Nachdem ich mich mit Grace ausgesprochen habe, haben wir uns gestern noch einmal in unserem alten Lieblingscafé getroffen. Da wir alles, was zwischen uns stand, beseitigt hatten, konnten wir nun offen miteinander reden. Es war fast wie früher. Dieselben werden wir nie mehr sein, unsere neu aufgenommene Freundschaft ist noch frisch. Zwischen uns klafft noch diese große Wunde, die erst vor kurzer Zeit zu heilen begonnen hat. Aber wir sind beide daran interessiert, dass wir die Freundschaft zwischen uns aufrechterhalten. Wie genau das aussehen wird, wird die Zeit zeigen.
Ich wollte Sam direkt nach unserem Treffen berichten, wie es gelaufen ist, doch er reagiert seit zwei Tagen nur noch selten auf meine Nachrichten. Wenn ich ihn anrufe erhalte ich keine Antwort und das bereitet mir Sorgen. Selbst Lilly hat gestern nicht auf meinen Anruf reagiert und sie nimmt sonst immer meine Anrufe entgegen. Nachdem ich ihr geschrieben habe, dass ich mir Sorgen mache und denke, dass etwas passiert ist, hat sie mich endlich zurückgerufen und mir versichert, dass alles in Ordnung ist und auf der Farm gerade viel los ist. Einige Erntehelfer waren nur bis zum Ende des Monats angestellt, da bald das neue Semester anfängt. Also muss Sam viel aushelfen.
Anschließend habe ich mich schlecht gefühlt, weil ich nur an mich gedacht habe und nicht da bin, um mit anzupacken. Aber mein Schulwechsel wurde genehmigt und in drei Tagen geht es los. Ich hatte bereits ein weiteres Paket vorausgeschickt und bin gerade dabei, ein weiteres zu packen, das meine Eltern versenden können, wenn ich mich eingerichtet habe.
Im Augenblick stehe ich in meinem verwüsteten Zimmer, Liza und Tara sitzen auf meinem Bett und schauen mir dabei zu, wie ich meinen Kleiderschrank aussortiere, in der Hoffnung, dass sie das ein oder andere Kleidungsstück von mir ergattern.
„Wirst du Sam heiraten?", fragt Tara, während sie mit dem Ende ihres geflochtenen Zopfes spielt.
„Können wir dann deine Brautjungfern sein?", fragt Liza, die sich meine Jeansjacke anzieht, da ich sie auf mein Bett, auf den Stapel Klamotten, geschmissen habe, den ich spenden möchte.
„Ihr wisst, dass ich erst achtzehn bin?" Ich schaue beide mit hochgezogenen Augenbrauen an. Für meine Schwestern scheint es keinen Unterschied zu machen, ob ich dreißig oder achtzehn Jahre alt bin.
„Viele Menschen heiraten jung." Liza zuckt mit den Schultern.
„Vielleicht werden wir irgendwann heiraten, aber das steht noch nicht fest, wir sind noch nicht lange zusammen."
„Und trotzdem ziehst du zu ihm", entgegnet Tara, woraufhin ich sie nur sprachlos anschauen kann. „Wenn ihr heiratet, wird die Hochzeit dann auf der Farm stattfinden?" Meine jüngste Schwester scheint von dem Thema nicht abzulassen.
„Es wird in naher Zukunft nicht geheiratet."
„Aber in ferner Zukunft?" Ich werfe mit einer Socke nach Liza, die sie ins Gesicht trifft.
Es wird eine Weile Still und ich sortiere weiterhin meinen Kleiderschrank aus.
„Werdet ihr Kinder kriegen?", fragt Tara und ich lege stöhnend den Kopf in den Nacken.
„In naher Zukunft nicht."
„Aber in ferner Zukunft?" Ich werfe die andere Socke nach Tara, die sie ebenfalls ins Gesicht trifft.
„Dann wären wir Tanten." Liza klingt viel zu begeistert von der Idee.
Da ich die beiden ignoriere, führen sie ihr eigenes Gespräch über Babynamen und wer zuerst ihre Nichte halten darf. Angeblich wird mein erstes Kind ein Mädchen werden.
Während sich die beiden über weitere Babynamen unterhalten, klingelt es an der Tür und Mom ruft von irgendwo aus dem Haus: „Nura, kannst du aufmachen?"
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Silent Country
RomanceNura war ein braves Mädchen. Gute Noten, Kapitänin der Volleyballmannschaft und gute Freundin. Doch Nura war nicht glücklich. Sie wollte mehr. Freiheit. Als sie ihren Wünschen nachgeht und Dinge tut, die normal für Menschen in ihrem Alter sind, wird...
