Onkel

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Ich schaue ihn an. Er regt sich nicht. Schlapp liegt er im Bett und mustert mein Gesicht.
Stille. Peinliches Schweigen.

Das ist also mein Onkel.
Alt und gebrechlich ist er geworden.
Kränklich sieht er aus in seinem offensichtlich viel zu klein geratenem Bett. Schlaff hängt seine Masse herunter und wird nur dürftig von der Decke umfasst in die er dicht eingepackt worden ist. Einzig und allein seine Körpergröße erlaubt einem die Vorstellung das er früher einmal ein Schrank gewesen ist. Doch nun ist nicht mehr viel davon übrig. Erschöpft sieht er aus, so als hätte ihn das Leben völlig mitgenommen.

Kurz räuspert er sich.
„Wie geht es dir?"

Smalltalk also.

„Gut eigentlich.", lüge ich gleichgültig.

„Gut. Das ist gut."

In der unbehaglichen Stimmung kommt ein wenig Zuversicht zum Vorschein.

„Erzählst du mir wie du hierhin gefunden hast?"

„Ich habe deine Nachricht im Wecker gefunden."

Er lächelt. „ Ich wusste das du es schaffst. Du kommst schließlich ganz nach mir."

„Das war aber auch ganz schön raffiniert von dir." Langsam muss ich lächeln da das Eis zwischen uns zu schmelzen beginnt.

„Das stimmt. Trotzdem hat es dich nicht aufgehalten. Ich wusste es sofort als ich dich zum ersten mal sah Sylvia. Du bist eine wahre Kämpfernatur. Und egal was dir in den Weg gestellt wird, du meisterst es. Es gibt selten so starke junge Frauen wie dich."

„Was macht dich so sicher?" Seine Worte lassen mich zweifeln. Woher soll er das alles denn wissen? Er kennt mich doch überhaupt nicht. Nichts an mir. Nur einmal hat er mich gesehen und nun behauptet er all diese Dinge über mich. Das erscheint mir ein wenig übertrieben.

Unbehagen steigt in mir auf.

„Ich wusste es sofort. Du ähnelst ihr zu sehr.", erwidert er ohne auch nur darüber nachzudenken was er mit diesen Worten lostreten könnte. Denn jetzt kriege ich es mit der Angst zu tun. Die nächsten Worte kommen nur zaghaft über meine Lippen da ich die Antwort eigentlich nicht wissen will:„Wem ähnel ich zu sehr?"

„Deiner Mutter."

Die Angst verwandelt sich unmittelbar in bloße Wut: „Du meinst Helen oder?"

„Ja Helen."

Etwas explodiert in mir. Ich kann die auf schäumende Wut nicht stoppen:
„Das ist doch nicht dein ernst? Ich soll ihr also in ihrer Stärke ähneln?!!", belle ich ihm unkontrolliert an. Irgendeine Sicherung ist bei mir durchgebrannt: „Inwiefern ist sie denn stark gewesen?
Als sie ihre Tochter weggegeben hat? Oder das sie nie für mich da gewesen ist???Ich blieb bis gerade eben in dem Glauben Vanessa sei meine Mutter. BIS GERADE EBEN!!!!! Von Helen keine Spur. Wer ahnt denn bitte so etwas?"

Ich koche vor Wut. Hätten mich vorhin im Gespräch mit seiner Frau die Tränen nicht überrant wäre ich ohne Frage genauso ausgerastet. Mir war klar das es nur eine Frage der Zeit war das die Situation hier vollkommen eskaliert. Und er redet über Helen als sei sie meine Mutter.

„Helen ist nicht meine Mutter!!! Sie ist nichts. Sie hat sich nicht gekümmert sogar Liam hat mehr getan als sie!!!", schreie ich wutentbrannt durch die ganze Wohnung. Sein blasses Gesicht hilft mir dabei noch mehr überzuschäumen. Er wusste es die ganze Zeit und er wusste das es falsch war es mir zu verheimlichen. Er hätte es mir vorher sagen können. Aber nein er wartet bis ich von allein zu ihm komme. Was wäre wenn er und seine Frau nicht mehr am Leben gewesen wäre? Oder er aus bezwinglichen Grund umgezogen wäre in ein Pflegeheim oder sonstiges???!! Er liegt ja schon in seinem Totenbett!! Wie also hat er es sich vorgestellt. Das ich zu ihm komme un ja und Amen bete. Und dann sagt er mir das ich auch noch genauso stark sei wie sie. Pah Das ich nicht lache.
Wutentbrannt fahre ich fort:

„SAG MIR doch mal warum Helen stark sein soll deiner Meinung nach??!! Weil sie mir die ganze Funkstille von sich gegeben hat? In der Ruhe liegt die Kraft oder was???!!!"
Ich lache hysterisch, merke da sich kurz vor dem durchdrehen bin. Langsam öffnet er den Mund, will offensichtlich etwas sagen. Doch ehe er anfangen kann komme ich ihm zuvor. Nicht ein Wort möchte ich mehr von ihm hören, weswegen ich einfach fortfahren. Mit plötzlich belegter und irgendwie gruselig gefasster Stimme stelle ich es ein für alle mal klar:
„ Nein dieses mal ist es anders. Sie hat mich verdammt noch einmal nicht haben wollen. Sie ist nicht stark. Stark wäre sie hätte sie um mich gekämpft. Das hat sie aber nicht. Sie hätte um mich kämpfen können, versteht du das??
Liam hat mich Jahre lang ausgenutzt, belogen und unterdrückt doch Helen ist einfach schlimmer. Das einzig gute an dieser Situation ist, dass ich nicht mit Vanessa verwandt bin. Da habe ich verdammt nocheinmal Glück gehabt. Aber auch nur da!! "

Ich bin außer mir vor Wut. Alles in mir droht zu explodieren nicht einmal der traurige Blick von Onkel, der vermutlich jeden etwas beruhigt hätte, sogar sein Anblick zieht an mir vorbei. Ich habe genug. Einfach genug von dem Ganzen. Genug vom Theater. Genug von den Lügen. Genug von der Geheimniskrämerei. Ich muss hier raus.
Sofort nehme ich meine Beine in die Hand und verschwinde aus dem elenden Zimmer der nur noch nach Krankheit riecht. Die Luft ist verpestet, aber auch immer nur an den Orten an denen ich mich aufhalte.

„Sylvia!!", ruft - nein hustet mir mein Onkel nach. Auch seine Frau versucht mich vergebens zurückzurufen. Aber ich bin nicht aufzuhalten. Ich mache die Tür auf und kann es kaum erwarten zum Auto zu gelangen um schnell wie möglich von hier wegzukommen. Doch als ich am Auto ankomme verschlägt es mir erst mal die Sprache. Es kommt so unerwartet das ich alles für den Bruchteil einer Sekunde vergesse.
Lisa und Chase sitzen im Auto auf der Rückbank. Sie sitzt auf ihn und die beiden fressen sich gegenseitig auf als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas gegessen. Mich scheinen sie nicht zu bemerken. Also habe ich auch hier nichts mehr verloren. Ich möchte sie ja nur ungerne stören. Stillschweigend drehe ich mich um und gehe.

doomed fighter- zum Scheitern verurteiltWo Geschichten leben. Entdecke jetzt