12 Jahre später:
Vor zwei Monaten bin ich zwanzig geworden, und da mein Opa wusste, wie sehr mich Amerika fasziniert, hat er mir eine unglaubliche Reise geschenkt: drei Wochen USA und dann noch eineinhalb Wochen Karibik. Ein absoluter Traum, eigentlich.
Leider gab es nur einen Haken, einen ziemlich großen sogar.
Meine Stiefonkel Konrad und Ben, sowie Bens Verlobte Lisa, kamen auch mit. Ben und Lisa waren dabei nicht das Problem, im Gegenteil – die beiden mochte ich sehr. Aber Koni ... er war ein massives Problem.
Zum Leidwesen aller hat sich unser Verhältnis seit unserer ersten Begegnung überhaupt nicht verbessert. Ganz im Gegenteil, es ist mit den Jahren immer schlimmer geworden. Früher hatten wir uns meistens ignoriert, aber als ich ins Teenie-Alter kam, wurde daraus ein lautstarkes Gezicke.
Und Koni war halt nicht einfach nur irgendein Verwandter, mit dem ich nicht klarkam. Er gehörte zu meiner engsten Familie – ob ich das wollte oder nicht.
Konrad und Benjamin waren die Söhne meiner Stiefoma Maria und damit offiziell meine Stiefonkel. In Wirklichkeit fühlte sich das aber nie so an. Sie waren nur ein paar Jahre älter als ich, zu jung für klassische Onkel-Rollen. Eigentlich wurden wir von Anfang an eher wie Geschwister behandelt.
Nachdem meine Oma gestorben war, verbrachte mein Opa viel Zeit bei uns, und als er einige Jahre später Maria kennengelernt hatte, änderte sich das nicht. Geburtstage, Feiertage, Familienessen – alles fand weiterhin gemeinsam statt. Die Erwachsenen hofften, wir Kinder würden zusammenwachsen. Dass wir uns mögen würden, da wir ja nur wenige Jahre auseinander waren. Mit Ben funktionierte das auch. Er war geduldig, ruhig und hatte diese Art, bei der man sich automatisch sicher fühlte. Für mich war er der große Bruder, den ich nie hatte, und genau so behandelte er mich auch. Mit Koni dagegen ging es vom ersten Tag an schief. Schon als Kinder konnten wir uns nicht ausstehen. Anfangs ignorierten wir uns noch, jeder blieb für sich. Doch je älter wir wurden, desto weniger funktionierte das. Aus Schweigen wurde Reibung, aus Reibung Streit. Meine Mutter sagte irgendwann einmal, Koni und ich seien uns einfach zu ähnlich. Das würde sich schon geben. Tat es nicht. Und jetzt sollten wir ausgerechnet gemeinsam mehrere Wochen verreisen.
„Mama, HILFE!", schrie ich durchs Haus.
„Was ist denn los?"
„Ich weiß nicht, was ich einpacken soll! Das passt nie alles in den Koffer!", erklärte ich verzweifelt und deutete auf mein Bett, das überseht mit Klamotten war.
„Du brauchst doch nicht deinen ganzen Kleiderschrank mitzunehmen! So wie ich dich kenne, kaufst du dir dort sowieso genug neue Klamotten, also sollte lieber die Hälfte deines Koffers leer bleiben!", zog mich meine Mutter sofort auf.
„Mama, du bist unmöglich! Ich brauch deine Hilfe und hab keinen Nerv für deine Scherze! Opa holt mich in zwei Stunden ab, und ich bin noch nicht mal annähernd fertig!", wurde ich immer verzweifelter.
„Selber schuld, wenn du alles auf den letzten Drücker machst!"
„Mama, das ist nicht hilfreich!"
„Na gut! Ich helfe dir! Was deklarierst du denn als lebensnotwendig?", fragte sie etwas spöttisch, und ich sah sie genervt an.
„Das, das, das ...!", sortierte ich aus und hatte immer noch die Hälfte meiner Klamotten in der Hand.
Nach über einer Stunde hatten meine Mutter und ich die Klamotten soweit aussortiert, dass mein Koffer zuging. Jetzt musste ich nur noch die anderen Sachen zusammenpacken und mich selber fertig machen, was ziemlich knapp werden würde.
Mit etwas Verspätung hatte ich dann endlich alles zusammen und ging runter in die Küche, wo bereits alle auf mich warteten.
„Ach, die Prinzessin ist auch endlich mal fertig?", sagte Konrad sofort gehässig.
„Fresse!"
„Alex, hast du deinen Pass?", fragte Opa und tat, als hätte keiner etwas gesagt.
„Mist, der liegt noch in meinem Zimmer!", schnell lief ich nochmal hoch.
„War ja klar! Das Wichtigste hat sie vergessen!", spottete Konrad laut genug, damit ich es hören konnte.
„Du hättest deinen auch vergessen, wenn ich dich nicht daran erinnert hätte!", gab Ben etwas genervt von sich.
„Haha!", kam nur von mir.
„Und du weißt wirklich, was du dir antust, Vati?", fragte meine Mutter mit besorgtem Blick auf Koni und mich.
„Die zwei werden sich schon vertragen!", sagte mein Opa mit strengem Blick.
„Ich versuch mein Bestes, Opa!", ich lächelte ihn unschuldig an, was ihm auch ein kleines Lächeln entlockte.
„Können wir bitte aufbrechen? Schon langsam haben wir es eilig!", kam es plötzlich von Maria.
„Jap! Von mir aus gerne! Ich hab alles!", sagte ich, und Koni fing an zu lachen.
„WAS??"
„Du hast 'ne Jogginghose an!", sagte er immer noch lachend.
„Ja klar! Weißt du, wie lang wir fliegen? Da ist die viel gemütlicher! Ich muss mich nicht so auftutten wie du!", konterte ich.
„Klappe, Koni!", sagte nun Ben an Koni gerichtet, bevor er etwas erwidern konnte. Eingeschnappt verzog er sich ins Auto.
„Bye, Mum! Bye, Dad! Ich meld mich, wenn wir angekommen sind!", sagte ich und umarmte meine Eltern noch einmal.
„Pass auf dich auf und mach keinen Blödsinn!", erinnerte mich meine Mum.
„Mum, ich mach nie Ärger!", sagte ich grinsend und ging hinaus, bevor sie noch irgendetwas darauf antworten konnte.
Im Auto angekommen setzte ich sofort meine Kopfhörer auf und hörte lautstark neben Koni Musik. Ich wusste, dass er meinen Musikgeschmack nicht teilte.
Nach zwei Stunden Fahrt waren wir am Flughafen angekommen! Wir checkten gleich mal ein und mussten nun noch bis zum Boarding warten. Die Zeit verlief relativ ruhig. Zur Abwechslung konnten sich Koni und ich mal die Kommentare verkneifen, worüber die anderen vier wirklich erleichtert schienen. Ich hatte ja versprochen, mich zusammenzureißen, und wenn ich wollte, konnte ich das auch.
Im Flugzeug machte ich es mir gemütlich, und da es bereits Abend war, wollte ich auch gleich schlafen. Aber ich kam einfach nicht zur Ruhe, viel zu aufgeregt war ich wegen der nächsten Wochen.
Ich nahm noch einmal mein Handy zur Hand und sah, dass ich eine Mediendatei erhalten hatte, mit einer kurzen Nachricht: „Er ist fertig".
Schnell spielte ich das Lied ab:
Ja, weil du mich rausholst
Immer wenn ich down bin
Immer wenn ich glaube, dass nichts mehr geht
Dann bist du unglaublich stark
Und baust mich auf
Ich kann dir so vertrauen
Weil du mich verstehst
Du bist Musik, ey
Du bist meine kleine Droge
Du bist Musik, ey
Hör, wie der Rest der Welt jetzt ausgeh
Der Song brachte mich zum Grinsen und erinnerte mich an meinen letzten Trip nach Berlin und gleichzeitig machte er mich etwas wehmütig, weil es so lange her war, dass ich die Jungs gesehen hatte.
Schnell tippte ich zwei Nachrichten:
Wow! Ich find ihn toll! „Fühl mich sehr geehrt, dass du ihn mir geschickt hast! – Danke
Kai hat mir gerade den fertigen Song geschickt, da ist mir aufgefallen, wie lange wir uns schon wieder nicht gesehen haben ☹ Vermisse die Tage im Studio mit euch.
Ich hörte mir den Song ein weiteres Mal an und wurde dabei melancholisch.
'Ob ich irgendwann jemanden finden würde, der wie Musik für mich ist?' Bis jetzt hatte ich bei dem Thema noch nicht so wirklich viel Glück. Schnell verdrängte ich den Gedanken an meine letzte Beziehung wieder.
Ich war auf dem Weg zu meinem absoluten Traumurlaub, da hatte dieser Gedanke nichts verloren. Trotzdem schaltete ich das Lied noch einmal ein, denn ich fand es richtig gut. Irgendwann fielen mir dann doch die Augen zu.
Nach mehr oder weniger vier Stunden Schlaf wurde ich wieder wach.
„Du schnarchst!", war das Erste, was ich gesagt bekam.
„Du nervst!", antwortete ich nur und schaltete mir wieder Musik ein.
Nach weiteren sechs Stunden landeten wir endlich in New York. Jetzt mussten wir nur noch auf diesem riesigen Flughafen unser Gepäck finden, und dann ging's ab zum Hotel. Während Opa eincheckte, machten wir es uns auf der Couch gemütlich. „Hier, euer Schlüssel!", Ben hielt uns grinsend einen Schlüssel hin. Wir sahen ihn verwirrt an, und sein Grinsen wurde noch breiter. „Nein! Ich teil mir sicher kein Zimmer mit diesem Vollidioten!", flippte ich, als ich den Wink verstand, und plötzlich ging auch Koni ein Licht auf. „Doch! Eigentlich schon!", sagte Ben wieder grinsend. „Verarsch mich nicht!", sagte Koni sauer.
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No way
Hayran KurguAlex und er - seit Jahren prägen Sticheleien, Spannungen und genervte Blicke ihr Miteinander. Niemand in der Familie glaubt mehr daran, dass sich daran je etwas ändern wird. Doch dann kommt diese eine Reise. Ein Moment, der alles auf den Kopf stellt...
