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Nachdem wir gestern nur die Abendstunden in der kleinen Waldhütte genießen konnten, steht uns heute der ganze Tag zur Verfügung. Das Leben auf der Farm erscheint mir schon entschleunigend, aber das Leben hier draußen zwischen Feld und Wald ist noch einmal etwas ganz anderes. Wir kochen uns an einer kleinen Feuerstelle unser Frühstück und waschen uns kurz mit Regenwasser oder aus den mitgebrachten Wasserkanistern. Die Zeit vertreiben wird uns mit Gesprächen, der gemeinsamen Stille, in der Sam ein Buch liest und ich an weiteren Armbändern knüpfe oder mit Küssen zwischendurch. Manchmal sind es auch mehr als nur Küsse, aber das ist egal, denn hier draußen ist weit und breit keine Menschenseele. Wir müssen uns nicht einmal zurückziehen, um miteinander zu schlafen. Unter freiem Himmel dabei zu sein ist schon etwas Besonderes und ich glaube, eine neue Vorliebe für mich entdeckt zu haben.

Ich bin Sam wirklich dankbar, dass er mich hergebracht hat und mir diesen Ort gezeigt hat.

Der Tag vergeht wie er gekommen ist und erst am nächsten Tag beschließen wir etwas aktiver zu sein. Mit dem Jagdgewehr um die Schulter gehängt spaziert Sam neben mir durch den Wald. Das Gewehr dient mehr zur Sicherheit als zur tatsächlichen Anwendung. Wir haben ausreichend Essen mit uns gebracht, damit wir nicht jagen gehen müssen.

„Kann ich dich etwas fragen?"

Sam hebt nur auffordernd die Augenbrauen als Antwort.

„Wenn du nicht so gerne unter Leute gehst beziehungsweise, wenn du gerne allein bist, warum gehst du dann auf diese ganzen Partys?" Das ist etwas, was ich mich schon die ganze Zeit über frage, seit ich ihn zum ersten Mal auf Rodrigos Hausparty gesehen habe. Ich war überrascht, weil ich es nicht von ihm erwartet hätte.

Sam lacht leise doch wird dann ernster. Sein Blick wandert kurz zu mir und schaut dann wieder aufmerksam nach vorn zwischen die Bäume.

„Anfangs ging es mir sehr gut, wenn ich allein war oder nur mit Mom gesprochen hatte. Nach dem ganzen Stress am Anfang tat es gut nicht sprechen zu müssen. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass mir der freiwillige Entzug von sozialen Kontakten nicht guttut. Ein paar Wochen oder sogar Monate gehen schon klar, aber irgendwann kommt immer der Zeitpunkt, an dem ich merke, dass mir die Einsamkeit mehr Schaden bereitet als Nutzen bringt."

Ich kann mir gut vorstellen, worauf er hinauswill.

„Hast du mit Lilly darüber gesprochen?", möchte ich wissen.

Er schüttelt zuerst den Kopf, fügt dann aber noch hinzu: „Ich hatte Angst, dass alles wieder von vorne anfängt. Ich habe angefangen die Anzeichen zu erkennen und mich unter Leute zu begeben. Zuerst nur hier auf der Farm, aber als ich älter wurde und gewisse Bedürfnisse bekommen habe, habe ich meine Kreise erweitert." Bei den letzten Worten muss er lachen.

„Hast du mit deinen Bekanntschaften geredet?" Ich bin neugierig, was Sams frühere Beziehungen angeht und denke, dass wir an einem Punkt in unserer Beziehung sind, dass wir über diese Themen reden können.

„Nein, solche engen Verhältnisse hatte ich nie."

„Wie hast du dich dann mit jemanden verabredet?"

Sam bleibt stehen und wendet sich mir zu. Er legt seine Hände an meine Wangen und sagt mit amüsiertem Blick: „Nura, ich bin nicht mal ganz drei Jahre älter als du und weiß, wie man eine Nachricht schreibt."

„Oh", ist das Einzige, was ich hervorbringe, bevor mir Sam einen kurzen Kuss auf die Nasenspitze drückt und wir unseren Weg fortsetzen.

„Woher soll ich das denn wissen? Bei uns war es anders", murmle ich nach einer Weile.

„Ja, das war es."

Wir laufen nicht lange, bis Sam erneut stehen bleibt und aufmerksam in der Ferne zwischen die Bäume starrt.

Silent CountryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt