Und so verlief das Schuljahr langsam vor sich hin. Ich versuchte mich kläglichst am Unterricht zu beteiligen, mit den tausend Hausaufgaben hinterher zukommen und nicht komplett den Verstand zu verlieren. An manchen Tagen war ich motiviert und hatte ein Gefühl der Hoffnung, dass doch alles gut werden würde. Doch an den meisten Tage siegte die Überforderung und die schier endlosen Gedanken an die Zukunft.
Und nebenbei waren die letzten Tage noch extra ereignisreich gewesen. Ron wurde vergiftet, warum oder von wem wusste niemand. Am Rande konnte ich von den Gesprächen zwischen dem Trio heraushören, dass jenes Gift anscheinend nicht für ihn gedacht war.
Wenig später wurde Harry beim Quidditchturnier gegen Hufflepuff verletzt und musste ebenfalls in den Krankenflügel. Immerhin hatten sich die Drei nun wieder vertragen und sprachen miteinander. Auch wenn ich dennoch mehr allein unterwegs war, als mit meinen Freunden, war die allgemeine Stimmung viel besser. So langsam schien Ron sogar zu bemerken, war für eine fürchterlich anstrengende Person Lavender war.
* * * *
Am Abend traf ich das Trio im Gemeinschaftsraum, Harry winkte mich zu ihnen. „Du magst doch sämtliche Tierwesen oder Nancy?", grinste er mich schief an. Es war das typische Ich-möchte-was-von-dir Grinsen.
„Warum fragst du?" Ich legte meinen Kopf zur Seite. „Hagrids Acromantula ist verstorben und er möchte sie gerne beerdigen. Er hat gefragt, ob wir dabei sein können, aber na ja . . wir wollen nicht", sagte er geradeheraus.
„Es ist gegen die Schulregeln so spät außerhalb des Schlafsaals zu sein", mischte sich Hermine sofort ein.
Es versetzte mir einen Stich, dass sie mich nur auswählten, um nicht selbst zu Hagrid gehen zu müssen. Und anscheinend wäre es in Ordnung, wenn ich die Regeln brechen würde.
„Ich mag Spinnen nicht. Und erst recht keine Riesenspinnen." Ich schüttelte zur Bekräftigung meinen Kopf, machte kehrt und verschwand in meinem Schlafsaal.
* * * *
Einige Tage später ließ ich das Essen ausfallen. Wie so oft. Mal wieder war ich auf der Mädchentoilette verschwunden. Und mal wieder wusste niemand, wo ich war und wie jedes Mal, interessierte es auch niemanden.
Eilige Schritte waren zu hören, gefolgt von einem gequältem Schluchzen. Malfoy war auch wieder einmal da. Ich zog meine Füße hoch auf den Toilettendeckel und presste meine Hand instinktiv vor meinen Mund. Ich wollte nicht, dass er wusste, dass ich ebenfalls hier war.
Dieser Ort war eine Art sicherer Hafen geworden - für uns beide.
Und auch wenn ich nicht wusste warum, aber irgendetwas tief in mir drin tat weh, wenn ich ihn so weinen hörte. Ja, es war Malfoy und ja, er war ein totales Arschloch. Aber er war immer kalt, die einzigen Gefühle, welche er zu kennen schien, waren Hass und Abneigung. Er verhöhnte die meisten Schüler, lief stets mit der Nase Richtung Himmel und hielt sich für den König der Welt.
Doch irgendetwas gab es in seinem Leben, was ihn so fertig machte, so verletzlich und emotional, dass er seine Maske nicht aufrechterhalten konnte und ein ganz anderer Teil von ihm zum Vorschein kam. Etwas, dass ihn veränderte. Etwas, was ihn gebrochen hatte.
Und jenes Gefühl kannte ich nur allzu gut. Es entfachte ein weiteres Gefühl in mir, fast schon sowas wie Mitleid mit ihm. Vielleicht war es auch aufrichtiges Mitleid, doch ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen.
Schließlich war es immer noch Malfoy.
Auf einmal gab es einen lauten Knall, ein Weiterer folgte keine Sekunde später. Die maulende Myrte schrie wild umher, ein weiterer Knall und plätscherndes Wasser waren zu hören. Ich hielt mir die Ohren zu, machte mich so klein wie möglich auf der Toilette. Die Kabinen wackelten vor sich hin. Malfoy setzte zu einem Fluch an, doch sein Gegenüber war schneller.
„Sectumsempra", schrie eine Stimme. Eine allzu bekannte Stimme. Das war Harry. Malfoy schrie schmerzerfüllt auf, ehe es totenstill wurde. Nur das schmerzerfüllte Wimmern des Slytherins durchbrach immer wieder die Stille.
„Nein", hörte ich Harrys Stimme leise neben meiner Kabine. Ich stieß die Tür auf und rannte ihn fast um. Seinem geschocktem Blick folgend, erblickte ich Malfoy auf dem Boden liegen.
Das kaputte Waschbecken füllte den Boden mit Wasser, welches sich allmählich rot färbte. „Das . . Ich wollte . . nicht. Ich weiß nicht . . Ich", stammelte Harry neben mir. Komplett perplex schaute ich zwischen ihm und einem blutendem Malfoy hin und her. „Nancy MACH ETWAS. Bitte", flehte er mich an.
Er stand wahrscheinlich noch mehr unter Schock, als ich es tat.
Heilungszauber. Heilungszauber. Ich erwachte aus meiner Starre, lief schnell und ließ mich neben Malfoy nieder. Sein Oberkörper war in Blut getränkt, sein Gesicht hatte ebenfalls einige Wunden. Mein Magen drehte sich im Kreis, doch dafür war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Reiß dich zusammen Nancy. Heilungszauber.
Ich musste etwas machen oder er würde sterben. Doch mir wollte und wollte nichts einfallen. Verzweiflung machte sich in mir breit, das durfte nicht wahr sein. Malfoys Kräfte schienen ihn langsam zu verlassen. Kräfte - das war es.
„Rennervate", murmelte ich. Immer und immer wieder, meinen Zauberstab auf seine blutige Brust gerichtet. Auch wenn er weiterhin gequälte Geräusche von sich gab, öffnete er wieder seine Augen. Ich war so konzentriert, die Stimmen in dem Raum nahm ich kaum wahr. Plötzlich tauchte ein weiterer Zauberstab in meinem Sichtfeld auf, nun vernahm ich deutlich die Stimme von Professor Snape.
Er sprach schnell und wiederholte immer die gleichen Worte. Die großen roten Flecken auf Malfoys weißem Hemd hörten auf zu wachsen, die Wunden in seinem Gesicht schienen sich vollständig zu verschließen. Seine Atmung wurde flacher und regelmäßiger.
„Gehen Sie", forderte Snape mich mit scharfem Blick auf. Sofort erhob ich mich und lief los, bis ich auf dem Gang war und das Rennen begann. Noch immer war mir unendlich schlecht, mein Körper zitterte und erst als ich in einem verlassenen Korridor zum Halten kam, bemerkte ich die Tränen auf meinem Gesicht.
Harry hätte fast Malfoy getötet.
Ich sollte für ihn die Situation retten und hatte doch kläglich versagt. Es war unser großes Glück, dass Snape aufgetaucht war. Ich hätte fast jemanden sterben sehen, einfach so. Egal ob Malfoy oder nicht, dieser Anblick würde mich noch eine Weile heimsuchen.
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Unbreakable
Fanfic'Zwei gebrochene Herzen sind ein Ganzes' Nancys Leben stellt sich komplett auf den Kopf, als sie ihren Hogwartsbrief bekommt. Eine neue Schule, neue Freunde und auch Feinde sind vorprogrammiert. Und vor allem einer macht ihr das Leben nur zu gerne...
