Wieder einmal lief Amalie, blind vor lauter Tränen, die langen Gänge entlang. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es sich von innen zersetzten. Als würde es selbst nichts mehr fühlen wollen. Das Gift der Gefühle, bahnte sich einen Weg durch ihre immer noch hoffnungsvollen Augen. Womöglich tat es ihm wirklich leid. Aber Amalie kannte solche Menschen, solche Menschen achteten nicht auf andere und bereuten auch nicht. Solche wie ihn gab es viele am Hof. Konstantin war einer von ihnen. Das einzige, was sie in ihren Augen wichtig war, waren ihre eigenen Vorstellungen, Wünsche und Leidenschaften. Aber wo sollte sie bloß hin? Thilo würde das womöglich nicht verstehen und diese Blöße wollte sie sich vor ihm nicht geben. Wie von selbst trugen ihre Füße sie zu den Räumen von ihrer geliebten Schwester.
Vorsichtig klopfte sie gegen die Tür. Von innen war ein leises Fluchen zu hören und wäre Amalie nicht so aufgelöst über die Geschehnisse gewesen, hätte sie sicher gelacht. Es kam schließlich nicht oft vor, dass man eine Dame aus diesem Haus so fluchen hören konnte. Die Tür wurde von einer, sich am Kopf reibenden Farah geöffnet. Sie sah Amalie aus geröteten Augen an und zog sie mit sich hinein. "Oh Gott, mein Engelchen, was ist den los?" Amalie brach schluchzend in ihren Armen zusammen. Ihr schlanker Körper wurde von aufkommenden Schluckauf geschüttelt. Ihr bitterliches Weinen war sich auch ein Grund dafür, warum auch Farah sich etwas geschockt mit Amalie auf den Boden gleiten ließ. So zusammen liegend, sahen sie aus wie ein wunderschönes Renaissance-Gemälde, vieleicht von Tizian oder Veronese. Sicherlich verband man diesen Anblick mit einem dieser Gemälde, weil man den Schmerz beider, auch nur durch einen Wimpernschlag, hätte wahrnehmen können. Ihre Gesichter waren vom Leid gezeichnet und ihre Augen zum Himmel emporgerichtet, als würden sie darum bitten, vom Schmerz befreit zu werden. Sie weinten um sich und um all den Schmerz, den sie hatten ertragen müssen. Amalie hob mit bebender Unterlippe ihre Hand und wischte ihrer Schwester die vielen Tränen weg. Vom vielen Weinen waren ihrer beider Augen und Wangen gerötet. Bevor diese aber zu einem Satzt hätte ansetzen können, fing Farah an zu sprechen. "Oh Amalie. Amalie! Ich habe uns alle entehrt, in den Schmutz gezogen. Ich habe uns alle unwürdig gemacht. Es tut mir so leid.. und.. und dabei hat doch gerade alles so gut zwischen dir und Konstantin funktioniert und jetzt ist wahrscheinlich alles vorbei! Er will mich bestimmt nicht mehr! Dabei wollte ich es doch beenden." Ihre Schwester sah sie aus Tränen verhangenden Augen an. Doch sie blickte nur in die verwirrten Augen von Amalie. "Ich verstehe nicht ganz Farah, was ist passiert, erzähl es mir!" Erwartungsvoll sahen sich beide an. Doch aus der einen Schwester trieben Trauer und Schamgefühl die Worte heraus. "Versprich mir erst, dass du mich nicht hassen wirst und bitte, bitte hör mich bis zum Ende an." Nickend bat sie Farah fortzufahren.
Unter Tränen fing sie an zu erzählen. "Er hat uns gesehen. Er hat alles gesehen. Ich wollte ihn doch nur noch einmal sehen. Nur noch einmal berühren. Danach wollte ich alles beenden und alles nur noch richtig machen. Das musst du mir glauben... Aber dann hat er uns gesehen und er wird es sicher erzählen und dann kannst du nicht mehr-" Ein Schluchzen zerriss ihr die Worte in der Kehle. Unverwandt sah Amalie Farah an. "Von welchen Menschen redest du, Liebes? Wer soll dich verraten und uns in den Dreck ziehen? Und bitte sag mir, was ich nicht mehr tun kann!" Die Tränen in Amalies Augen waren schon verebbt. "Es ist Thilo, Amalie. Thilo-" Sofort wurde sie unterbrochen. "Nein! Thilo würde dich niemals verraten. Er ist nicht so! Egal was du getan hast und mit wem. Ich kenne ihn!" Voller Überzeugung ihrer Worte sah sie Farah an. Sie musste sich keine Sorgen machen, wenn es darum ging, dass Thilo nichts verraten solle. Ihre Stimme hatte kaum einen Klang, geschweige denn ein Festigkeit. "Ich weiß, dass er niemals etwas verraten würde. Er ist viel zu gutartig dafür! Er ist ein Freigeist.. er würde alles verstehen!" "Woher weißt du denn bitte, wie Thilo ist? Du kennst ihn doch gar nicht-" Alle Gesichtszüge entglitten ihr. "Du, du magst ihn doch nicht.. du bist nicht so. Nein!" Wieder sammelten sich Tränen in ihren Augen. "Bitte verzeih mir das, Amalie. Es ist einfach so passiert. Das musst du mir glauben!" Sie wollte nach ihrers Schwesters Hand greifen, doch sie Griff ins Leere. Amalie war ruckartig vom Boden aufgestanden. "Du.. du.. du hast nicht nur Eugen betrogen, sondern auch mich! Warst du nicht die, die mir sagte, dass er der falsche Umgang für mich wäre und ich mir lieber Mädchen vom Hof suchen sollte. Das ich nichts mit ihm machen solle! Ich meine Farah, er ist mein bester Freund, mein einziger Freund und du meine Schwester. ..Bitte Farah.. bitte sag mir, dass das nicht wahr ist." Sie schluchzte. "Sag mir, dass ich etwas falsch verstanden habe. Sag mir, dass ihr das nicht getan habt. Dass ihr mich nicht die ganze Zeit angelogen habt!" Eine Pause entstand in der sie einander einfach nur anstarten. "Es tut mir leid."
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Amalie
Historical FictionEr blickte sie an, doch Amalie erwiderte nichts. Sie versuchte sich mit versteinerter Miene auf die Ansprache, die ihr Vater gerade hielt, zu konzentrieren. Er beugte sich etwas zu ihr nach vorne, so dass sie einen zarten Duft von Zedernholz wahrnah...
