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Schon auf dem Flug nach Hause vermisse ich die Farm und die Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Aber ich rufe mir schnell in Erinnerung, dass ich in ein paar Wochen wieder dort sein werde. Ich muss nur alles organisieren. Zum Glück hat mir der kurze Flug ausreichend Zeit gegeben, eine mentale Checkliste zu erstellen. Ich muss mich unter anderem mit meiner alten Schule in Kontakt setzen, dass sie meiner neuen Schule meine Noten übermitteln. Dann muss ich mich mit meiner neuen Schule, die Highschool auf die Val geht, in Kontakt setzen und hoffen, dass sie mich aufnehmen und möglichst viel von meinen bisherigen Leistungen anerkennen. Ich muss außerdem schauen, welche weiteren bürokratischen Dinge ich erledigen muss. Während ich das alles herausfinde, kann ich bestimmt einiges aus meinem Zimmer zusammenpacken und vorausschicken.

Als ich nach Hause komme und mein altes Zimmer betrete, fühlt sich alles fremd an. Die Person, die hier gelebt hat, bin ich nicht mehr. Statt Freundschaftsarmbänder und das zugehörige Material, das ich benötige, um diese zu knüpfen, liegen alte Schulbücher auf meinem Schreibtisch. Pokale, Medaillen, Schleifen und Urkunden befinden sich darüber auf einem Regal mit einem Bild meiner alten Volleyballmanschaft. Bis auf Grace habe ich seit Monaten keinen Kontakt mehr mit den anderen Mädchen auf dem Bild gehabt. Auch wenn ich mir die weiteren Bilder anschaue, die sich an der Fotowand neben meinem Bett befinden, sehe ich nur Bilder mit Personen, die mir mittlerweile vollkommen fremd sind.

Das Gefühl der Fremde verlässt mich auch nicht in den ersten zwei Wochen. Diese zwei Wochen vergehen wie im Flug. Schon am gleichen Tag, als ich wieder in Tacoma war, habe ich angefangen, meinen Plan in die Tat umzusetzen und mich über einem Schulwechsel zu informieren und eine E-Mail an meine aktuelle Highschool zu schreiben. Während ich alles Organisatorische erledige, habe ich bereits ein großes Paket zu Lilly geschickt. Leider geht mir alles zu langsam und ich muss viel Zeit mit warten verbringen. Diese Zeit nutze ich, um Sachen mit Liza und Tara zu unternehmen, denn ich werde sie bald nicht mehr so oft sehen können. Wir gehen shoppen, Eis essen, im Park spazieren und schauen einen Marvel Film nach dem anderen. Meine Wartezeit habe ich außerdem dafür genutzt, ein Wochenende bei meinem Dad und meinen Halbbrüdern zu verbringen, da dies durch meinen Aufenthalt in Kentucky auch schon mehrere Wochen überfällig ist.

Wenn ich nicht bei meiner Familie bin, sitze ich am Handy und schreibe oder telefonieren mit Sam, Lilly, Freddie und Val. Letztere versucht mich so gut es geht mit allem auf dem Laufenden zu halten.

Bei Sam ist es schon schwieriger. Er ist nicht wirklich der Typ, der moderne Technologien nutzt, um zu kommunizieren. Wir schreiben jeden Tag ein paar Worte, doch meistens endet es damit, dass wir facetimen. Manchmal spricht keiner von uns und er schaut mir einfach zu, wie ich E-Mails schreibe oder koche und ich schaue ihm zu, wie er in der Werkstatt etwas repariert oder mit Cash ausreitet, wenn ihn nicht Freddie beim Telefonieren mit mir erwischt und ihm das Handy klaut.

In diesen zwei Wochen sind unsere blauen Flecken verblasst. Sie sind noch da, aber haben sich blasser gefärbt. Mein inneres Ziel ist es, wieder bei Sam zu sein, bevor sie gar nicht mehr zu erkennen sind, doch ich befürchte, dass es länger dauern wird, als mir lieb ist.

Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass es noch zwei Stunden sind, bis wir uns zu unserem verabredeten Facetime-Date sehen können.

„Nura, hörst du mir zu?"

„Ja, klar", bestätige ich meiner Mutter und schaue kurz zu ihr rüber. Ich würde mich nur als halb abwesend in unserem Gespräch beschreiben. Wir bereiten gemeinsam das Mittagessen zu, da Tara in einer Stunde ein Fußballspiel hat und ich angeboten habe zu kochen. Diese Angewohnheit habe ich von der Farm übernommen. Ich koche fast täglich für meine Familie und auch wenn ich das vorher bereits gelegentlich getan habe, scheint es auch den Rest der Familie angesteckt zu haben, denn es ist selten, dass ich allein in der Küche bin. Außerdem hat sich verändert, dass wir nun mehr Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Und weil ich meine Familie über meine Pläne auf den Laufenden halten möchte, habe ich die Gelegenheit genutzt und Mom, die mir beim Kochen hilft, von meinen Fortschritten erzählt. Vals Highschool hat mir mitgeteilt, dass sie meinen Antrag auf Schulwechsel bearbeiten und meine Leistungsnachweise haben möchten. Daraufhin bin ich mit meiner alten Schule in Kontakt getreten und sie haben mir versichert, dass sie sich darum kümmern, diese zu übermitteln. Das habe ich unter anderem Mom mitgeteilt, woraufhin sie erneut das Gespräch darauf gelenkt hat, dass sie nicht verstehen kann, warum ich meinen Abschluss nicht in Tacoma beenden kann. Es gab in den letzten zwei Wochen häufiger diese kleinen Anmerkungen und ich musste jedes Mal erklären, dass ich meine Meinung nicht ändern werde. Ich glaube, Mom hat es einfach schwer zu akzeptieren, dass ich erwachsen bin. Diese Sache wird wohl noch eine Weile zwischen uns stehen, aber ich bleibe mittlerweile gelassen, erkläre es ihr in Ruhe oder ignoriere ihre Kommentare.

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