Es sind zwei Tage vergangen seit meinem virtuellen Date mit Sam. Ich vermisse ihn jeden Tag mehr, seine Nachrichten sind knapper und sporadischer geworden, was mir einerseits Sorge bereitet und andererseits mein Gefühl des Vermissens nicht schmälert. Ich habe mich also gefreut, als vor einer Stunde mein Handy eine neue Nachricht angekündigt hat und dann war ich unentschlossen. Allerdings entschlossen genug, dass ich jetzt hier sitze, auf der Schaukel des Spielplatzes in der Nachbarschaft, auf dem ich früher viel Zeit verbracht und viele Erinnerungen gesammelt habe.
Grace sitzt auf einer Schaukel neben mir. Sie war schon hier, als ich gekommen bin, uns seit unserer Begrüßung vor fünf Minuten hat niemand etwas gesagt. Ich war überrascht, ihren Namen auf dem Bildschirm zu sehen. Sie hat erfahren, dass ich wieder in der Stadt bin und wollte wissen, ob wir uns persönlich treffen können. Nachdem ich eine Weile gezögert habe, habe ich dem Treffen zugestimmt und jetzt sitzen wir hier schweigend.
Grace ist die erste, die das Wort ergreift.
„Ich habe gehört, du ziehst um."
„Das hat sich ja schnell rumgesprochen", antworte ich und schaue sie lächelnd an.
„Du weißt doch, wie das ist."
Jap, das weiß ich. Im Prinzip ist alles wie eine Schule. Das ganze Leben ist als Schule aufgebaut. Irgendwer ist immer der Direktor und irgendwer weiß immer mehr als du. Es gibt immer beliebte Gruppen und Mobber. Bei Gerüchten ist es ähnlich.
„Ich warte nur darauf, dass mein Schulwechsel akzeptiert wird und meine bisherigen Leistungen anerkannt werden." Hoffentlich geschieht das schnell, denn das neue Schuljahr fängt in zwei Wochen an. „Wann geht es für dich aufs College?"
„In drei Wochen."
„Vermont, richtig?"
„Ja."
Es wird wieder eine Weile still zwischen uns.
„Erinnerst du dich noch, als wir versucht haben, möglichst weit von diesen Schaukeln zu springen und ich auf der Nase gelandet bin?"
Ich pruste laut lachend los. „Du meinst, als ich dachte, dass du stirbst, weil du so starkes Nasenbluten hattest?"
Auch Grace muss laut lachen. „Oh man, das ist eine Ewigkeit her. Ich wünschte, wir würden immer noch jeden Tag draußen verbringen, mit aufgeschürften Knien die Straße runterlaufen und mit Mrs. Zhàos Hunden spielen."
„Vieles war einfacher", gebe ich zu.
„Ich verstehe es übrigens."
„Was genau?"
„Warum du-"
Sie kommt ins Stocken und ich antworte mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen: „Warum ich meine Prioritäten anders gesetzt habe."
„Genau. Weißt du, ich habe es vorher nicht so richtig gesehen. Du warst meine beste Freundin, ich kannte deine Lieblingsfarbe, deinen Notendurchschnitt und wusste, dass du in der fünften Klasse in Chris Andrews verknallt warst und plötzlich hast du das Training geschwänzt, auf Partys mit neuen Leuten abgehangen und wir haben kaum noch Zeit miteinander verbracht. Ich war irgendwie wütend und na ja, es tut mir leid, dass ich es nicht eher verstanden habe."
Ich betrachte sie von der Seite. Ihre braunen schulterlangen Haare verdecken ihr Gesicht, weil sie nach unten schaut und mit den Schuhen Muster in den Sand malt. Aber wenn ich sie ansehe, sehe ich immer noch meine beste Freundin aus Kindheitstagen. Wir haben uns schon öfter gestritten oder tagelang nicht miteinander gesprochen, aber wir haben immer wieder zueinandergefunden. Die letzten Monate war die längste Zeit, die wir nicht miteinander gesprochen haben.
„Ich hatte es anfangs selbst nicht ganz verstanden", gestehe ich. „Ich wollte einfach nur nicht mehr ich sein oder besser gesagt die Version von mir, die sich meine Eltern gewünscht hätten."
„Gut für dich. In drei Wochen werde ich Economics im Hauptfach studieren." Grace verzieht das Gesicht und hält sich zwei Finger an die Schläfe und tut so, als würde sie sich damit einen Kopfschuss geben.
„Es ist nie zu spät zu wechseln."
„Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch Lust habe zu studieren", beichtet sie mit leiser Stimme, als hätte sie Angst, ihre Eltern könnten sie hören.
„Was würdest du gerne machen wollen?"
„Keine Ahnung. Reisen? Vielleicht nimmst du mich in einen deiner Koffer mit und ich lerne einen heißen Cowboy kennen." Sie lächelt mich verschmitzt an.
„Cowboys gibt es so einige, aber die meisten sind zu alt."
„Bist du nicht mit einem zusammen? Außerdem stört mich ein gewisser Altersunterschied nicht." Sie wackelt bei den letzten Worten anzüglich mit den Augenbrauen.
„Sam ist nicht wirklich ein Cowboy, aber er hat ein Pferd."
„Hat er auch einen Hut?", fragt sie ehrlich interessiert nach.
„Ich glaube schon. Aber er setzt ihn nie auf."
„Denkst du, wir könnten wieder Freunde sein?"
Bei dem plötzlichen Themenwechsel schaue ich sie überrascht an. Ich strecke meine Hand nach ihr aus und es dauert einen Moment, bis sie diese bemerkt und ihre in meine legt.
Mit dem Kopf lehne ich mich an die kühle Kette der Schaukel und antworte: „Wir sind schon längst wieder Freunde." Sie drückt meine Hand kurz. „Ich war schon richtig sauer, als alles eskaliert ist. Aber irgendwann hatte ich keine Energie mehr dafür. Ich brauchte eine andere Umgebung, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Alles war so durcheinander. Ich musste einfach hier raus und Abstand von allem bekommen. Zum Glück, denn sonst hätte ich Sam nicht kennengelernt."
„Also bist du mir dankbar, dass wir uns zerstritten haben?"
Lachend ziehe ich sie an unseren verschränkten Händen zu mir, nur um sie gleich darauf wieder von mir zu stoßen. Sie wackelt ein bisschen hin und her mit der Schaukel, bis sie sich mit den Füßen stoppen kann. Auch Grace muss lachen und ich bin froh, dass sich fast alles wieder so wie früher anfühlt. Wir reden über unsere Sorgen, lassen uns gleichzeitig aber nicht von diesen runterziehen. Es ist leicht zwischen uns.
„Ich habe meine beste Freundin vermisst", gebe ich zu.
„Ich auch."
Wir sehen uns einen Augenblick an. Es ist, als hätte sich nichts verändert und doch hat sich alles verändert. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir unseren Weg finden werden.
„Du wirst das schon machen", spreche ich ihr Mut zu. Es mag zwar sein, dass ich meine erste Existenzkrise bereits überwunden haben und nachempfinden kann, wie Grace sich jetzt fühlt, aber auch ich schaue auf eine ungewisse Zukunft, nur habe ich jetzt keine Angst mehr.
„Weißt du, ich habe dich oft bei Instagram gestalkt, aber du hast kaum etwas gepostet."
Das stimmt, gelegentlich habe ich ein Bild geteilt, auf dem ich markiert wurde, aber selbst das ist nicht oft passiert.
Als ich nichts erwidere, fügt Grace hinzu: „Das soll heißen, dass du mir Bilder von der Farm, deinen Freunden und deinem Farmboy zeigen sollst."
„Oh mein Gott, nenn ihn nicht so", antworte ich und hole lachend mein Handy hervor, um ihr all die Bilder zu zeigen und Geschichten zu erzählen. Wir haben schließlich eine Menge nachzuholen.
DU LIEST GERADE
Silent Country
RomanceNura war ein braves Mädchen. Gute Noten, Kapitänin der Volleyballmannschaft und gute Freundin. Doch Nura war nicht glücklich. Sie wollte mehr. Freiheit. Als sie ihren Wünschen nachgeht und Dinge tut, die normal für Menschen in ihrem Alter sind, wird...
