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Shania


Schweigend schaue ich zum Eingang hinaus. Seit einiger Zeit warte ich bereits sitzend auf einem Hocker in der Nähe eines Nestes und warte darauf, dass etwas geschieht. Doch da draußen rührt sich nichts. Es ist bereits Nacht, bestimmt kurz vor Mitternacht. Als ich gähne und mir dann auch noch fast die Augen zufallen, bemerke ich erst, wie müde ich bin. Die letzten Stunden habe ich damit verbracht, alle Orni, die hier untergebracht worden waren, von ihrer Krankheit zu befreien. Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt, denn niemand ist mehr krank.

Mit müdem Blick schaue ich auf das Nest neben mir. Die dankbaren Orni haben mir Geschenke gebracht. Vor allem die Eltern der todkranken Kinder waren sehr großzügig. Edelsteine, Lebensmittel, Blumen, Geld, sogar ein paar Pfeile haben sie mir gegeben, alles liegt nun in der Schlafstelle zu meiner Rechten. Allerdings weiß ich nicht, was ich mit all den Gaben anfangen soll.

Plötzlich höre ich Schritte. Augenblicklich hebe ich den Kopf und schaue erwartungsvoll zum Eingang. Teba und eine rosafarbene Orni betreten die Raum. Stumm blinzle ich die beiden an.

»Kaneli lädt dich dazu ein, eine Weile in unserem Dorf zu bleiben. Er hätte es dir gerne selbst gesagt, aber er ist im Moment recht beschäftigt«, berichtet mir der silbergraue Orni, als er nähertritt.

Die pinke Orni-Dame folgt ihm und kommt hinter dem Krieger zum Stehen. Schweigsam schaut sie auf mich hinab. Gebannt starre ich zurück. Die geflügelte Frau besitzt ein rosafarbenes Gefieder, vom Hals über den Bauch bis zu den Oberschenkeln sind ihre Federn weiß. Ihre blauen Augen haben etwas Gütiges. Gerade im Moment bläst der Wind in die Behausung hinein und spielt sanft mit dem langen pinken Haar der Vogelfrau. Dabei bemerke ich ihre großen goldenen Ohrringe. Auch Saki trägt eine für die Vogelmenschen offensichtlich typische Bekleidung, ein hellblauer Rock und ein cremefarbenes Oberteil. Beides ist mit dünnen, braunen Lederriemen befestigt, damit nichts verrutschen kann.

»Du bist sicher müde, nachdem, was du geleistet hast«, meint Teba zu mir. »Wir bringen dich in deine Hütte. In der kannst du solange wohnen, wie du möchtest. Wenn du hierbleiben willst, versteht sich...«

Erst jetzt bemerke ich, dass Teba mir einen hoffnungsvollen Blick zuwirft. Ich war so gebannt von der Gestalt des weiblichen Vogelmenschen, dass ich zunächst gar nicht realisiert habe, dass die Orni offensichtlich wollen, dass ich bleibe. Möchte ich das denn? Eigentlich möchte ich viel lieber zum Stall zurück. Die Orni-Frau, die meinen unschlüssigen Blick offenbar bemerkt hat, tritt einen Schritt vor, sodass sie direkt neben Teba steht.

»Wir würden uns geehrt fühlen, wenn du eine Weile bei uns bleiben würdest. Schließlich verdanken wir dir so viel. Lass dir von uns etwas Gutes tun!«, höre ich die gefiederte Frau sagen.

»Das ist übrigens Saki!«, stellt Teba sie vor und legt einen Flügel um ihre Schulter. »Meine Frau.«

Oh, das hätte ich mir eigentlich denken können. Also Tulin sieht mit dem grauen Gefieder seinem Vater sehr ähnlich, aber die Augen hat er eindeutig von seiner Mutter.

»Ich danke euch sehr für eure Gastfreundschaft«, bemerke ich mit sanfter Stimme, aber auch mit einem skeptischen Unterton. »Aber gibt es außer eurer Dankbarkeit noch einen Grund, warum ich bleiben soll?«

Körper an Körper blicken sich Teba und Saki unsicher an. Ich mag zwar meine Erinnerungen verloren haben, aber ich bin nicht dumm. Man erkennt doch ganz genau, dass die Orni mich noch brauchen. Warum, weiß ich allerdings nicht.

»Also...«, beginnt Teba und entfernt sich etwas von seiner Gattin. »Die Krankheit ist nicht unser einziges Problem. Außerdem haben wir noch so einige Verletzte, die deine Hilfe brauchen könnten. Wir könnten so etwas wie einen Schutzgeist brauchen.«

Soulhunter 1 - Buch des Windes (Revali x Shania)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt