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Shania


Einsam und verlassen sitze ich auf einer Plattform im Dorf der Orni.

Ich kann die letzte Nacht nicht vergessen, dieser Traum, der keiner war. Immer wieder sucht mich dieser Dämon heim und ich kann es nicht verhindern. Wieso bloß? Wieso findet Ganon nur einen solch großen Gefallen daran, mich zu quälen und zu foltern? Schlimmer noch ist allerdings die Tatsache, dass ich Revali tief verletzt habe. Ich hätte ihn nicht wegstoßen dürfen. Eigentlich liebe ich es, wenn der Orni mich sanft in mein Ohrläppchen pickt, aber heute habe ich nur Ganons Gesicht gesehen, seine blutverschmierten Lippen und sein boshaftes Lächeln. Die Panik ist in mir hochgestiegen. Es war unmöglich für mich, mich zu beherrschen. Warum hat der Dämonenkönig eine solche Macht über mich? Dafür muss es doch einen Grund geben. Irgendwo muss es doch eine Antwort dafür geben.

Erschöpft vom Schlafmangel, da ich letzte Nacht ewig gebraucht habe, um wieder einzuschlafen, stehe ich auf. Lustlos schleppe ich mich über die vielen Treppen des Dorfes immer höher hinauf, bis ich plötzlich vor der Hütte des Häuptlings stehe. Dort bleibe ich stehen, schlinge die Arme um mich und schaue zu der mit Federn verzierte Behausung auf.

Seitdem ich das Dorf zum ersten Mal betreten habe, ist ein halbes Jahr vergangen. Inzwischen ist es Winter. Und nun liegt nicht nur in den Hebra-Bergen Schnee, der gesamte Landstrich in Tabanta ist weißgefärbt. Alle Dächer der Orni-Häuser liegen unter einer glitzernden Schneedecke. Die Bäume, die sogar im Frühling, sowie im Sommer rot und orange sind, haben ihr Laub verloren. Ja... seitdem ich hier bin, hat sich vieles verändert. Ich habe eine unheilbare Krankheit besiegt, mich an einige Dinge erinnert, habe hier Freunde gefunden, habe das Bogenschießen gelernt, einen Drachen von seinem Fluch befreit und bin mit dem obersten Krieger der Orni zusammengekommen. Wer hätte gedacht, dass ich mich jemals in Revali hätte verlieben können? Jedes Mal, wenn ich daran denke, wie er mich anfangs verspottet hat, kommt mir ein Lächeln. Fünf Monate sind wir bereits ein Paar. Es waren wirklich schöne fünf Monate...

»Shania?«, höre ich jemanden meinen Namen sagen. »Verehrte Auserwählte! Welch reizender Besuch! Was führt dich zu mir?«

Mit großen freudvollen Augen verbeugt sich der beleibte Eulen-Orni vor mir. Ich war so vertieft in meinen Gedanken, dass ich ihn gar gesehen habe. Es ist ein seltenes Bild, dass Kaneli von seinem Stuhl aufsteht und seine Hütte verlässt.

»Ich wollte nur mal kurz hallo sagen«, lüge ich.

Plötzlich beginnen seine weisen Eulenaugen, mich skeptisch zu mustern. Abrupt versteife ich mich. Hoffentlich erkennt der Häuptling nicht, dass es mir eigentlich überhaupt nicht gut geht.

»Warum nimmst du nicht Platz und setzt dich zu mir?«, lädt mich Kaneli ein.

Eigentlich möchte ich seine Einladung abschlagen, aber das wäre unhöflich, also willige ich ein. »Sehr gern!«

Kaneli führt mich in seine Behausung hinein. Neben seinem Schaukelstuhl weist er mir einen Platz zu, nachdem er ein Sitzkissen hingelegt hat.

»Setz dich!«, fordert er mich mit netter Stimme auf.

Dankend nicke ich und mache, was mir befohlen wurde. Als ich sitze, bietet mir Kaneli Tee an. Eine Tasse von dem heißen Orni-Tee könnte ich nun wirklich gebrauchen, deshalb nehme ich gern dankend an. Mit dem warmen Getränk in der Hand mache ich es mir bequem und schlürfe an der Tasse.

»Wie ist es dir ergangen in letzter Zeit? Frierst du auch nicht in den kalten Nächten in Tabanta?«, fragt mich der alte Orni nach meinem Wohlergehen.

»Also in letzter Zeit haben sich die Monster wieder den Orni-Siedlungen und den Stallungen der Hylianer genähert. Allerdings konnten wir sie problemlos abwehren. Aber das weißt du sicher schon« Ich halte einen Moment inne, bevor ich mit einem Schmunzeln im Gesicht weiterrede. »Und was die kalten Nächte betrifft. Nun... Revali hält mich warm.«

Soulhunter 1 - Buch des Windes (Revali x Shania)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt