Prolog

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Calum POV

Ein wenig planlos laufe ich mitten durch die Innenstadt und halte meine Augen nach neuen Opfern offen. Die besten Opfer sind die alten Leute. Allerdings sind männliche Personen, die ihr Portemonnaie in ihrer Hosentasche tragen, ebenfalls leichte Opfer.

Seit einigen Minuten habe ich schon mein nächstes Opfer im Visier. Es ist ein älterer Herr, der sein Portemonnaie in der Gesäßtasche hat. Ich folge ihm schon seit einigen Minuten. Ich atme tief durch und möchte ihn gerade seine Geldbörse entwenden, doch plötzlich zieht eine Hand mich mit in eine Seitenstraße und drückt mit gegen die Wand. Ängstlich schaue ich auf und treffe auf strahlende blaue Augen. Ich schlucke schwer und senke meinen Blick. Schweigend beobachte ich meine schwarz-weißen Vans und befürchte, dass der Unbekannte meinen Herzschlag hören könnte.

„Was soll das?", fragt er mich ernst. Oh Gott, was soll ich jetzt sagen? Nicht, dass er die Polizei holt. Ich bin nicht gemacht für den Knast. Obwohl ich es nicht anders verdient hätte. Ich beklaue arme, unschuldige Menschen, nur um meinen eigenen Arsch in Sicherheit zu bringen, da ich sonst Stress mit Kenneth und Damien bekomme. Die beiden zwingen mich dies zu tun und von dem Geld kaufen sie sich dann Alkohol und finanzieren sich die ganzen Partys. So gerne würde ich ihnen einfach mal meine Meinung sagen, doch die beiden erpressen mich. Ich kann es nicht riskieren.

„Was soll das?", wiederholt er sich. „I-ch ehm... Das. Das ist nicht so wie- es ausschaut", stottere ich. „Ach nein? Wie sieht es denn aus?", fragt er und verschränkt seine Arme vor der Brust. Nervös spiele ich mit meinen Fingern, bis ich mein nicht vorhandenes Selbstbewusstsein wieder erlange. „Das geht dich gar nichts an", sage ich vorlaut und versuche, mich an ihm vorbei zu drängeln, doch er ist stärker als ich. „Ich kann auch die Polizei rufen, wenn es dir lieber ist, aber ich glaube darauf können wir beide verzichten." Wieder senke ich meinen Blick. „Warum machst du das? Ich weiß, dass du es nicht aus Lust und Laune tust. Warum?", fragt er freundlich und ich schaue in allen Richtungen nur nicht in seine. Wieder fasst er mein Handgelenk und zieht mich mit sich. In einem kleinen süßen Cafe, in der hintersten Ecke lässt er mich los und fordert mich auf mich zu setzen, was ich zögerlich tue. Noch immer bin ich gefesselt von diesen strahlenden blauen Augen.

Es dauert keine Minute, da kommt schon eine Bedienung und möchte unsere Bestellung wissen. Der Unbekannte bestellt sich eine heiße Vollmilchschokolade, danach schaut die Frau mich gespannt an, bis der Blonde das Wort übernimmt. „Für ihn bitte das gleiche", sagt er. Damit verschwindet die Brünette wieder. Verwirrt schaue ich ihn an. „Ich bin übrigens Luke", stellt er sich mit einen leichten Lächeln vor. „C-Calum" stottere ich. Bis die Bestellung ankommt bleibt es still an unserem Tisch.

Obwohl wir uns eigentlich total fremd sind, macht es Spaß mit Luke zu reden. Er ist wirklich freundlich und spricht das Thema mit dem Klauen nicht mehr an. Wir reden über alle möglichen Themen, nur Familie haben wir zum Glück noch nicht angesprochen. Meine Eltern und meine Schwester sind vor einem Jahr gestorben. Ich habe noch nie darüber geredet. Nicht einmal mit der Psychologin.

Wir verbringen einige Stunden im Cafe, bis ich auf die Uhr schaue. „Fuck, ich muss los." Schnell tauschen noch wir noch Nummern aus, und dann sprinte ich auf direktem Weg zurück ins Heim. Ich hoffe ich begegne Frau Finster nicht. Sie ist die Leiterin, und sobald man zu spät kommt, hat man echt Ärger am Hals. Die anderen ganzen Betreuer sind okay.

Da ich meinen Schlüssel vergessen habe, muss ich wohl oder übel klingeln. Zu meinem Glück öffnet mir Sarah. Sarah ist eine der freundlichsten hier. „Sorry", murmele ich, da ich zu spät bin. „Kann ja mal passieren.", winkt sie ab und ich gehe hoch in mein Zimmer. Glücklicherweise habe ich ein Zimmer für mich. Allerdings kann ich mich auch schon glücklich schätzen, dass ich in einem kleinen Heim untergekommen bin. Abgesehen von mir leben hier noch fünf andere Jungs. Alle sind älter als ich. Freundschaften habe ich mit niemandem geschlossen. Auch in der Schule habe ich keine Freunde mehr. Meine Eltern haben mich damals auf einer Privatschule angemeldet, damit ich eine bessere Zukunft habe, und da ich die beiden nicht enttäuschen möchte, gehe ich mit dem geerbten Geld noch immer auf diese Schule. Doch seitdem jemand mitbekommen hat, dass ich in einem Heim lebe, habe ich auch dort keine Freunde mehr. Eigentlich kann ich froh sein, diese falschen Dinger aus meinen Leben zu haben, aber es verletzt ziemlich zu wissen, dass man ausgeschlossen wird, nur weil man nicht mehr in einer Villa lebt und die teuerste Kleidung trägt.

Ich ziehe mir meine Schlafklamotten an, kuschele mich in die Decke ein und schließe meine Augen. Die Vibration meines Handys holt sich allerdings meine Aufmerksamkeit, bevor ich ins Land der Träume abdriften kann. Es ist eine Nachricht von Luke.

War ein schöner Abend mit dir. Hoffe wir können es wieder holen =) xx

Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Eine simple Nachricht, die mich zum Lächeln bringen. Wann das wohl das letze Mal vorkam?

Hoffe ich auch. War wirklich lustig mit dir. C:

Es dauert nicht lange, da haben wir besprochen, dass wir uns morgen wieder sehen werden. Das erste Mal seit dem Verlust meiner Eltern schlafe ich fröhlich ein.

Das Waisenkind (Cake)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt