Die erste Nacht war gelinde gesagt... schrecklich.
Die ungewohnte Luftmatratze fühlte sich seltsam unter seinem Körper an und der Schlafsack engte seine Bewegungsfreiheit ein. So musste sich ein Roulade fühlen, ging ihm durch den Kopf und außerdem war ihm viel zu warm. Irgendwie fand er einfach keine gemütliche Position, aber er wollte auch nicht mitten in der Nacht anfangen seinen Schlafplatz umzubauen und damit vielleicht die anderen wach halten, oder noch schlimmer, sie wecken. Also versuchte er ruhig liegen zu bleiben und die Augen zu schließen, irgendwann würde der Schlaf schon kommen. Dennoch fühlte er sich seltsam unruhig und erneut musste er feststellen, dass er ein Kind der Großstadt war.
Eine Stadt wie Boston lebte und atmete. Autos, Menschen, Maschinen, Züge, Flugzeuge, alles bewegte sich rund um die Uhr, ließ die Luft vibrieren und die Erde beben. Selbst wenn es ruhig war, es war niemals still. Das Knistern und Brummen von Elektrizität war allgegenwärtig, auch wenn man es nicht bewusst wahrnahm. Es waren die Hintergrundgeräusche der Zivilisation, die ihm fehlten – das stündliche Leuten der fernen Kirchenuhr genauso wie das leise aber stetige Tick-Tack der Uhr an seiner Schlafzimmerwand.
Da war es fast schon beruhigend, das Lachen der Nachzügler am Feuer zu hören. Den tiefen Klang von Jace's Stimme erkannte er sofort, was aber auch nicht besonders schwer war. Dieser Mann war nicht zu übersehen und nicht zu überhören und er schien sich in dieser Rolle genauso gut zu gefallen wie Camille. Ob er sich wohl wie bei seiner Frau in dessen Schatten begeben konnte, um die Zeit hier zu überstehen?
Leise seufzend zog Alec den Deckenteil des Schlafsackes höher und vergrub sich geradezu darin, egal wie heiß ihm dadurch wurde. In Momenten wie diesen wünschte er sich auch so ungezwungen im Umgang mit Fremden zu sein. Aber er könnte sich nie so mit jemandem unterhalten, wie der Blonde mit den beiden Frauen, die ebenfalls noch da draußen saßen – vermutlich Aline und diese Maia. Im Gegenteil, er war erst einen halben Tag hier und kam sich jetzt schon vor wie ein Volltrottel. Wie würden da erst die nächsten Wochen werden?
Auf der anderen Seite aber brauchte er diese Ungezwungenheit in seinem normalen Leben nicht. Da kannte er die Leute mit denen er zu tun hatte, wusste was sie erwarteten und worüber sie reden wollten. Er kam aus einer Welt, in der es keine Zufallsbegegnungen gab. Es lief nichts ohne vorherige Terminabsprache, es gab keine Spontanität. So hatte man immer ausreichend Zeit sich Informationen über seine Gesprächspartner einzuholen.
Dennoch, er konnte zwar nicht verstehen was sie sagten, aber sie klangen als hätten sie Spaß.
Leichter Nebel lag über der Lichtung, als er am nächsten Morgen wieder ins Freie trat. Irgendwann war er doch in einen unruhigen und viel zu kurzen Schlaf gedriftet und so fühlte er sich im Moment auch. Sein Körper bettelte geradezu darum sich wieder hinlegen zu dürfen, dennoch schlüpfte er schnell in frische Kleidung und strich sich die Haare zurecht. Der Geruch nach feuchtem Waldboden und die angenehme Frische milderte den Druck hinter seiner Stirn und ließ ihn durchatmen. Die ersten Sonnenstrahlen zeichneten sich in den Wipfeln der umstehenden Bäume ab und die ersten Vögel begannen mit ihrem Gezwitscher. Wie kitschig, murrte die Stimme in seinem Kopf, die verdächtig nach Camille klang. Doch er mochte diesen Anblick und er genoss die Ruhe des Augenblicks. Es erinnerte ihn an die Geschichten und Märchen, die seine Mutter ihm in seiner Kindheit vorgelesen hatte und im Zwielicht der Dämmerung hatte er fast das Gefühl, als könnte jeden Moment eine jener Sagengestalten zwischen den Bäumen hervor treten und ihn grüßen.
Trotzdem löste er sich nach wenigen Augenblicken aus seiner Starre und machte sich leise auf den Weg zu Lagerhaus. Schnell hatte er aus der restlichen Glut der Nacht – dank ausreichend Übung am häuslichen Kamin – ein neues Feuer entzündet und machte sich auf die Suche nach einer Möglichkeit Wasser zu kochen. Es gab nicht vieles, was er wirklich brauchte, aber Kaffee gehörte definitiv dazu und er hoffte sehr, dass es dieses Gebräu hier geben würde. Während er die Regale durchstöberte, fiel ihm einer der Bögen in die Hände. Fast ehrfürchtig betrachtete er die einfache Waffe und strich über das glatte Holz. Während seines Studiums hatte er regelmäßig geschossen, wenn auch mit moderneren Bögen und er war sogar ziemlich gut gewesen. Aber in den letzten Jahren hatte er kaum noch Zeit für den Bogensport gehabt und das bedauerte er sehr. Ob er sich die Tage vielleicht eine der Waffen nehmen könnte? Es wäre schön wieder etwas mehr in Übung zu kommen.
„Guten Morgen."
Erschrocken zuckte er zusammen, als er die Stimme hinter sich hörte.
„Miss Jocelyn... guten Morgen. Ich hoffe, ich habe sie nicht geweckt." antwortete er, nachdem er die Waffe weggelegt und sich zu der älteren Frau umgedreht hatte.
„Hatten wir uns nicht auf Du geeinigt?" tadelte sie ihn gespielt. „Und nein, keine Sorge, hast du nicht."
Wieder einmal senkte er leicht errötend den Blick.
„Gut... ähm... ich wollte eigentlich Wasser kochen... für Kaffee... oder Tee... oder sowas. Ich hab nur..."
Schmunzelnd griff sie in eines der Regale und holte einen Wasserkessel hervor.
„Komm, ich zeige dir wo alles ist."
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Mit ein bisschen Hilfe
FanfictionSein ganzes Leben lang hat er getan, was man von ihm erwartet hat. Job, Karriere, Ehe - immer der gehorsame Sohn und der treusorgende Ehemann. Doch als seine Schwester ihn auf eine unverhoffte Urlaubsreise schickt, stellt das sein gesamtes Leben auf...
