Kapitel 30

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„Camille?" rief der Mann erschrocken, als sein Blick auf die drei fremden Männer fiel.
„Was ist hier los? Ist Alec wieder da? Wer ist das?"
„Ich weiß es nicht." murmelte Camille kleinlaut, während sie sich wieder aufrappelte und ihre Kleidung glattstrich.
„Wir sind Alec's Bodyguards." erklärte Simon mit einem freundlichen Lächeln. „Mein Name ist Simon und dass sind Magnus und Jace."
„Bodyguards?" fragte der fremde Mann verblüfft, während die Frau an seiner Seite die drei beinahe ängstlich musterte.
Magnus brummte etwas unverständliches, während Jace überaus höflich antwortete: „Wir kamen zu der Ansicht, dass er uns benötigt, damit gewisse gewalttätige Elemente dieser Bevölkerung nicht in Versuchung kommen. Mit wem haben wir das Vergnügen?"
Der Mann beachtete ihn gar nicht mehr, sondern sah nur Alec's Ehefrau an.
„Camille, was ist hier los? Wo ist Alec?"
„Oben." murmelte die Angesprochene.
„Wo war er?" herrschte der Mann sie barsch an.
Das Klappern von Füßen auf der Treppe lenkte sie ab. Alec's Augen wurden groß, als er die Menschenansammlung im Flur bemerkte. Ehe er etwas sagen konnte, fuhr der fremde Mann auf.
„Isabelle! Ich hätte wissen müssen, dass du deine Hände im Spiel hast."
Alec's Miene wurde ausdruckslos.
„Izzy hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, Dad."
Sein Vater schien den Zustand seines Gesichtes nicht zu registrieren, doch er sah seine Mutter zusammenzucken.
„Darf ich euch Magnus, Jace und Simon vorstellen? Wir haben uns im Urlaub kennengelernt. Das sind meine Eltern Maryse und Robert." fuhr er mit einem Blick auf seine drei Freunde fort.
Jace und Simon griffen nach den beiden Reisetaschen, die er mit nach unten gebracht hatte. Magnus rührte sich jedoch nicht von der Stelle.
„Was genau hast du Vor, Alec?" erkundigte sich sein Vater erbost mit einem Blick auf die beiden Männer, die mit den Taschen das Haus verließen.
„Ich ziehe aus." erklärte Alec leise. „Und ich werde die Scheidung beantragen."
„Oh mein Gott." flüsterte seine Mutter erstickt, während sein Vater vor Wut rot anlief.
„Wie bitte? Was ist das jetzt wieder für eine Macke von dir? Ist es zu viel verlange, dass du dich einmal wie ein ordentlich erzogener Sohn benimmst?" schrie er unbeherrscht und drehte sich dann zu seiner Frau um. „Siehst du jetzt ein, dass du ihn völlig verzogen hast?"
Magnus konnte nicht mehr an sich halten und fing an zu lachen. Allerdings war es kein belustigtes Lachen.
Alec war mit zwei großen Schritten bei seiner Mutter, der jetzt Tränen in den Augen standen.
„Nicht Mom." sagte er leise. „Nicht weinen."
„Alec, warum tut du das?" fragte Maryse verzweifelt. „Was habe ich nur falsch gemacht?"
„Nichts Mom, du hast gar nichts falsch gemacht."
Er umarmte seine Mutter und flüsterte ihr ins Ohr.
„Du hast dich genau wie ich an jemanden geklammert, der die Kontrolle über dich haben möchte."
Maryse wurde blass und schaute fast ängstlich auf ihren Mann. Alec folgte dem Blick.
„Ich werde nicht bei einer Frau bleiben, die mich geschlagen hat... nur weil ich mich nicht so verhalten habe, wie sie es gern hätte."
Robert starrte ihn fassungslos an. Wahrscheinlich registrierte er erst jetzt die Verletzungen in seinem Gesicht.
„Ich... ich habe deine Mutter nie geschlagen." stieß er hervor.
„Ich weiß." antwortete Alec traurig.
Robert hatte sie wirklich nie geschlagen, aber sie hatte ihm auch nie widersprochen.
„Es tut mir leid, Mom, aber ich kann das nicht mehr. Es sind einige Dinge passiert, die nicht wieder rückgängig gemacht werden können... und es sind Dinge passiert, die ich nie vergessen werde. Dinge, die mich zu der Ansicht gebracht haben, dass in meinem bisherigen Leben ein paar Dinge falsch gelaufen sind. Ich brauche Zeit darüber nachzudenken und ich brauche Abstand zu Camille. Ich denke nicht, dass ich verzeihen kann, was sie gestern getan hat... oder dass ich es verzeihen will. In den vergangenen acht Wochen habe ich festgestellt, dass ich sehr wohl fähig bin, selbst Entscheidungen zu treffen, selbst zu handeln und dass ich ein Mensch mit Gefühlen und Wünschen bin, die ich mir erfüllen kann und möchte."
Alle Menschen, selbst Izzy, sahen ihn mit großen Augen an. Wahrscheinlich hatte noch niemand von ihnen Alec derart viele zusammenhängende Sätze reden hören.
Nur Magnus lächelte und Alec ahnte, wie schwer es ihm fiel nichts zu sagen. Selbst Izzy hielt ihren sonst so vorlauten Mund und Alec fühlte sich unheimlich stolz, für sich selbst reden zu können. Er wusste, dass Magnus aus genau diesem Grund still war und er lächelte jetzt fast verträumt zurück.
„Bereit zu gehen, Alexander?" fragte Magnus sanft.
Er nickte und griff nach der angebotenen Hand. Camille's Mund klappte auf, Izzy strahlte über das ganze Gesicht und Robert schluckte krampfhaft mit hochrotem Kopf. Einzig und allein Maryse brachte ein zaghaftes Lächeln zustande und erkundigte sich vorsichtig.
„Wo wirst du denn wohnen?"
„Ich wohne vorerst im Four Seasons."
Camille hatte endlich ihre Sprache wiedergefunden.
„Ich werde das Konto sperren! Du... du kannst nicht auf meine Kosten deine Faxen ausleben..."
„Nun, Camille..." erklang Jace's Stimme von der Eingangstür. „Dann werde ich mich gleich morgen hinsetzen und die Unterhaltsforderungen berechnen, mal davon abgesehen, dass Alec's Gehalt ja wohl auch auf das gemeinsame Konto geht."
Magnus lächelte sein berüchtigtes ironisches Grinsen.
„Mein Name ist Magnus Bane. Wenn du ein paar..."
Er unterbrach sich selbst, als er Camille's Kinnlade nach unten klappen sah.
„Ah, ich sehe du weißt wer ich bin. Dann weißt du auch, dass Geld Alec's kleinstes Problem ist."
Seine Augen funkelten, als er wieder Alec anschaute.
„Vielleicht wäre es an der Zeit etwas übers Reiten und Pferdezucht zu lernen."
Alec lachte auf. Mit Blick auf seine Eltern verabschiedete er sich.
„Ich werde mich melden."
Ein letztes Mal musterte er mit kaltem Blick seine Noch-Ehefrau.
„Du hörst von meinem Rechtsanwalt."
Er ging zur Tür, ohne Magnus loszulassen.
„Sehr bald..." murmelte Jace und folgte ihnen.


„Ich bin total aufgeregt..." murmelte Alec und starrte durch die Frontscheibe hinaus in die beinahe eintönig wirkende Landschaft.
Gefühlte Ewigkeiten fuhren sie bereits durch die „Wildnis" und er konnte nicht mehr sagen, wie viel Zeit vergangen war seit sie das Stadtgebiet verlassen hatten. 30 Minuten? Eine Stunde?
Alles was er sehen konnte waren Weiden... Weiden und Koppeln für Pferd und Waldabschnitte. „Ich habe gar nicht gewusst, dass dein Land so groß ist..."
Magnus saß am Steuer des großen Land Rovers und grinste verschmitzt in seine Richtung.
„Wie schön, dann weiß ich wenigstens, dass du nicht hinter meinem Geld her bist."
Alec lachte leise und schüttelte leicht den Kopf.
Neun Monate waren vergangen, seit dem Tag, an dem er seine Taschen gepackt und das Haus seiner Ehe verlassen hatte. Viel war in dieser Zeit passiert - von der Scheidung einmal abgesehen. Jace war ein exzellenter Anwalt und er hatte sich mit Feuereifer in den Kampf gegen Camille gestürzt. Natürlich hatte es eine Rolle gespielt, dass sie die zukünftige Ex-Frau der Flamme seines besten Freundes war. Aber nach allem, was er über sie gehört und vor allem von ihr gesehen hatte, mochte er sie auch nicht besonders. Und nachdem bekannt wurde, dass sie ihren Mann während der gesamten Ehe - ja quasi seit der Schließung der selbigen, regelmäßig betrogen hatte, war der Blondschopf nur um so verbissener. Alec war mehr als froh gewesen, einen solchen Freund gewonnen zu haben. Magnus besorgte ihm unterdessen eine kleine, schicke Appartementwohnung in Boston, in die er nach zwei Wochen auch einzog. Natürlich hätte der Asiat ihn am liebsten sofort mit nach New York genommen, aber... sie beide wussten, dass erst noch ein paar dringende Angelegenheiten geklärt werden mussten. Unter anderem hatte Alec auch beschlossen seinen Job in der Firma seines Vaters zu kündigen. Ihm war klar, dass dieser Schritt nötig war, um wirklich auf eigenen Beinen stehen zu können.
Kaum drei Wochen nach seinem Auszug fiel Alec aus allen Wolken, als sich Clary bei ihm meldete und frage, ob alles in Ordnung wäre. Alec hatte am Telefon geweint, einerseits vor Freude über den Anruf, andererseits aber auch, weil die Situation an seinen Nerven zerrte. Also hatte der Rotschopf kurzerhand beschlossen ihn öfter mal zu besuchen, schließlich wohnte sie nur eine halbe Stunde entfernt. Sie traf sich auch regelmäßig mit Jace und Alec freute sich für die beiden. Als der Blonde ihm irgendwann ganz erstaunt, beinahe erschrocken erzählte, dass Jocelyn die Mutter seiner Freundin wäre, hatte Alec nur nickend gegrinst. Irgend so etwas hatte er sich schon gedacht, die beiden Frauen waren viel zu vertraut miteinander gewesen. Auch Maia und Simon trafen sich noch ein, zwei Mal, aber eine richtige Beziehung kam zwischen den beiden nicht zustande. Das endete spätestens an dem Tag, als Alec eine kleine Einweihungsparty in seiner neuen Wohnung gab und der nerdige Simon auf die aufgeweckte Isabelle traf. Am Anfang wusste Alec nicht so recht was er davon halten sollte. Nicht, dass er Simon nicht mochte aber es ging immerhin um seine Schwester. Doch Magnus versicherte ihm, dass Izzy mit dem Filmfreak einen guten Mann erwischt hatte und Alec vertraute ihm dabei, wie in so vielen Dingen.Wenn er jetzt so darüber nachdachte, dann waren die letzten Monate die schönste Zeit seines Lebens. Aus seiner Sicht zählten sogar die acht Wochen auf dem Inselarchipel dazu, obwohl er am Anfang solche Angst davor gehabt hatte. Mit Bedauern dachte er an die vielen Jahre, in denen er nicht gewusst hat, was ihm fehlte und in denen er mit sich umspringen ließ, als wäre er ein unmündiges Kind. Aber das war vorbei... nur manchmal da stiegen die Erinnerungen hoch und er verfluchte sich selbst für seine Unselbstständigkeit.Magnus sagte dann immer, er wäre doch erst 26 und hätte sein gesamtes Leben doch noch vor sich. Warum also der Vergangenheit nachweinen? Das könne man doch sowieso nicht mehr ändern. Bei diesem Gedanken musste Alec erneut lächeln und warf einen Blick in Magnus' Richtung, der unterdessen wieder auf die staubige Straße blickte. Ohne ihn wäre es gar nicht erst soweit gekommen...
Wie schnell doch alles, was man einst als wichtig erachtet hatte, zu einer Nebensächlichkeit verkommen konnte. Eine Frau, eine gute Reputation und der Job in der Firma seines Vaters, die er irgendwann übernehmen sollte...Jetzt spielte das alles keine Rolle mehr. Die letzten Monate hatten ihm gezeigt, dass er sehr wohl auch alleine zurecht kommen konnte. Und er hatte festgestellt, wie viel Spaßes machte eigene Entscheidungen zu treffen, selbst wenn es nur um so einfache Dinge wie die Einrichtung der Wohnung oder seiner Kleiderwahl ging.Magnus war nicht die ganze Zeit in Boston geblieben. Er hatte immerhin eine Ranch zu leiten, aber sobald seine Zeit es zuließ, besuchte er Alec. Sie gingen Essen, sie gingen ins Theater oder sie spazierten einfach durch einen der vielen Parks oder am Meer entlang. Sie genossen einfach die Zeit ohne von der Zukunft zu sprechen und lernten sich besser kennen. Natürlich verbrachten sie auch die Nächte miteinander, in denen sie sich im Taumel der Leidenschaft verloren.Alec verstand sich selbst nicht mehr, doch Izzy konnte nur lachen, wenn er ihr davon erzählte. Besonders wenn er mit roten Wangen erklärte, dass er seine Finger nicht von Magnus lassen könne, wenn sie alleine waren. Dann folgte dieser Ich-hab-es-dir-doch-gesagt-Blick, über den er mittlerweile mitlachen musste und er dankte seiner Schwester im stillen wohl zum millionsten Mal für ihre damalige Aktion.Es dauerte trotzdem ganze neun Monate, bis Alec - plötzlich wieder ganz schüchtern - sagte, dass er gerne die Ranch sehen würde. Da war wieder dieses Leuchten in Magnus' Augen getreten, dass er so liebte. Magnus hatte ihn sanft geküsst und ihm leise in Ohr geflüstert: „Wann immer du willst, Alexander." Gerade so als hätte er nur auf diese Worte gewartet.Die Fahrt dauerte nun schon fast fünf Stunden, aber da Alec mindestens zwei Monate bleiben wollte, musste er jede Menge Gepäck mitnehmen und hatte das Auto dem Flugzeug vorgezogen. Es störte ihn nicht, denn er liebte es neben Magnus im Auto zu sitzen, die vorbei ziehende Landschaft zu betrachten und vor sich hin zu träumen. Einmal hatte er ihm angeboten selbst zu fahren und hatte lachen müssen, als er den erschrockenen, beinahe panischen Gesichtsausdruck gesehen hatte. Doch als er erfuhr, dass Alec zwar einen Führerschein hatte, seine Frau aber auf einen Chauffeur bestanden hatte, musste er die Zähne zusammenbeißen.
„Dann... muss ich mir vormerken, dich an das Fahren zu gewöhnen."Die Liste der Dinge, die Magnus mit ihm machen oder ihm beibringen wollte, wurde immer länger. Mit einem mulmigen Gefühl dachte der großgewachsene Mann an die Reithose in seinem Gepäck, aber er hatte sich geschworen niemals wieder etwas abzulehnen, nur weil er es nicht kannte oder weil andere es ablehnten. Außerdem... Pferde sahen im Fernsehen ja eigentlich ganz lieb aus.
„Wir sind gleich da." störte Magnus seine Überlegungen und deutete auf die am Horizont auftauchenden Gebäude.

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