Sie drehten sich langsam um. Vor ihnen standen Graf Konstantin und eine ein wenig zerpflückte Izabelle. Ihre Röcke waren durcheinander gebracht und ihre einst schöne Frisur war völlig zerstört. Auch ihre Atmung war nicht regelmäßigen. Amalie musste sich ein Grinsen verkneifen. Es gelang ihr nicht.
„Was kann ich für sie tun, Graf?" Sie blickte zu Thilo, der immer noch an seinen Klamotten rumzupfte. Sie grinste, doch als ihr Blick wieder auf den Grafen fiel, erlosch es. „Würden sie mir verraten, was sie hier mit diesem.." Er ließ den Satz offen und es schien, als würde er nachdenken. Amalies Geduldsfaden war seit dem Essen, weit mehr als nur dünn und leicht reizbar. „Spucken sie es aus, Graf." Sie hatte ihre Arme trotzig vor der Brust verschränkt. Graf Konstantin hob seine Augenbraue, nun gut, sie sollte ihre Antwort haben. „Madame, ich war mir nicht sicher, wie ich ihre Begleitung betiteln sollte, da ich nicht wagte, ihn als Mann zu bezeichnen, denn das wäre eine Beleidigung gegen über meines Geschlechts. Gegenüber eines richtigen Mannes!"
Ihr Blick schweifte zu Izabelle. „Gewiss handeln sie sehr männlich. Allerdings bin ich mir auch deren bewusst, dass sie nicht wie ein Gentleman handeln. Denn sonst hätten sie, die liebe Izabelle, nach dem ersten Handkuss gefragt, ob sie mit Ihnen auf den Ball gehen mag und wären nicht weiter gegangen. Nicht wahr? Und meinen Sie nicht, dass ein richtiger Mann auch ein Gentleman ist? Und wenn sie damit meinen, dass Thilo dieser Art von Männlichkeit nicht besitzt, kann ich ihn nur beglückwünschen!"
Nun räusperte sich Izabelle. „Woher willst du denn Wissen, dass wir intim geworden sind?" Amalie ließ ihren Blick wieder über Izabelle gleiten. Und grinste. „Oder dass er mich nicht gerade fragen wollte, du uns dann aber gestört hast."
Alles Lachen, was vorhin noch ihr schönes Gesicht geschmückt hatte, war wie weggewischt. Ihre Stimme war kalt. „Wie kommst du denn zum Du, Izabelle? Vergiss nicht, mit wem du hier sprichst! Ich bin immer noch über dir, weit über dir und wenn ich wollen würde, könnte ich dich die ganze Zeit in meiner Nähe behalten und dir das Leben zur Hölle machen." Amalie war ein Schritt vorgetreten. „Nur weil ich früher nichts gemacht habe, heißt das nicht, dass ich dieses Mal nichts tun würde." Die Luft ums sie herum war zum Zerreißen gespannt. Ihr wurde alles zu viel, sie musste hier weg. Ohne dass sie es wollte, traten Tränen in ihre Augen.
„So meine süße Amalie, dann wollen wir mal wieder, nicht war? Die Kleider tragen sich schließlich nicht von selbst aufs Anwesen."
Amalie lächelte ihn liebevoll an. Thilo wusste immer genau zur richtigen Zeit wann er was sagen musste. Er hatte sich in ihr Leben geschlichen und jetzt konnte sie sich keins mehr ohne ihn vorstellen. Graf Konstantin schnaubte: „Ein weibischer Mann ist unendlich unerträglicher als ein männliches Weib." Bei dem letzten Teil des Satzes ruhte sein Blick auf ihr. Ihre Augen weiteten sich. „Falls sie das nicht kennen, vereehrte Amalie, dies ist Lyrik und von Gottfried von Hippel."
Kälte Wut breitet sich in ihr aus. Jeder noch so kleinste Teil in ihr füllte sich mit diesem Gefühl. Ihr eingefrorenes Lächeln wandte sich. „Männliche Dummheit bereitet mir großes Vergnügen. Gott sei Dank ist das eine schier unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung."
Nun war es Graf Konstantin dessen Augen sich weiteten.
„Dies ist doch gewiss von einer Frau geschrieben worden. So etwas lese ich nicht!"
Ihr Blick war abschätzig, als sich ihre Augen ineinander verhakten.
„Was sie nicht sagen. Hätten sie so etwas nämlich gelesen, hätten sie womöglich einen Blick auf das große Ganze werfen können und wären nicht so eingeschränkt in ihrer Sichtweise."
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Amalie
Historical FictionEr blickte sie an, doch Amalie erwiderte nichts. Sie versuchte sich mit versteinerter Miene auf die Ansprache, die ihr Vater gerade hielt, zu konzentrieren. Er beugte sich etwas zu ihr nach vorne, so dass sie einen zarten Duft von Zedernholz wahrnah...
