Get up Johnny Boy

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Ich hörte, wie jemand die Türklinke herunterdrückte und drehte mich der sich öffnenden Tür zu. Ich lag auf meinem Bett in eine Decke eingewickelt, in meiner Hand mein Handy. Es war schon spät und ich war eben erst Heim gekommen, also war ich dementsprechend müde. Ich hatte mir vorgenommen schon bald zu schlafen. Mein Bruder betrat das Zimmer und setzte sich vor mir auf den Boden. Er musste gerade zurück gekommen sein. Er stank nach Alkohol und Zigaretten, doch das war in letzter Zeit fast schon zur Gewohnheit geworden, seit er achzehn war und unsere Mutter nichts mehr dagegen tat.

Ich setzte mich nicht einmal auf, sondern sah ihn einfach aus meiner waagrechten Position aus an. Er war gut gelaunt. Sein lächelnder Mund war von Rotwein in einem dunklen blutrot gefärbt und er sah fast aus wie ein Vampier. Ich freute mich über seine Anwesenheit.  Er lehnte sich nach hinten auf seine Hände und streckte seine Beine auf dem Teppich aus. Seine Bewegungen waren ein wenig plump und seine Augen bewegten sich in verschleierten Bewegungen, so wie man es nur bei Menschen sieht, die schon ein wenig intus haben. Mit einer Hand fuhr er sich durch seine Haare, die er an den Seiten abrasiert hatte.

"Der war schon ein komischer Hase", begann er in ein wenig schleppender Sprache, als wäre ihm seine Zunge im Mund im Weg. Ich folgte seinem Blick. Er sah an meine Wand, an der unter anderem ein Foto von meinem Hasen hing, der anfang des Jahres gestorben war. Ich dachte immer er hasste das Tier. Und er war da, als er starb, weil ich mit unseren Eltern im Urlaub war zu der Zeit. Ich erinnere mich noch an den Spaziergang am Strand nachdem ich erfuhr, dass er nun in der Tiefkühltruhe auf meine Rückkehr wartete. "Ja", lachte ich. Ich war darüber hinweg.

Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf zu sprechen kamen, doch wir redeten über seine Ex Freundinnen. Noch nie hatte ich mit ihm über solche Themen gesprochen. Wahrscheinlich lag das daran, dass ich noch nie mit ihm geredet hatte, wenn er betrunken war. Es störte mich, als er noch eine Flasche aus seinem Zimmer holte, doch ich sagte nichts. Er verfiehl mit jedem weiteren Schluck zusehends. Manche Wörter bedurften ihm sehr viel Anstrengung um sie auszusprechen und er wankte ein wenig, obwohl er saß. Sein Blick schwirrte umher und fokusierte nicht mehr auf die Gegenstände.

Langsam wendete sich die Stimmung. Schleichend überkam mich ein ungutes Gefühl und ich wusste nicht genau woran es lag. Vielleicht daran, dass es mir ungewohnt und unrecht war meinen Bruder so neben sich zu sehen. Vielleicht lag es auch daran, dass das Gespräch immer dunkler wurde. Doch er lachte lauter, je mehr tiefe Einblicke in seine Seele ich bekam. Das Lächeln war in meinem Gesicht eingefroren. Ich hörte seinen Geschichten zu, die ich noch nie gehört habe. Wie konnte es sein, dass ich das alles nicht mitbekommen hatte, wenn er doch schon mein ganzes Leben in dem selben Haus wie ich gewohnt hatte? Wie konnte ich so viel verpasst haben?

"Sie meinte über mich: Der Typ hat überhaupt keine Probleme, außer das, dass er keine hat", erklärte er mir und sah mir in die Augen. Ich versuchte stark auszusehen, unberührt. "Dabei war sie dabei, als ich das an meinem Arm gemacht habe", fuhr er vor und das Lachen, dass er ans Ende setzte verursachte mir eine Gänsehaut. Ich kannte die große Narbe an seinem Unterarm. Ich wusste auch, dass das kein Unfall gewesen sein konnte.

Dauerhaft fuhr er sich durch seine dunklen Haare. Er erzählte mir alles. Alkohol, Drogen, Freundinnen. Die Verzweiflung, die die Luft erfüllte, erdrückte mich beinahe. Und ich legte mein Lächeln nicht ab, behielt meine Maske auf. Ich wollte nicht, dass mein Gesicht zeigte, wie tief mich diese Geschichten trafen, denn sie bohrten ein Loch in mein Herz. Mein Bruder. Der Mensch vor mir verwandelte sich innerhalb einer Stunde in einen komplett anderen.

"Ich habe überhaupt nichts mehr da, seit ich letztens einfach so Nasenbluten hatte. Ich sollte meinen Körper ein wenig schonen. Nur noch ein paar Gramm Speed liegen in meinem Zimmer. So viel, dass es reichen würde mich umzubringen, wenn ich alles auf einmal nehmen würde", kicherte er und fuhr sich erneut durch die Haare, wobei sein Lächeln ein wenig verblasste, doch seine Mundwinkel zuckten schnell wieder nach oben. "Mama hat mir mal alle meine Messer weggenommen, weißt du."

Mein Herz pochte schnell und mein Hirn ratterte auf Hochturen. "Und das beruhigt dich?", hackte ich nach, bedacht darauf ruhig zu klingen. "Was?", verwirrt sah er zu mir. "Dass du genug da hast, dass du dich damit umbringen könntest", erklärte ich. "Ja. Ich brauche das", seine Stimme war gespannt und kurz vorm Überschlagen, als er ein Lachen hervorstieß. Ich imitierte ihn. "Wie kannst du noch lachen?", fragte er mich mit verzerrtem Gesicht. "Ich weiß nicht", erwiderte ich wahrheitsgemäß.

Seine Mimik entspannte sich etwas, als seine Augen sich auf mich fixierten. "Du bist die beste Schwester, die ich haben kann", begann er. "Und ich habe dich lieb." Er kam auf mich zu und umarmte mich. Ich drückte ihn fest an mich. "Ich dich auch", sprach ich in seinen Nacken. Und ich meinte das noch nie so ernst wie in diesem Moment.

Ich hatte Angst. Angst um meinen Bruder. Richtige ehrliche Angst ihn zu verlieren. Ich dachte wirklich er würde seinem Leben jetzt ein Leben setzen, als er sich erhob um den Raum zu verlassen. "Was hast du vor?", hielt ich ihn auf. Er drehte sich mit einem milden Lächeln zu mir um und ich glaubte zu meinen, er wüsste, was ich dachte. "Eine rauchen", antwortete er schlicht.

So ließ er mich zurück. Ich war zutiefst verwirrt und getroffen. Noch nie in meinem Leben war ich so einer Situation ausgesetzt gewesen. Mein Kopf arbeitete auf Hochturen und mein Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken daran, wie es ihm gehen musste und daran, dass es mir vorher nie wirklich aufgefallen war. Er war doch so gescheit, so abgedroschen sich das auch anhören mochte. Er hatte das Abi vor sich und konnte etwas aus seinem Leben machen. Alles stand ihm offen.

Ich hatte ihn nie verstanden. Ich hatte nie versucht ihn zu verstehen. Er hatte sich auch nichts anmerken lassen. Nein, das ist eine Lüge. Ich hatte mich nur nicht genug angestrengt. Ich habe ihn nie gesehen.

Und alles, was ich ihm sagen wollte, war: Steh wieder von dem Boden auf, wo dich die Welt liegen gelassen hat. Ich bin verdammt stolz auf dich. Wir hatten schon so viel Spaß zusammen. Ich brauche dich.

Doch ich sagte nichts. Ich schickte ihm einen Link zu einem Lied und ich hoffe, er hat es sich angehört, dabei an mich gedacht und sich wenigstens für einen Moment besser gefühlt.

Dieses Kapitel widme ich meinem Bruder. Er wird das vermutlich niemals lesen, aber egal. Ich hab dich lieb. Und ich hoffe es macht dir nichts aus, dass ich das hier geschrieben habe.

Ach, bin ich nicht süß?

Stay alive my frens |-/

Twenty One Pilots |-/ OneShotsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt