Scheidung

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Hannah:

Axel zeigte sich mit der Scheidung einverstanden, aber er war verständlicherweise gar nicht davon begeistert, dass Hannah mit den Kindern wegziehen wollte. „Du kannst mir doch nicht die Kinder wegnehmen," sagte er aufgebracht. „Das will ich auch nicht, aber ich kann hier nicht mehr wohnen." Schließlich gab Axel nach. „Aber wenn es überhaupt nicht funktioniert und vor allem, wenn die Mädchen unglücklich sind, dann müssen wir das noch einmal diskutieren." „Ja, natürlich. Es ist mir doch auch am Wichtigsten, dass Emma und Leni glücklich sind."

Als Hannah nach Hause kam, fühlte sie sich vollkommen ausgelaugt. Das Gespräch war emotional sehr anstrengend gewesen. Sie legte sich in die Badewanne, aber selbst das heiße Wasser, dass sie immer wieder nachlaufen ließ, schaffte es nicht, die innere Kälte zu vertreiben. Hannah hatte das Gefühl, dass sie sehr viel verloren hatte, als ihre Ehe. Axel war der Mann, in den sie sich verliebt hatte. Er war ihr auch immer ein Freund gewesen. Aber als sie sich gegenüber gesessen waren, hatte es sich angefühlt, als würde sie mit einem Fremden am Tisch sitzen.

Am allermeisten Sorgen machte sich Hannah um das Gespräch mit ihren Töchtern, dass sie noch führen musste. Was sollte sie machen, wenn sich die beiden absolut weigerten umzuziehen? Wenn sie lieber bei ihrem Vater bleiben wollten, als mit ihr umzuziehen? Sollte sie dann doch hierbleiben? Oder mit ihnen gegen ihren Willen umziehen? Auf keinen Fall würde sie ohne Leni und Emma weggehen.

Am nächsten Nachmittag kam Axel und die ehemalige Familie setzte sich im Wohnzimmer zusammen. Hannah und Axel versuchten Emma und Leni so gut wie möglich zu erklären, warum sie sich trennten, was das bedeutete und was die Pläne für die Zukunft waren. „Wir wollen hier nicht weg!" sagte Emma und haute einmal auf den Couchtisch. Es war ein sehr langes Gespräch und es gab nicht nur bei den Mädchen Tränen. Hannah fühlte sich unendlich schlecht. Wegen ihr waren die beiden jetzt so unglücklich. Sie hatte diese Familie zerstört. Wenn sie nicht mit Paddy geschlafen hätte, dann hätte sie vielleicht nicht den Drang verspürt, ihr Leben zu ändern. Dann wäre ihr vielleicht nicht bewusst geworden, dass es so nicht weitergehen konnte. Dann wäre sie vielleicht mit ihrer Ehe noch zufrieden gewesen. Aber nun musste sie mit diesen Konsequenzen leben und dadurch auch ihre Kinder, die ja gar nichts dafür konnten. Hannah fühlte sich wie eine ganz schreckliche Rabenmutter.

In dieser Nacht hatte sie zwei heulende Häufchen Elend in ihrem Bett, die sie beide anflehten nicht umzuziehen. Hannah lag noch lange wach, auch nachdem links und rechts von ihr schon wieder leise geschnarcht wurde. War alles falsch, was sie tat? Sollte sie doch einfach hierbleiben? Hier hatte sie einen Job und die Kinder waren glücklich. Sie könnte sich doch irgendwie mit Axel arrangieren. Sie könnte mit Emma und Leni in eine kleinere Wohnung ziehen und Axel könnte sich auch eine kleine Wohnung suchen. Vielleicht sogar in der Nähe, dann müssten die Mädchen nur von einer Wohnung zur anderen gehen und nicht anderthalb Stunden mit dem Auto durch die Gegend gefahren werden. Hannah wusste nicht, was richtig war. Sie hatte ihren Job noch nicht gekündigt. Sie hatte sich noch gar nicht wirklich informiert, ob sie überhaupt einen Job finden könnte und auch nach Wohnungen hatte sie nur sehr oberflächlich geschaut. War das einfach ein Schnellschuss, weil sie vor ihrem eigenen Fehler, ihrem schlechten Gewissen fliehen wollte?


Paddy:

Endlich zurück aus Berlin. Paddy mochte Berlin, aber er war auch immer froh, wenn er wieder zurück bei Joelle in ihrem Haus in Niederbayern war. Er genoss die Natur rundherum. Als allererstes, wenn er zurück war, ging er immer eine große Runde spazieren. Heute begleitete ihn Joelle und erzählte ihm begeistert von einem neuen Auftrag, der ihr angeboten worden war. „Das hört sich ja wirklich toll an." „Ja, oder? Das heißt aber auch, dass ich dich nicht die ganze Zeit in London begleiten kann. Aber wie ich dich kenne ist das sowieso nicht so schlimm, oder? Du brauchst doch eh deine Ruhe, damit du 30 Stunden am Stück im Studio stehen kannst." „Bin ich echt so schlimm?" Paddy sah Joelle ernst an. „Nein. Du bist halt immer sehr konzentriert auf das was du tust. Aber solange du dich zwischendurch auf mich konzentrierst, ist alles in Ordnung." „Du stehst doch immer bei mir an erster Stelle. Du merkst es vielleicht nicht immer, aber hier, hier bist du immer die Erste." Paddy klopfte sich auf die Brust, an die Stelle, wo ungefähr sein Herz sein müsste. „Das hast du aber schön gesagt. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken Texte zu schreiben." Joelle zwinkerte ihm zu und grinste. „Das ist ja eine gute Idee. Vielleicht sollte ich das tun." Sie lachten sich an und spazierten Hand in Hand durch den Wald. Paddy fühlte sich glücklich.

Er war so froh, dass er fast durch war mit den vielen Terminen. So sehr er die Musik liebte, so gerne er im Studio stand und so sehr er es genoss auf der Bühne zu stehen, so sehr hasste er das ganze Drumherum. Manchmal regte ihn das alles so auf, dieses ganze künstliche ‚Ach, wie schön dich zu sehen! Ich finde deine Musik jetzt so toll! Blablabla', dass er kurz davor war, alles hinzuschmeißen und nur noch zum Vergnügen Musik zu machen. Aber was nützten die schönsten Songs, wenn sie niemand zu hören bekam? Paddy wollte mit seiner Musik Menschen erreichen und etwas in ihnen bewegen.

Ein einziger FehlerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt