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Da mir Lilly angeboten hat den alten Ford Ranger zu benutzen, bin ich mit ihm jetzt auf dem Weg zu Valeria. Er ist alt, blau lackiert, an vielen Stellen rostig und springt erst an, wenn man den Zündschlüssel dreimal umgedreht hat. Aber er fährt und steht mir zur freien Verfügung, solange ich hier wohne und das fühlt sich gut an. Obwohl es theoretisch nicht mein Auto ist, ist es doch das erste Fahrzeug, das irgendwie nur mir gehört. Zu Hause musste ich Jonathan oder Mom fragen, wenn ich mir ihr Auto ausleihen wollte. Zur Schule bin ich mit dem Bus oder Fahrrad gefahren und die Autos meiner Eltern bin ich nur gefahren, wenn ich Tara und Liza von irgendwo abholen sollte. Es ist also ein schönes Gefühl, ein Auto nur für mich zu haben, egal wie alt oder verbraucht es ist. Es hat eben einen gewissen Charme.

Val hat mir ihre Adresse geschickt. Wir werden uns bei ihr treffen und dann gemeinsam zu der Party gehen. Es soll eine Hausparty bei einem ihrer Mitschüler sein, dessen Eltern heute in den Urlaub gefahren sind. Demnach habe ich mir nichts Besonderes angezogen. Eine helle Jeans, die ich über die Knöchel gekrempelt habe. Meine mittlerweile sehr verdreckten und ehemals weißen Turnschuhe und eine süße weiße Bluse ohne Ärmel, deren Träger leicht gerüscht sind.
Make-up habe ich nicht vor zu tragen. Durch die Sonne und meine gestiegenen Stunden, die ich an der frischen Luft verbringe, ist meine Haut nahezu makellos geworden und bekommt durch die Sonnencreme einen gewissen Glow. Was Mascara oder Lipgloss angeht, habe ich beschlossen Val zu fragen, was angebracht wäre.
Die untergehende Sonne scheint in den Rückspiegel, als ich am Stadtrand vor einem kleinen gelben Haus im Bungalowstil parke.
Als ich an der Tür klopfe, dauert es nicht lange bis sie schwungvoll geöffnet wird und eine strahlende Val mir gegenübersteht.
"Willkommen im Haus der fantastischen, intelligenten, wunderschönen Martínez Frauen."
"Das nenne ich mal eine Begrüßung", entgegne ich lachend. "Es ist mir eine Ehre heute anwesend sein zu dürfen."
Val kichert, weil ich ihr Spiel mitspiele.
"Bitte treten Sie ein." Sie macht mir Platz und deutet mir mit einer ausladenden Bewegung den Weg.
"Ich mag dein Outfit", sagt sie, nachdem sie hinter mir die Tür geschlossen hat.
"Danke, ich wusste nicht, ob man das hier auf einer Hausparty tragen würde." Ich habe mir tatsächlich Gedanken darüber gemacht.

"Nein, das ist absolut perfekt. Mit Jeans liegt man nie verkehrt", bestätigt sie mir und ich atme erleichtert auf.
Sie erzählt mir anschließend, dass ihre Mutter auf einer Hochzeit als Fotografin arbeitet und wir daher das Haus für uns haben. Da ich bereits fertig umgezogen bin, helfe ich ihr Outfit zusammen zu stellen. Am Ende trägt sie ein rotes Sommerkleid mit vielen kleinen weißen Blumen.
Wir frisieren uns gegenseitig die Haare. Val drehe ich ein paar Locken in ihre langen dunklen Haare ein, die sie anschließend mit zwei Klammern zurücksteckt und mir flechtet sie die obere Haarpartie zu einem Zopf am Hinterkopf zusammen.

Anschließend ist das Make-up dran. Auch Val verzichtet auf Foundation und trägt lediglich etwas Rouge auf ihre hohen Wagenknochen auf.
"Ich denke das reicht so. In ein paar Stunden wird sowieso alles zerstört sein, wenn ich vom Tanzen verschwitzt bin", erklärt sie und dreht sich einmal im Kreis, bevor sie sich bückt und ihre Sandalen anzieht. "Kaleb und Sue müssten auch gleich hier sein. Vielleicht kennst du sie schon, sie arbeiten auch für Lilly. Wir können dann gemeinsam zur Party laufen. Das sind nicht ganz zwei Meilen die Straße rauf. Wir wollen schließlich keine Probleme bekommen, wenn wir zu betrunken sind und Auto fahren müssen. Das ist hoffentlich okay für dich?"
Sie schaut mich fragend an und ich nicke. Es ist vernünftig lieber zu laufen, anstatt nachher alkoholisiert Auto zu fahren.

Als vor dem Haus ein Hupen ertönt, springt Val auf und ich folge ihr.
Zwei Personen steigen aus dem weißen Auto aus, das hinter mir geparkt hat und kommen auf uns zu.
Eine Junge mit schwarzen Locken und blauen Augen und ein Mädchen mit pinken kurz rasierten Haaren und einem Septum in der Nase.
Ihre Gesichter kenne ich. Als Val eben ihre Namen genannt hat und gemeint hat, dass sie auch für Lilly arbeiten, konnte ich mir keine genaue Person vorstellen. Ich habe seit meiner Ankunft hier so viele Menschen und Namen kennengelernt, dass es mir schwerfällt, sie mir alle zu merken. Aber jetzt, wo ich Kaleb und Sue vor mir stehen sehe, erkenne ich sie. Sie arbeiten als Erntehelfer auf der Farm und wohnen den Sommer über in den Schlafbaracken. Aus der Ferne habe ich sie manchmal beobachtet, wenn Lilly und ich ihnen ihr Mittagessen vorbeigebracht haben.
"Hey! Euch brauch ich glaube ich nicht vorstellen. Oder?" Val deutet mit ihrer Hand zwischen Sue, Kaleb und mir hin und her.
"Nein, wie kennen uns bereits. Schön dich zu sehen, Nura." Kaleb nickt mir zur Begrüßung zu.
"Wie könnte ich dich vergessen? Ich habe gemerkt, dass du diese Woche die Sandwiches für uns gemacht hast. Da war nämlich mehr Majo drauf." Sue zwinkert mir zu.
"Extra Majo, werde ich mir merken", antworte ich und bin erleichtert, das alles entspannt verläuft. Seit ich hier bin habe ich viel Menschen kennengelernt und keines dieser Kennenlernen war merkwürdig oder angespannt. Sam ausgeschlossen.
"Vielleicht gibt es auch Sandwiches mit extra Majo auf der Party. Das werden wir aber nie herausfinden, wenn wir jetzt nicht losgehen." Val klatscht in die Hände und scheucht uns los.

Silent CountryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt