Kapitel 8

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Der nächste Morgen war... anders und das irritierte ihn.
Es fing damit an, dass er beim Aufwachen nicht wie üblich von der morgendlichen, kühlen Stille begrüßt wurde. Stattdessen drang Stimmengewirr an sein Ohr, genauso wie das rhythmische Klopfen der Axt. Erschrocken riss er die Augen auf. Er hatte verschlafen. Umständlich pellte er sich aus der dünnen Decke, in die er sich eingewickelt hatte und stolperte nahezu aus seinem Bett. Hektisch entledigte er sich seiner Schlafklamotten und schlüpfte in eine dünne Rangerhose, ehe er sich ein sauberes Shirt aus seinem Rucksack griff und über zog. Fast schon eilig krabbelte er ins Freie und fuhr sich mit der Hand durch das Haar, um dieses wenigstens etwas zu ordnen. Er hatte seine Mähne zwar auch am Vortag wieder mit Pomade zu bändigen versucht, sie aber am Abend wieder ausgewaschen. Doch heute war er schon zu spät dran und wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. Izzy behauptete doch, dass es besser aussehen würde. Und Magnus hatte doch auch gesagt, dass es ihm eher gefallen würde, oder? Wenn er sich nur nicht so unsicher dabei fühlen würde...
„Guten Morgen, Schlafmütze." schallte ihm schon die fröhliche Stimme der Rothaarigen entgegen, als er sich den anderen näherte. Schnell huschte sein Blick über die Anwesenden und bis auf den Asiaten schienen alle anderen bereits wach zu sein.
„Morgen... entschuldigt..." versuchte er anzusetzen, wurde aber sofort wieder unterbrochen.
„Du musst dich doch nicht Entschuldigen. Wir sind hier im Urlaub, da darfst auch du mal ausschlafen."
Mit einem breiten Lächeln hielt Clary ihm einen Becher mit Kaffee entgegen.
„Du trinkst doch schwarz, oder?"
Mit einem Nicken und leicht rosa Wangen nahm er die Tasse entgegen.
„Kann... kann ich noch irgendwas helfen?"
„Setz dich einfach hin, Kleiner, und lass uns machen." grinste ihn nun Simon an und drückte ihn an der Schulter auf eine der Holzbänke runter.
„O-okay..."
Er wusste nicht wirklich mit der Situation umzugehen. Es war ihm einfach unsagbar peinlich so lange geschlafen zu und die morgendlichen Arbeiten vernachlässigt zu haben. Jetzt einfach nur da zu sitzen und den anderen zuzusehen war so gar nichts für ihn. Er konnte sich doch nicht einfach bedienen lassen...
Also erhob er sich nach einem weiteren Schluck seines Muntermachers wieder und begann damit wenigstens den Tisch zu decken.
Schließlich gesellte sich auch Magnus zu ihnen. Allerdings kam er nicht aus seiner Hütte gekrochen, sondern aus dem Wald mit einem Korb voller Früchte. Fröhlich grinste er Alec entgegen und reichte ihm eine der frisch geernteten Mangos. Gemeinsam bereiteten sie einen Teil des Obstes als kleine Snacks vor.
Nach dem Frühstück erklärte Alec sich freiwillig dazu bereit sich um den Abwasch zu kümmern.

So hatte er sich auch erst Mittags zu seinem einsamen Spaziergang zurück ziehen können. Noch immer war er nachdenklich und irgendwie wollte ihm das nächtliche Treffen einfach nicht aus dem Kopf gehen.
'Mach die Augen zu...' hörte er wieder die geflüsterten Worte. 'Versuch einfach hinaus zu horchen.'
Unsicher blieb er stehen und atmete noch einmal tief durch. Dann schloss er die Augen.
'Konzentriere dich auf den Geruch.' hauchte die Stimme in seiner Erinnerung.
Doch diesmal war es anders. Wo in der Nacht eine gewisse Leichtigkeit in der Luft gelegen hatte, war der ihn umgebende Duft jetzt beinahe drückend und schwer. Der von der Sonne aufgeheizte Geruch der Bäume klebte fast wie Sirup in der Luft und überlagerte dominant die süßliche Note von Blumen und Obst. Dafür nahm er deutlich das Surren, Summen und Brummen der tagaktiven Insekten wahr. Langsam ließ er seine Füße eine Richtung einschlagen und immer wieder machte er kleine Pausen, um seine Umgebung mit geschlossenen Augen in sich aufzunehmen. So war es leicht die Gedanken ziehen zu lassen, auf nichts fokussiert...
Als er das nächste Mal bewusst auf seine Umgebung achtete, musste er erschrocken feststellen, dass er nicht mehr wusste wo er sich befand. Er hatte die bekannten Pfade verlassen und sich in einem Meer aus gleich aussehendem Grün verloren. Bäume und Sträucher, Vogelgezwitscher, alles gleich. Nicht einmal das unterschwellige Rauschen des Meeres konnte er noch hören.
Sofort kehrte die Unsicherheit zurück, als er sich umschaute. Orientierungslos drehte er sich im Kreis.
„Verdammt..." murmelte er zu sich selbst. „Du bist doch echt der größte Trottel der Nation, Lightwood."
Warum hatte er nicht besser auf den Weg geachtet? Nervös fuhr er sich durch die Haare und blickte auf den Pfad, den er gekommen war.
„Nimm einfach den Weg zurück. Kann ja nicht so schwer sein."
Gerade als er sich in Bewegung setzen wollte, ließ ein nahes Knacken ihn mit einem erstickten Quieken herum fahren. Gab es hier wilde Tiere? Luke hätte bestimmt was gesagt, aber auch er konnte nicht alles wissen. Oder? Bären... es gab bestimmt Bären... oder Wölfe... vielleicht auch Raubkatzen...
„Hey Kleiner, was machst du denn hier draußen, soweit weg vom Camp?"
Blinzelnd sah er in das grinsende Gesicht des blonden Mannes, der ihn amüsiert musterte. Kurz musste Alec den Kopf schütteln, um seine Gedanken wieder zu fokussieren.
„S-spazieren..." schaffte er es schließlich hervor zu pressen, während sich seine Wangen röteten.
„Hast du dich verlaufen?" deutlich war der neckende Unterton zu hören.
„Nein." platzte der Dunkelhaarige heraus und wandte leicht den Blick ab.

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