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Es ist ein ganz normaler Montagvormittag. Valeria und ich stehen im Laden. Lilly ist heute auf der Farm geblieben und hilft bei der Ernte. Es muss heute eine große Obstlieferung an eine örtliche Bäckerei für ein bevorstehendes Event übergeben werden. Aber nach drei Wochen auf der Farm und fast zwei Wochen Arbeit im Laden, bekommen Val und ich das auch ganz gut allein hin. Sie hat mir schon ausführlich von ihrem Wochenende bei ihrer Mutter berichtet. Wie schön es im Kino war, dass sie mal wieder die Arbeitsstelle ihrer Mutter gesehen hat, ein Brautmodengeschäft. Sie hat außerdem mit einem süßen Kellner in einem Café geflirtet, dessen Nummer sie bekommen hat und sich jetzt aber nicht sicher ist, ob sie ihm schreiben soll.
Von meinem Wochenende habe ich ihr noch nicht berichtet.

„Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag, Mr. Shelton." Val verabschiedet sich von dem Kunden, ein älterer Mann, der ebenfalls eine Farm besitzt und eben eine Lieferung Tomaten vorbeigebracht hat und als Bezahlung ein paar Flaschen Milch mitgenommen hat.
Die Glocke über der Tür gibt ein Geräusch von sich, bevor sie sich schließt und Val mich ernst anblickt.

„Also erzähl schon. Was ist passiert?"

Ich schüttle den Kopf, verteile die gelieferten Tomaten in Pappschalen und stelle sie anschließend auf den Tisch neben die Gurken und Paprikas.

„Komm mir nicht so, Chica. Ich will alles wissen was passiert ist", verlangt sie und stützt einen Arm in die Hüfte.

Ich lächle sie an, weil sie mich an ihre Mutter erinnert, die ich neulich kennengelernt habe und lasse die Tomaten vorerst in Ruhe.

„Kaleb und ich hatten sowas wie ein Date. Kein richtiges, wir waren nur am Fluss, aber wir haben uns wieder geküsst."

Val quietscht auf und lehnt sich mit den Unterarmen auf den Tresen neben der Kasse. „Erzähl weiter."

Ich lache und lege kurz den Kopf in den Nacken. Will ich ihr wirklich alles erzählen?

„Wir sind zu seinem Auto und haben rumgemacht. Aber-"

„Aber?", unterbricht sie mich, bevor ich überhaupt weitererzählen kann und hebt gespannt ihre Augenbrauen.

„Aber Sam ist uns in die Quere gekommen."

„Sam?"

„Ja, Sam."

„Samuel, Lillys Sohn?"

„Ja-ha", bestätige ich und glaube zum ersten Mal eine andere Person, außer seiner Mutter, seinen vollen Namen benutzen zu hören. „Er hat uns beobachtet."

Val bleibt leise und schaut mich skeptisch an. Sie findet es also auch merkwürdig. Wie merkwürdig sie es wohl finden würde, wenn ich ihr sage, was noch in dieser Nacht passiert ist?

„Und was habt ihr dann gemacht?"

Ich seufze auf und antworte: „Ich habe Kaleb gebeten mich nach Hause zu fahren."

„Und dann?"

„Bin ich schlafen gegangen", lüge ich. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich dann zugeben müsste, dass es mir gefallen hat? Weil es sich verboten aber gleichzeitig so gut angefühlt hat? Weil ich zugeben müsste, dass ich wach im Bett lag und an diesen Kuss gedacht habe, während ich zum zweiten Mal zum Höhepunkt an diesem Abend gekommen bin und das zweite Mal so viel besser war als das erst Mal, obwohl ich nur die Erinnerung an den Kuss hatte.

„Nura, du musst mit Lilly sprechen."

„Das habe ich auch schon überlegt, aber ich möchte keine Unruhe stiften", erkläre ich und schaue Val abwartend an. Sie scheint nicht überzeugt von meiner Entscheidung, doch nickt dann und ich widme mich wieder den Tomaten. Kurz halte ich aber inne und überlege, ob ich einen Fehler gemacht habe ihr von Sam zu erzählen. Ich habe mich schon einmal einer Freundin anvertraut, meiner besten Freundin, und habe es bereut.

Silent CountryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt