Shania
Während ich mit Revali über den Wolken schwebe, beäuge ich erstaunt die Landschaft unter mir. Das milde Grün verwandelt sich allmählich zu Weiß und die Berge ragen vor uns auf. Als wir uns genau über der schneebedeckten Landschaft von Hebra befinden, schiele ich verstohlen zu dem Vogelmenschen hinab, dessen Blick eisern nach vorn gerichtet ist.
Aus dem eigensinnigen Orni-Mann werde ich vermutlich nie schlau. Erst ignoriert er mich vier Tage regelrecht und nun drängt er sich auf, mit mir etwas zu unternehmen. Hier und da haben wir ein paar Worte gewechselt, aber es war nur belangloses Zeug. Über den Kuss hat er natürlich kein einziges Wort verloren. Ich hätte ihn ja selbst darauf ansprechen können, aber in Wahrheit hatte ich zu große Angst vor seiner Reaktion. Er könnte mich nur abweisen oder mich gar auslachen oder einfach nur so tun, als wäre nichts geschehen. Seitdem mich Revali geküsst, oder besser gesagt mich „geschnäbelt" hat, fühle ich mich so zerrissen. Wenn die anderen Orni nicht gekommen wären, um uns zu retten, hätte er mich wieder geküsst... und ich hätte seinen Kuss erwidert. Doch seitdem frage ich mich nur, ob dieser Kuss dem Orni je etwas bedeutet hatte, denn er redet nicht darüber, kein Wort. Was hat das nur zu bedeuten?
Der dunkelblaue Orni setzt zu Landung an. Sanft landen wir direkt auf dem Steg der Schützenhütte. Abrupt springe ich von Revalis Rücken ab und mache Anstalten, in die Hütte zu gehen, um mir den Übungsbogen zu holen, da werde ich plötzlich von einem Flügel meines Beschützers aufgehalten.
»Allmählich hat der abgenutzte Schwalbenbogen seine besten Jahre hinter sich gelassen«, höre ich ihn sagen, bevor er seinen Schnabel lächelnd in die Höhe reckt. »Es ist an der Zeit, dass du deinen eigenen Bogen bekommst.«
Revali greift hinter seinen Rücken und schnallt einen Bogen ab. Verdutzt sehe ich den Vogelmenschen an, denn ich habe gar nicht bemerkt, dass er gleich zwei Bögen bei sich hatte. Langsam bringt er einen geschmeidigen Bogen zum Vorschein, mit hellem Holz und Verzierungen mit violetten Blumen-Schnitzereien und gelben verschnörkelten Mustern. Die Enden des Bogens enden wie Revalis Waffe mit einem flügelähnlichen Dekor. Ich staune hörbar, als er mir die Waffe mit beiden Flügeln präsentiert.
»W-was, was ist das? Wie...«
Ich bin so überwältigt, dass ich kein Wort mehr herausbekomme.
Revali lacht belustigt auf. »Das ist ein Bogen und er gehört jetzt dir.«
Mit bebenden Händen nehme ich das Prachtstück an mich. Meine Augen funkeln verzückt, als ich die Schusswaffe in den Händen wiege und an der Sehne zupfe. Ein melodisches Zurrgeräusch ertönt.
Mit einem seiner Fingerfedern deutet der Vogelmensch auf die Mitte des Bogens. »Das Mittelstück ist schlank, aber breit ausgebaut. Solltest du eines Tages die Technik beherrschen, mehrere Pfeile gleichzeitig zu spannen, könnte dir das von Vorteil sein«, erklärt mir der Orni.
»Ich weiß, dass du eine neue Technik ausprobieren wolltest, aber...« Breit grinse ich über beide Ohren. »Könntest du mir nicht doch zeigen, wie das geht? Für den Anfang reicht es auch, wenn ich es nur mit zwei Pfeilen probiere.«
Revali bedauert mich mit einem langen, nichtssagenden Blick. Kurz wendet er sogar seinen Blick ab und schaut die Ziele an, die sauberaufgereiht an der Wand kleben.
»Also, eigentlich musst du dich sowieso erst mit deinen neuen Bogen vertraut machen. Warum nicht!«
Überschwänglich vor Freude stürze ich mich auf Revali und umarme ihn. Doch als ich bemerke, wie scharf der Orni die Luft einatmet, stoße ich mich augenblicklich wieder von ihm ab.
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Soulhunter 1 - Buch des Windes (Revali x Shania)
FanfictionBuch des Windes, der erste Teil der Soul-Hunter Saga von Legend of Zelda - Breath of the Wild, erzählt die Geschichte von Shania, die nach einiger Zeit ohne jegliches Gedächtnis in einem Stall bei einer Farmer-Familie aufwacht. Schon bald stellt sic...