Cardans Sicht:
Als ich langsam aus meinen wirren Träumen in die Realität zurückkehrte, war es leider das unerträgliche Summen in meinem Hinterkopf, das mich wirklich wach werden ließ. Es lag nicht etwa wie sonst daran, dass ich mal wieder zu viel getrunken hätte, ich wünschte, das wäre der Fall gewesen. Aber nein, das war es nicht. Es war der fehlende Schlaf. Ein Blick zu dem in die Korallenwand geschlagenen und mit goldenen Tangvorhängen verdeckten Loch, das als Fenster diente, verriet mir, dass es früher Abend sein sollte. Dementsprechend war ich vor etwas mehr als vier Stunden in dieses aus dem großen Fels herausgearbeitete Bett gefallen.
Man hätte denken können, dass die Tiefsee ein düsterer und kalter Ort wäre und auch ich hätte wohl den Mund nicht mehr zubekommen, als ich vor einigen Tagen hier angekommen war, hätte Casia mit nicht schon oft davon erzählt, wie es hier eigentlich aussah. Düster und kalt, von wegen. Phosphoreszierende Algen und Korallen erhellten die Finsternis, die Schuppen der Bewohner warfen, spiegelten und brachen jeden noch so kleinen Lichtschimmer, auf magische Weise glühende Perlen tauchten die Unterwasserwelt in ein weiches, unnatürliches Licht. Die Häuser aus Korallen, Muscheln und durch die Gezeiten verformten Felsen waren zumindest an den Orten, die ich auf der Reise hierher durchquert hatte, wunderschön und fast ausschließlich majestätisch anzusehen. Ja, man konnte eigentlich sagen, dass es hier unten so schön war, wie an der Oberfläche.
Aber natürlich schloss das nicht nur die positiven Dinge ein. Das hier war ein Elfenreich und so wie alle Elfenreiche barg der schöne Schein noch viel mehr Gefahren als man es für möglich halten würde. Ich sah die Abgründe, die nicht erleuchtet wurden, weil sie selbst für das Meervolk zu kalt und zu unsicher waren. Ich sah die Flüche, mit denen die Schwellen der Häuser belegt waren, um ungebetenen Gästen ein Ende zu machen. Ich sah die Wachen, die mich jedes Mal aufs Neue zu einem anderen Ort brachten, an dem die Verhandlungen fortgeführt wurden, damit ich mich hier schwerer zurechtfand und ich wusste auch, dass sie nicht zu meinem Schutz da waren, sondern um mich bei Bedarf aus dem Weg zu räumen. Ich sah die Blicke, mit denen mir Bewohner der Tiefsee folgten, das kalte, hasserfüllte Glänzen in ihren weißen Fischaugen. Ich sah, dass Orlagh mehr als nur zufrieden damit war, dass ich von ihrer Gunst abhängig war, wenn ich nicht wollte, dass sie den Zauber, der mich vor dem Ertrinken bewahrte, aufhob. Ich würde mir nichts vormachen. Dieses Land war tödlich, vielleicht sogar noch tödlicher als Elfenheim, besonders für mich.
Das Gefühl, dass etwas fehlte, brachte mich schließlich dazu, mich zum Aufstehen aufzuraffen. Ich vermisste die Körperwärme und allgemeine Anwesenheit einer ganz gewissen Person und das nicht zum ersten Mal. Und so hatte ich es mir angewöhnt, jedes Mal, wen ich erwachte, durch das Fenster hindurch und zur Wasseroberfläche hinaufzublicken.
Anhand des wenigen Lichtes, das hindurchfiel, hatte ich inzwischen gelernt zu erkennen, welche Tageszeit wir eigentlich hatten. Zwar reichten die Strahlen von Sonne und Mond selbst zu der Zeit, in der sie am Höchsten standen nicht einmal an die gewundenen, mit Perlmutt überzogenen Turmspitzen des Palastes, doch immerhin halfen sie mir, mein Zeitgefühl nicht komplett zu verlieren. Allein das fiel mir in der Tiefsee schwer und die Tatsache, dass man sich hier fühlte, als wäre man schwerelos und gleichzeitig Probleme damit hatte, sich schnell zu bewegen, machte es nicht besser. Es war offensichtlich, dass ich nicht hierhergehörte, denn im Gegensatz zu mir hatten die Meerelfen scheinbar keinerlei Probleme in diese Richtung.
Ich warf einen Blick in den Spiegel neben dem Fenster und versuchte, meine Haare etwas zu glätten. Wie von selbst hörte ich, wie ihr laternenhelles Lachen hinter meinem Rücken erklang. Cardan, du weißt doch, dass das im Wasser nichts bringen wird., erklang die Stimme in meinem Kopf, die wie Crystal klang. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass sie nicht wirklich hier war.
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Elfenring
Romance(Teil zwei der Reihe. Band eins: Elfenkuss) Die Welt scheint perfekt: Madoc hat seine Pläne aufgegeben und sitzt im Turm des Vergessens, das Geheimnis um Crystals Vergangenheit wurde gelüftet und die Hochzeit ist gerade in Planung. Doch ein Schatten...
