Shania
Revali sitzt immer noch am Feuer, während ich allein mit dem Bogen übe. Die Pfeilspitze steuert auf das Ziel zu und bleibt in der Mitte stecken. Zufrieden nicke ich.
Während ich weitertrainiere, schiele ich hin und wieder zu der Schützenhütte zurück und hoffe insgeheim, dass mich der dunkelblaue Orni beobachtet, aber mein Lehrmeister lässt sich nicht blicken. Enttäuscht schaue ich zu den Zielen zurück. Vermutlich wird der ehrgeizige Orni-Krieger sich noch eine Zeit ausruhen, bevor er die Stelle am warmen Feuer wieder verlässt. Er hat es versucht, es so gut wie möglich zu verheimlichen, doch ich konnte ihm sichtbar die Erschöpfung anmerken. Ich vermute, dass er bereits den ganzen Morgen über am Trainieren war. Mir war ja bewusst, dass Revali nicht zu Unrecht der stärkste Krieger ist, aber dieser Aufwind, das Manöver in der Luft und die Art, wie er den Bogen spannt, das alles hat mich wirklich sprachlos gemacht. Außerdem habe ich es genossen, zu zusehen, wie der Wind mit Revalis Zöpfen spielt, während er ein Ziel nach dem anderen traf. Auch das faszinierende Muskelspiel unter seiner blauen Federpracht war wahrlich ein Augenschmaus. Am Himmlischsten finde ich allerdings seinen konzentrierten Blick, dann schimmern seine grünen Augen nämlich, wie zwei funkelnde Smaragde. Ja... Revali mag zwar manchmal ein selbstverliebter Vogel sein, aber er sieht schon ziemlich gut aus.
Augenblicklich schüttle ich den Kopf. Gerade habe ich wieder danebengeschossen. Frustriert verziehe ich das Gesicht. Schnell schaue ich über meine Schultern, um mich zu vergewissern, dass Revali nicht doch aus dem Schützenhaus getreten ist, doch Hylia sei Dank, er ist immer noch nicht zu sehen.
Gerade fällt mir auf, dass der Orni seit gestern irgendwie anders zu mir ist, weniger voreingenommen und freundlicher. Ich werde es nie vergessen können, wie verzweifelt er klang, als er mich in die Quelle gelegt hat. Und dann noch seine Stimme... Sie war so voller Fürsorge. Wieder schüttle ich den Kopf und zwinge mich dazu, mich endlich wieder zu konzentrieren.
Als es mir gelingt, diese neuen Gedanken zu verdrängen, treffe ich ein Ziel nach dem anderen. Zwar nicht gerade mittig, aber immerhin fast.
»9 von 10 Ziele... Nicht übel!«, höre ich plötzlich jemanden mich loben.
Mit gesenktem Bogen drehe ich mich um. Ein paar Schritte vor mir steht Revali. Er wirkt immer noch ziemlich ermüdet.
»Ich habe mir Mühe gegeben«, murmle ich und hoffe insgeheim, dass ich meinen gefiederten Lehrer beeindrucken konnte.
»Naja...« Rivali lächelt schalkhaft. »Du weißt aber schon, dass du eigentlich den roten Punkt in der Mitte treffen solltest.«
Ich vernehme keinen Spott in seiner Stimme, es wirkt eher so, als würde er mich aufziehen wollen. Irgendwie gefällt mir diese neuentdeckte Seite an Revali.
»Was? Und das sagst du erst jetzt?«, scherze ich amüsiert.
»Willst du noch länger trainieren?«, fragt er mich und lässt seinen Blick über die unberührten Ziele schweifen.
Eigentlich wollte ich schon, aber ich merke es Revali an, dass er gehen und sich weiter ausruhen will. Er könnte ja allein Nachhause fliegen, aber irgendetwas sagt mir, dass er vermutlich so lange hierbleiben wird, wie ich mich hier aufhalten zu gedenke.
So schüttle ich den Kopf. »Nein, ich wollte nur ein bisschen üben, damit ich mich davon überzeugen kann, dass ich es noch kann!«
»Dann lass uns gehen!«, fordert mich der Orni auf und winkt mich mit einem Flügel herbei.
Milde lächelnd schreite ich auf Revali zu. Geduldig wartet er, bis ich bei ihm angekommen bin. Seite an Seite verlassen wir den Übungsplatz über den angelegten Weg.
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Soulhunter 1 - Buch des Windes (Revali x Shania)
FanfictionBuch des Windes, der erste Teil der Soul-Hunter Saga von Legend of Zelda - Breath of the Wild, erzählt die Geschichte von Shania, die nach einiger Zeit ohne jegliches Gedächtnis in einem Stall bei einer Farmer-Familie aufwacht. Schon bald stellt sic...