Als er zum zweiten Mal an jenem Tag erwachte, musste er feststellen, dass seine Schmerzen schwächer geworden waren. Ja, sie waren noch da, er vernahm das dumpfe Pochen und das grauenvolle Stechen weiterhin, doch es war anders als zuvor. Er konnte wieder sehen, der Schmerz schnürte ihm nicht mehr die Luft ab. Noch immer hatte sich die Szenerie nicht verändert. Noch immer blickte er an eine hohe Decke aus Erde, an den Stützbalken baumelten getrocknete Kräuter, der Geruch von Regen hing in der Luft, so wie immer. Er liebte diesen Ort, er war Versteck, Ruhequelle und Abendteuer in einem. Man konnte ihn gar nicht nicht lieben, zumindest war er selbst dieser Ansicht. Niemals könnte es einen Platz auf der Welt geben, der ihm so sehr das Gefühl von Frieden und Heimat vermitteln würde wie dieser hier.
Unter einiger Anstrengung setzte er sich auf, doch noch bevor er irgendetwas anderes tun konnte, wurde er von hinten an den Schultern gepackt und fuhr zusammen. Diese Finger, die tausendmal wärmer waren als seine eigene Haut, waren ihm fast so vertraut wie seine eigenen.
„Geist!" Er zuckte erneut aufgrund der lauten Stimme und wandte den Kopf zur Seite, doch es tat so sehr weh, dass er leise zischte. Sie ließ ihn augenblicklich los, kam um das Bett herum und musterte ihn, kurz bevor sie ihn wieder an den Schultern nahm, als hätte sie Angst, dass der Geisterjunge verschwinden würde, wenn sie ihn nicht festhielt. Er lächelte Gift an, müde, aber glücklich. Sie war da, ihr ging es gut, das war offensichtlich. Das war alles, was zählte.
„Hallo, Gift. Ich hoffe, ich habe dich nicht allzu sehr..."
„Ich dachte du wärst tot!" Bei jedem Wort schüttelte sie ihn heftig, bis es ihm gelang, sich loszumachen und ihre Hände festzuhalten. Er konnte nicht verhindern, dass ein heiseres Lachen seiner Kehle drang. „Dachte ich auch. Aber eins sag ich dir, dafür tut mir alles viel zu sehr weh."
„Das hast du auch verdient! Du kannst mir doch nicht so einen Schrecken einjagen und dann so tun, als wärst du nur mal kurz Milch holen gegangen!" Er öffnete den Mund, um ihr eine beschwichtigende Antwort zu geben, doch die Hand, die mit Wucht auf seiner Wange landete, hielt ihn davon ab, irgendein Geräusch von sich zu geben. Der metallische Geschmack von Blut machte sich in seiner Mundhöhle breit und er musste achtgeben, nicht zu würgen. An sich war er noch nie anfällig für sowas gewesen, doch der Angriff der Tiefsee hatte seine Spuren hinterlassen. Er beschwerte sich nicht, rieb sich nur über das Gesicht und schüttelte leicht den Kopf. Obwohl das Schmerzmittel, dass Gift ihm verabreicht haben musste, seine Verletzungen betäubte, spürte er ein Ziehen in der Schulter und hörte auf, sich zu bewegen.
„Ich schätze, das habe ich wirklich. Aber habe ich den zusätzlichen Schmerz jetzt wirklich auch noch verdient?" Erst jetzt schien sie zu merken, dass der Schlag fester gewesen war als geplant. „Nein. Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid! Ich wollte dir nicht wehtun! Geht's?" Nun durchzog doch die dauerhaft unterdrückte Panik ihre Stimme. Er wollte mit den Schultern zucken, sie irgendwie mit dieser Bewegung besänftigen, unterließ es dann jedoch und antwortete lieber. Sprechen fiel ihm so viel leichter als bewegen. „Schon gut, du hattest ja recht. Ich versuche, in nächster Zeit keinem Mord zum Opfer zu fallen."
„Das will ich dir auch geraten haben!" Und dann schlug ihre Stimmung plötzlich von Wut und Angst um und sie drückte ihn so fest an sich, dass er fast glaubte, seine Knocken bedrohlich knacken zu hören. Gifts Haar strich über die Stelle, die von ihrem Schlag gerötet war. Oder war sie aus einem anderen Grund rot? Er war sich nicht ganz sicher.
„Mach das nie wieder.", flüsterte sie, jetzt zitternd und auf einmal viel weniger selbstbewusst als sonst, „Geist, bitte. Du darfst dich nie wieder in so eine Gefahr bringen. Ich hatte so Angst, dich zu verlieren. Ich dachte ... ich dachte, dass ich es nicht schaffen würde, dich zurückzuholen. Du darfst nicht einfach gehen und mich hierlassen, hast du das verstanden?" Ihre Lippen berührten fast sein Ohr, es war, als würde sie in ganz normaler Lautstärke mit ihm sprechen, so gut verstand er sie. Er ignorierte den Schmerz und drückte sie fest an sich, als wäre sie die Verletzte und nicht er.
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Elfenring
Romance(Teil zwei der Reihe. Band eins: Elfenkuss) Die Welt scheint perfekt: Madoc hat seine Pläne aufgegeben und sitzt im Turm des Vergessens, das Geheimnis um Crystals Vergangenheit wurde gelüftet und die Hochzeit ist gerade in Planung. Doch ein Schatten...
