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Während unserer Zeit in der Waldhütte hatte ich viele Gelegenheiten, mir Gedanken zu machen. Auch davor konnte ich, egal wie sehr ich es versucht habe, meine Erinnerungen an die Wochen bevor ich zur Farm gekommen bin, nicht unterdrücken. So sehr ich mich anfänglich dagegen gesträubt habe, bin ich nun bereit, dazu einige Entscheidungen zu treffen. Anfangen werde ich damit Graces Nachricht zu lesen.

Ich habe den Tag auf der Farm damit verbracht, am Vormittag Äpfel zu ernten, das Mittagessen vorzubereiten und Freddie aus der Schule abzuholen und ihm bei den Hausaufgaben zu helfen. Val hatte auch kurz vorbeigeschaut und ich konnte sie über die Neuigkeiten am Wochenende bezüglich Trevor zu informieren. Gerade schauen Lilly und Freddie gemeinsam The Incredibles und Sam macht einen letzten Rundgang über die Farm.

Ich nutze diesen Moment der Ruhe und ziehe mich in Sams Zimmer zurück. Unsere Schlafsituation hat sich nämlich ein bisschen verändert und so schläft nun Freddie in meinem Zimmer, was ursprünglich das Gästezimmer war, und ich schlafe bei Sam. Viele meiner Sachen sind in dieses Zimmer eingezogen, dennoch möchte ich mir nicht anmaßen, es als meins zu bezeichnen.

Der Vorschlag, die Zimmer zu tauschen, kam von Lilly. Sie wollte Freddie etwas Beständigkeit geben und nachdem er einige Albträume hatte und zu Lilly ins Bett gekrabbelt ist, wollte sie ihn bei sich auf der Etage haben. Außerdem meinte sie, dass sie ganz genau weiß, dass wir in Sams Werkstatt nicht nur arbeiten und nachdem wir ihr versprochen haben, ich mit einem breiten Grinsen und Sam mit roten Ohren und Wangen, dass wir aufpassen, haben wir Freddies Zimmer hergerichtet. Das alte Gästezimmer strahlt nun in einem frischen Grün und hat Superheldenposter, die die Wand dekorieren.

In Sams Zimmer lasse ich mich auf dem Bett nieder und hole mein Handy hervor. Nachdem ich einen tiefen Atemzug nehme, entsperre ich das Gerät und öffne die App. Die Liste meiner letzten Chatverläufe öffnet sich. Ganz oben stehen Liza und Tara, die mich täglich nach Bildern von den Pferden fragen. Gelegentlich war auch die Anfrage von Liza dabei, Bilder mit den Cowboys zu schicken, was ich jedoch jedes Mal verneine.

Ich scrolle ein bisschen nach unten, bis ich an der ungelesenen Nachricht von Grace ankomme.

Grace: Nura, ich wollte mich persönlich bei dir melden, aber...

Mein Daumen zögert kurz über dem Display, doch ich tippe auf den Chat und vor mit öffnet sich eine lange Nachricht.

Nura, ich wollte mich persönlich bei dir melden, aber als ich erfahren habe, dass du aktuell nicht mehr bei dir zu Hause bist, hatte ich ursprünglich vor zu warten. Doch dann sind Tage und Wochen vergangen und ich wusste, dass ich nicht mehr länger warten konnte. Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe. Das tut mir leid und ich hoffe du vertraust mir noch genug, dass du mir diese Worte glaubst. Ich hatte nie gewollt, dass das alles so ausartet. Ich habe mit meinen Eltern nur über dich gesprochen, weil ich mir Sorgen gemacht habe. Ich wusste nicht, dass sie mit deinen Eltern sprechen werden. Ich weiß, dass ich mich hätte an dich wenden können. Das tut mir leid. 
Ich hoffe, dass wir miteinander reden können, falls du wieder in der Nähe bist.

Ich dachte, nachdem ich die Nachricht gelesen habe, werde ich schon wissen, was zu tun ist, aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht mal, wie ich mich fühlen soll.

Ich glaube Grace, dass sie mich nicht absichtlich verletzt hat. Anfangs war alles so durcheinander und wund, dass ich um mich geschlagen habe und alle von mir gestoßen habe. Ich bin meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mich nach Kentucky geschickt haben und ich Zeit hatte, endlich durchzuatmen. Vielleicht ist es auch diese Zeit gewesen, die ich mit Lilly, Sam und meinen neuen Freunden verbracht habe, die mir gezeigt hat, dass ich nicht immer sofort eine Entscheidung treffen muss.

Ich lege mein Handy wieder beiseite und nehme mir vor, erst wieder mit Grace in Kontakt zu treten, wenn ich weiß, was ich zu sagen habe und sichergehen kann, dass ich sie nicht verletze. Ich glaube nicht einmal, dass ich das noch könnte, selbst wenn ich aus meinen Emotionen heraus antworten würde. Ich bin nicht mehr wütend auf Grace, das bin ich schon eine Weile nicht mehr. Alles, was vor ein paar Monaten passiert ist, hat mir gezeigt, dass es bestimmt war, so zu eskalieren und ich bin froh, dass es jetzt passiert ist und nicht erst, wenn ich einen Job habe, den ich nicht mag, mit einem Mann verheiratet bin, den ich nicht liebe und in einer Stadt wohne, in der ich mich fremd fühle. Ich bin froh, dass ich realisiert habe, dass ich auf eine Zukunft geblickt habe, die nicht meine war und nur aus Erwartungen der anderen heraus entstanden wäre.

Silent CountryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt