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Revali


Nachdem ich Shania zurück in ihr Haus gebracht habe, um sich auszuruhen, schaue ich bei Hertis vorbei, um meinen Bogen warten zu lassen. Die Sehne muss wieder nachgezogen und das Holz an manchen Stellen ausgebessert werden. Außerdem habe ich einen besonderen Pfeil in Auftrag gegeben, den ich heute gleich abholen möchte. Während ich Hertis machen lasse, lehne ich mich gegen die Holzwand und warte. Ich verschränke die Flügel und muss unentwegt an diese naive Hylianerin denken.

Was hat sie sich bloß gedacht, als sie auf die rutschigen Felsen geklettert ist. Sie hätte sich umbringen können. Für eine Auserwählte ist sie ziemlich unvorsichtig. Mich wundert es, dass sie so lange überlebt hat. Aber andererseits war es recht unterhaltsam ihr zuzusehen, dieser ehrgeizige Blick, dieses abenteuerliche Lächeln. Sie wollte sich unbedingt beweisen. Ich habe es an ihren Augen erkannt. Doch das war es nicht wert, sie hätte sich fast die Rippen gebrochen oder das Genick, wenn ich sie nicht aufgefangen hätte. Zum Glück habe ich schon allmögliche Prellungen geheilt, allen voran an mir selbst. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich beim Üben gegen die Felsen geschlagen bin. Mein Körper ist robust, abgehärtet vom täglichen Training. Doch bei Shania ist es etwas anderes. Ich bin ihr Beschützer und außerdem... ich will nicht, dass ihr etwas passiert.

Plötzlich reißt mich der Arbeitslärm des Bogenbauers aus meinen Gedanken. Mit ausdruckslosem Blick schaue ich Hertis dabei zu, wie er mit seinen Werkzeugen an meinem Bogen hantiert. Seine Frau, Araya, ist vor drei Jahren an einem tragischen Unfall gestorben. Sie hat einen Felsen übersehen und sich das Genick gebrochen. Es war ein Schock für alle, ganz besonders für Hertis und der kleinen Molly.

Die Bewegungen, die der Bogenbauer an dem Adlerbogen vollzieht, erinnern mich daran, wie ich Shanias Prellungen eingesalbt habe. Sie hat eine so glatte Haut, ganz anders als bei uns Orni. So warm und ohne Federn. Es fühlte sich angenehm an, sie zu berühren. Allerdings konnte ich es nicht wirklich genießen, denn ich war ständig darum bemüht, nicht ihren Busen anzustarren. Ich konnte bereits spüren, wie sich mein Gefieder wieder aufzuplustern begann, etwas, das in letzter Zeit recht häufig passiert. Es wirkt geradezu, wie eine elektrische Energie, die von der Hylianerin ausgeht, jedes Mal, wenn sie mich berührt. Der blöde Wind... letztes Mal hätte er mich fast in sie hineingeweht, als Shania unbedingt dieses Wollhorn beobachtet wollte. Und dann beim Abendessen... Musste Tulin ihr unbedingt den Flügel fast ins Gesicht schlagen? Nur deswegen hat sie sich auf mich draufgesetzt. Aber irgendwie... Ich war überrascht, aber... Nun ja, es war mir nicht unangenehm. Eigentlich mag ich es, sie in meiner Nähe zu wissen, doch jedes Mal, wenn sie mich berührt, passiert eben das. Und ich kann es mir selber nicht wirklich erklären, warum das so ist.

»Hertis, mein Freund, hast du den Bogen für Tulin schon fertig?«, höre ich plötzlich jemanden den Bogenbauer fragen.

Verdutzt schaue ich vom Boden auf, den ich soeben ganz gebannt angestarrt habe. Vor Hertis Werkbank steht mein Bruder. Der dunkle Orni hebt seinen Blick von meinem Bogen und hält in seiner Arbeit inne. Hertis nickt.

»Klar, Teba! Ich bin gestern damit fertig geworden«, berichtet ihm der Bogenbauer. »Ich hole ihn schnell aus dem Nebenzimmer. Bin gleich wieder da.«

Augenblicklich erhebt sich der Orni von seinem Platz und verschwindet aus dem Raum. Teba dreht sich zu mir um. Er erhebt seine Augenbrauen und blickt mich ganz merkwürdig an.

»Guten Tag, Revali!«, beginnt er ganz normal. »Ich habe gehört, Shania hat sich heute beim Training verletzt. Ist alles in Ordnung mit ihr?«

Ich nicke kaum merklich. »War halb so wild...«

Teba verdreht die Augen. Offenbar habe ich ihm nicht die richtige Antwort gegeben.

»Du weißt aber schon, dass es ihr nicht gutgeht, oder?«

Soulhunter 1 - Buch des Windes (Revali x Shania)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt