelte in deutlicher Ratlosigkeit den Kopf.
"Es sind jetzt fast drei Wochen, Sam. Ich weiß nicht, was ich machen soll."
"Vielleicht war es wirklich nur ein One-Night-Stand von seiner Seite aus."
"Dann sollte er aber auch die Courage haben, es mir zu sagen, oder? Dieses andauernde regelrechte Flüchten, wenn wir auch nur eine Minute alleine in einem Raum sind, ist einfach lächerlich."
"Du hast Besseres verdient", nickte Sam nachdenklich und wartete, bis Steve sich auf die Bank unter den Palmen setzte und der Sonne zusah.

"Wie geht es deiner Familie?"
"Gut. Bucky war eine riesige Hilfe, aber sag ihm das bloß nicht! Ich will nicht, dass der Kerl denkt, ich mag ihn."
Das fast schon verträumte und doch schurkische Grinsen auf Sams Lippen ließ Steve leise lachen. Er hatte bereits von Bucky Barnes gehört, wie nahe seine beiden besten Freunde sich in den letzten Wochen gekommen waren. Und auch wenn es sich für den Soldaten seltsam anfühlte, so war er doch sehr erleichtert, dass beide zueinander gefunden hatten. Er wünschte ihnen nichts als Glück.

Sein Lachen wurde zu einem Lächeln und schließlich zu einem melancholischen Zug um seine Lippen, der Sam den Kopf drehen ließ, so dass er ihm frontal in die Augen sehen konnte.
"Du liebst diesen arroganten, rechthaberischen Mistkerl, Steve. Es wird Zeit, dass du endlich mal die Initiative ergreifst und für deine Gefühle kämpfst."
"Und wie?"
"Du weißt, was Napoleon gesagt hat, oder? Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt."
"Und was soll mir das jetzt sagen? Sam, wenn ich wirklich nur eine Kerbe auf Tony Starks Bettpfosten..."
"Bullshit, Rogers, und das weißt du. Der Kerl ist schon 'ne ganze Weile hinter dir her, und du, mein Freund, bist es auch. Ihr schleicht schon so lange umeinander herum. Oder willst du mir sagen, dass du dieses blöde Mini-Prepaid Handy in Wakanda sogar mit unter die Dusche genommen hast, nur weil Captain America in Dauerrufbereitschaft ist?"

Ein lang gezogener Atemzug ließ Steves Körper in sich zusammenfallen. Er stützte die Arme auf die Ellenbogen und vergrub sein Gesicht darin.
"Ich fürchte, Bruce hat mit seinem Gebrauch von den Steinen etwas in Tony ausgelöst, das erst heilen kann, wenn die Steine endlich vom Erdboden verschwunden sind."
"Wanda und er sind ja dran..."
"Wanda ist vor allem an der Reaktivierung von Vision interessiert. Das hat sie mehr als ein Mal klargemacht."
"Ich sehe da keine Interessenkonflikte."
"Ich schon..."
Die dunklen Augen des Rettungsspringers wurden schmal, als er sich erneut Steve zuwandte.
"Wie meinst du das?"
"Vision war eine mächtige Lebensform. Ihr mehr als ebenbürtig, und sie waren verbunden durch den Stein. Der Vision dort im Labor ist lediglich ein Android, zumindest bisher. Ein zugegebenermaßen sehr intelligenter und lernfähiger Androide, dank dem Algorithmus, den Tony geschrieben hat. Aber eben nicht Vision."
"Du denkst, sie macht ihr eigenes Ding daraus?"

Der ruhige Blick, mit dem Steve seinen Freund betrachtete, ließ diesen frösteln. Allein der Gedanke, dass Wanda den Stein doch für Visions Erweckung nutzen würde, ließ alte, verdrängte Ängste wieder wachwerden.
"Wir behalten sie im Auge. Kümmere du dich bitte endlich darum, dein Liebesleben in den Griff zu bekommen. Tony und du... Ihr verdient endlich zur Ruhe kommen können. Zusammen."
"Danke, Sam." Sanft drückte Steve die Schulter seines Freundes und nickte schwerfällig. Natürlich hatte der Dunkelhäutige recht, dennoch machte es die Situation nicht einfacher.

Wie erwartet hörte er bereits vom anderen Ende des Ganges die laute AC/DC-Musik, die Tony immer laufen hatte, wenn er alleine in der Werkstatt war. Er stand, den Song mitsingend, vor einem Hologramm und klopfte immer wieder, mit dem Schraubendreher in seiner Hand, das Schlagzeugsolo auf der Werkbank nach.
Steve beobachtete ihn ein paar Minuten. Es war eine seltene Kostbarkeit, den Milliardär in seinem Element aufgehen zu sehen. Und etwas in Steve ahnte, dass Rhodey neben ihm der einzige Mensch war, der jemals einen wirklich entspannten, oder gar verletzlichen Tony Stark zu Gesicht bekommen hatte.

Nachdem er tief durchgeatmet hatte, klopfte der blonde Soldat an die Scheibe. Sofort wurde die Musik um ein Vielfaches leiser und das Glas verlor ihre Sicherheitstönung. Tony schluckte sichtbar, gab zögerlich den Befehl, dass Friday die Tür freigeben solle, und legte den Schraubendreher aus der Hand, als Steve die Tür hinter sich leise ins Schloss fallen ließ.

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